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Marburg Kirche zeigt sich kreativ in digitaler Welt
Marburg Kirche zeigt sich kreativ in digitaler Welt
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14:00 05.03.2021
Pfiffige Idee in der Pandemie: Der Pfingstgottesdienst im Marburger Autokino am 1. Juni 2020 wurde sehr gut angenommen.
Pfiffige Idee in der Pandemie: Der Pfingstgottesdienst im Marburger Autokino am 1. Juni 2020 wurde sehr gut angenommen. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Not macht erfinderisch und veränderte Vorgaben kreativ. Man findet zusammen, übt Solidarität. Die Kirchen fanden schnell zusammen. Bereits am 20. März vergangenen Jahres waren es Bischof Dr. Georg Bätzing, der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Landesbischof Dr. Heinrich-Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Metropolit Augoustinos, Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland, die ein Zeichen setzen wollten anlässlich einer weltweiten Krise um das Corona-Virus mit ungewissem Ausgang. Die drei machten deutlich, dass sich die Kirchen mit ihren Gläubigen keine Extra-Rechte herausnehmen wollen, sich viel mehr an die staatlichen Vorgaben konsequent halten werden, auch wenn das bedeute, dass gemeindliche Veranstaltungen abgesagt und kirchliche Einrichtungen weitgehend geschlossen werden.

„Wie alle unverschuldete Not, die über die menschliche Gemeinschaft kommt, so kennt auch diese Krise keine Gerechtigkeit“, schrieben sie. Und genauso wurde sie bisher erlebt. Familien verloren geliebte Angehörige, andere ihre wirtschaftliche Existenz. Während die einen tagtäglich mit Leid und Tod konfrontiert wurden, lebten andere nur widerwillig im Lockdown und machten aus egoistischen Gründen, weil sie so rein gar keine Veränderung in ihrem Lebensumfeld feststellten, Front gegen den Staat, unterstellten ihm alle möglichen Beweggründe, das Volk zu entrechten und zu unterjochen. Die Kirche blieb bei ihrer Linie, stellte aber schon fest, dass dieses Virus die Kraft entfaltete, Grundsatzfragen zum Zustand der Gesellschaften an die Oberfläche zu spülen. Ein Grund mehr für die Kirchen, jetzt als verlässliche Felsen in der Brandung Lebenshilfe zu geben, Trost zu spenden, Glauben zu leben. So änderten sich die äußeren Umstände, aber nie die Inhalte. Gottesdienste wurden digital, eroberten so die heimischen Wohnzimmer, nicht nur als Livestream, sondern auch über Podcast und Apps mit christlichen Inhalten.

Ideen-Schmiede Gemeinde

Wer noch mehr in der analogen Welt lebte, wurde mit Predigten in Papierform versorgt. Die Kirchengemeinden wurden zu Ideen-Schmieden, wie Gemeinschaft gelebt werden kann, ohne sich nahe kommen zu müssen. Frustration machte sich trotzdem breit. Wenn etwa bei Beerdigungen viele Menschen von der Begleitung des Verstorbenen auf seinem letzten Weg ausgeschlossen werden mussten. Wenn Menschen spürten, dass ihnen selbst die Zeit wegläuft, sie möglicherweise hohe Feste nie mehr in der Kirche erleben werden, ohne sich bewusst mit einer letzten Teilnahme davon verabschiedet zu haben. „Kirche nach Corona wird nicht sein wie Kirche vor Corona“, sagte Bischöfin Dr. Beate Hofmann von der Landeskirche Kurhessen-Waldeck bei einer virtuellen Zusammenkunft des Kirchenparlaments Ende Januar. Und sie hatte auch Schmerzliches zu berichten. Nur zwei Tage zuvor war Job Henock Ubane, der Bischof der Evangelisch-lutherischen Kirche im südlichen Afrika – Partnerkirche der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck – an Corona verstorben. Er hatte noch am Einführungsgottesdienst der Bischöfin im Herbst 2019 teilgenommen. Was hilft in so einer Situation durchhalten? Und dann stellte sie die Frage, die sich eigentlich alle Menschen stellen: „Woher kommt die Energie, wieder aufzustehen in all dem, was müde macht und Kraft raubt?“

Pfarrers Fensterbank

Ein großes Stück weit aus dem Glauben und daraus, einfach weiterzumachen, zueinander zu stehen und neue Wege zu beschreiten. „Wir werden die Chancen und Möglichkeiten digitaler Verkündigung, Bildung und Seelsorge weiter erkunden und ausbauen“, sagt sie, nachzulesen auch in einem Beitrag auf der Homepage der Landeskirche. Und da werden die Kirchengemeinden vor Ort wahrlich nicht müde Neues auszuprobieren, um Gemeinschaft im Glauben erlebbar zu machen, auch wenn sich alle darauf freuen, irgendwann wieder ganz klassisch in die Kirche kommen zu dürfen, um dort unter anderem endlich wieder gemeinsam singen und beten zu können. Pfarrer Ralf Rückert vom evangelischen Pfarramt Sterzhausen-Caldern hat unter der Telefonnummer 0 64 20 / 82 27 65 eine Miniandacht „von Pfarrers Fensterbank“ eingerichtet. Das Tolle daran, man kann diese Nummer zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen und einfach zuhören. Und unter 0 64 21 / 17 50 775 ist man mit dem Andachtstelefon des Kirchenkreises Kirchhain verbunden.

Livestreams

Dort sind Andachten von verschiedenen Pfarrern zu hören. Es werden „Zoom“-Gottesdienste gefeiert, die Videos anschließend auf der Homepage der Kirchengemeinden für andere, die nicht dabei waren, zum Anschauen zur Verfügung gestellt. Heute gibt es zum Weltgebetstag ab 19 Uhr auch wieder einen Zoomgottesdienst. Die Gottesdienste in der Stiftskirche in Wetter werden als Livestreams angeboten und können ebenfalls später noch angesehen werden. Die Kirchengemeinde Herrenwald in Stadtallendorf feiert heute um 16 Uhr den ersten „Zoom“-Gottesdienst für Kinder zwischen vier und zehn Jahren und über „Zoom“-Schaltungen können Kirchenmitglieder gemeinsam frühstücken und in der Bibel lesen. Viele neue Formate, die gute Chancen haben, auch nach der Pandemie immer mal wieder eingesetzt werden.

 

Von Götz Schaub

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