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Marburg Der schiefe Turm von Marburg wird repariert
Marburg Der schiefe Turm von Marburg wird repariert
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19:54 14.07.2020
Vom Turm der Lutherischen Pfarrkirche hat man einen weiten Blick über Marburg. Die Kirche muss saniert werden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Über den Dächern der Oberstadt, umzingelt von Holzbalken, schaut Ulrich Biskamp auf sein Heiligstes. Aus dem Turm heraus blickt er auf die Lutherische Pfarrkirche in ihrer ganzen Länge.

Es ist eine Aussicht, in deren Genuss nicht sehr viele kommen. Aber Biskamp ist nicht wegen des Marburg-Panoramas die vielen Stufen im engen Gang hoch gestiegen, sondern um sich aus der Ferne etwas so genau anzuschauen, wie es eben geht. „Der ist ganz schön mitgenommen“, sagt er und deutet mit dem Finger auf das andere Ende des Gotteshauses, genauer: auf den Dachreiter.

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Doch nicht nur das Türmchen ist stark beschädigt, worauf die an ihm immer loser hängenden oder schon abgestürzten Schieferplatten hindeuten. Vor allem das, was vor den Augen verborgen ist, die Holzträger im Inneren können so nicht viel länger bleiben.

Durchfeuchtet, angeknackst, nicht mehr so belastbar wie noch vor Jahrhunderten beim Bau: Eine Schadensbegutachtung im vergangenen Jahr hat gezeigt, dass es akuten Handlungsbedarf speziell am Dach der Pfarrkirche gibt.

Marode Holzbalken – viele Schäden sind im Inneren der Kirche sichtbar. Quelle: Thorsten Richter

„Seit dem Bau der Kirche ist das Dach nie grundlegend überholt worden, aber im schlimmsten Zustand ist die Südseite des Chors. Man hört den Zustand auch ganz gut bei Wind: Dann flattern die Schiefertafeln“, sagt Alexandra Best vom Evangelischen Kirchenkreisamt.

Es ist ausgehend von dem Dachaufbau die dem Kirchplatz zugewandte Seite, die sie meint. „Wenn hier und da eine Platte auf dem Dach fehlt, wirkt das nicht so dramatisch. Die schweren Schäden entstehen dahinter, über die Nässe und Feuchte. Da faulen gerade Originalbalken weg“, sagt Ralph Hartmann, Vorsitzender des Gesamtverbands der Evangelischen Kirchengemeinden.

450.000 Euro aus Denkmalschutzfonds

Als Hauseigentümer hat man nun einen Zuschuss von 450.000 Euro aus einem Denkmalschutzfonds des Bundes bekommen; das ist die Hälfte des nötigen Betrags für diese Teilfläche. Kleine Bauabschnitte, wie man sie vor Jahren schon angedacht hat hin oder her: Das ganze Dach zu reparieren würde mehrere Millionen Euro kosten. Wie Best sagt, macht der ab 2021 oder 2022 für rund eine Million Euro anstehende Sanierungsbereich etwa zehn Prozent der Gesamtfläche aus.

„Also ein Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin ein Anfang“, sagt Hartmann. Die Bauarbeiten, die dann in bis zu 38 Metern Höhe stattfinden werden, sollen den Gottesdienst-Betrieb nicht beeinträchtigen. Zwar könnte es sein, dass nahe des Altars Abstütz-Vorrichtungen aufgebaut werden; eine Einschränkung für Betende oder Besucher werde es nicht geben.

Bis es zur Sanierung des Innenbereichs, der auch viele Schäden aufweist, kommt, wird es noch länger dauern. Quelle: Thorsten Richter

Dass sich der Bund überhaupt mit rund einer halben Million Euro beteiligt, liegt an der oft und gerade im Vergleich zur weltweit berühmten Elisabethkirche eher unbekannten Geschichtsträchtigkeit der ab dem 13. Jahrhundert gebauten Kirche, bei der 1473 die schiefe Turmspitze, ihr Charakteristikum hinzukam.

„Die Anfänge der Reformation sind mit diesem Ort verbunden“, sagt Hartmann. Denn das Oberstadt-Gotteshaus, das seinerzeit eben im Herzen der sich ausdehnenden Stadt und nicht wie die Elisabethkirche außerhalb liegend gebaut wurde, war einst Schauplatz eines heftigen Kampfes zwischen Calvinisten und Lutheranern.

Besondere Bedeutung der Kirche

Im Jahr 1604, etwa 40 Jahre nach dem Tod von Landgraf Philipp kommt der calvinistische Landgraf Moritz von Hessen-Kassel an die Macht. Er muss zwar das lutherische Bekenntnis in seiner Grafschaft beibehalten, versucht aber, in Marburg die calvinistische Glaubenspraxis einzuführen. Dagegen protestierten die Bürger, es gibt im Sommer 1605 einen gewaltsamen Aufstand.

Ein Söldnertrupp mit Moritz an der Spitze rückt in der Stadt ein, die sich dann unterwirft – Teile des Inneren der Pfarrkirche werden zerstört. Aber: Eine Generation später setzt sich das lutherische Bekenntnis in Marburg und darüber hinaus wieder durch. Hartmann: „Unsere Kirche hat also eine besondere Bedeutung dafür, dass sich zumindest in Hessen die Reformation durchsetzte, dass Hessen mehrheitlich vom evangelischen Glauben geprägt ist.“ Und weder die Erinnerung daran soll bröckeln, noch das Bauwerk selbst.

Von Björn Wisker