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Marburg „Das blöde Coronavirus soll weggehen“
Marburg „Das blöde Coronavirus soll weggehen“
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09:58 13.04.2020
Erzieherin Bianca Honnef cremt mit den Kindern der Corona-Notbetreuung in der Kita Ockershausen die Hände nach dem ausgiebigen Waschen ein. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Stille. Ohrenbetäubende Stille. Im Flur der evangelischen Kita in Ockershausen ist es so ruhig, wie noch nie. Da, wo sonst bis zu 80 Kinder umherflitzen, herrscht nun gähnende Leere. Nur aus dem Badezimmer dringen leise Stimmen mit einer wohlbekannten Melodie.

„Häbbie börsday tu ju, häbbie börsday tu ju, häbbie börsday, liebe Hände“, singen Kaan, Levi und Justus im Chor. Die Kleinen stehen am Mini-Waschbecken und schäumen sich ausgiebig die Hände ein. Dabei singen sie das bekannte Geburtstagslied, um auch ja lange genug die Hände zu waschen.

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Die 30-Sekunden-Anti-Corona-Händewasch-Regel wird mit Freude zelebriert. Die Knirpse wissen warum: „Damit das Coronavirus weggeht. Das ist nämlich blöd und macht, dass viele Leute sterben“, erklärt Levi. Der Dreijährige weiß Bescheid. Seine Mama ist Ärztin und hat ihm die Corona-Pandemie kindgerecht erläutert.

Zehn Prozent nutzen Notbetreuung

Levi gehört zu den elf Kindern, die in der Notbetreuung der evangelischen Kita Ockershausen sind, weil ihre Eltern zu den systemrelevanten Berufsgruppen gehören. So wie die Eltern von Madita. Ihre Mama ist medizinisch technische Assistentin, der Papa arbeitet im Lebensmittelhandel und ist in der jetzigen Krise besonders eingespannt.

Beide sind heilfroh, dass ihre zwei Töchter in die Notbetreuung gehen können. Die zweijährige Tochter wird in der Uni-Krippe betreut, die sechsjährige Madita geht täglich in die Notbetreuung in der Kita Ockershausen. In Marburg nutzen rund zehn Prozent der Eltern von Kita-Kindern das Angebot der Notbetreuung. Drei Prozent sind es bei schulpflichtigen Kindern.

Und immer wieder heißt es: Hände waschen. So lange wie das Lied „Happy Birthday“ dauert. Foto: Nadine Weigel

„Ich bin dem Team so dankbar, die geben sich alle solche Mühe hier“, betont die Mutter. Madita findet es auch gut. Da sie sonst eher schüchtern ist, komme sie nun mit weniger Kindern eher aus sich raus, sagt Kita-Leiterin Anke Hillig und ergänzt lachend: „Die Kinder, die hier sind, freuen sich, dass sie alle Spielsachen ganz für sich allein haben.“

Corona sei ein Thema, das die Kinder sehr beschäftige. „Sie spüren, dass alles anders ist, sie fragen sich, warum sie nicht zu ihren Großeltern können und sie merken auch, wenn ihre Eltern etwas angespannter sind“, weiß Hillig. Darauf müsse behutsam eingegangen werden.

Inzwischen hat sich alles eingespielt

Die 49-Jährige hat stressige Wochen hinter sich. „Am Anfang war eine große Unsicherheit da.“ Jeden Tag kamen neue Informationen vom evangelischen Träger, der Stadt Marburg und dem Land Hessen. Darauf musste sich das Team schnell einstellen. Plötzlich musste das pädagogische Personal zum Beispiel putzen und kochen, weil die Zuständigen zu den Risikogruppen gehören.

Nun hat sich das Ganze eingespielt: Zwei Teams mit je drei Erziehern und Leitung kümmern sich um die elf Kinder, damit die Notbetreuung auch dann weiterlaufen kann, falls ein Team durch Erkrankung ausfallen sollte. Zwei Mitarbeiter bauen fleißig Sachen fürs Außengelände, andere nutzen die Zeit für Fachtext-Lektüre. Und dann sind da noch die Erzieher im Homeoffice.

Viele Eltern haben großen Redebedarf

Das hört sich vielleicht erstmal ulkig an, aber auch sie leisten wertvolle Arbeit, wie die Leiterin betont. Denn sie sind es, die zu Hause bei den Kindern anrufen und sich nach ihnen erkundigen. Wichtig ist dabei ebenfalls die Unterstützung der Eltern, die nun in der Krise den Spagat zwischen Homeoffice und Kinderbetreuung schaffen müssen. „Wir haben festgestellt, dass viele Eltern einen großen Redebedarf haben“, sagt Hillig.

Um mit Eltern und Kindern weiterhin in engem Kontakt zu bleiben, nutzt das Team auch digitale Kommunikationsmittel. Über eine Kita-App und eine eigens eingerichtete Cloud werden nicht nur Bastel-Tipps weitergegeben, sondern auch Fotos und Videos der Kinder, damit die sich auch weiterhin eben übers Handy sehen. „Man merkt schon, wie sehr die Kinder ihre Freunde vermissen“, so die Leiterin.

Ostergeschenke hingen am Zaun

Besonders schlimm war das nun so kurz vor Ostern. Hillig und ihr Team haben jedem Kind ein Ostergeschenk vorbereitet und an den Zaun gehängt. Die Eltern bekamen über die App einen Zeitraum mitgeteilt, in dem sie mit ihren Kindern die Geschenke abholen – und eben nicht in Kontakt mit anderen Kindern kommen konnten.

Dennoch war die Abholung sehr emotional für beide Seiten. Denn am Fenster in der Kita standen die Kinder der Notbetreuung und haben ihren Freunden an der Straße zugewunken und gesungen. „Das war auch für uns hart, weil die Kleinen ja nicht verstehen, warum sie nicht auf uns zurennen und uns umarmen können“, sagt die Erzieherin.

Auch bei den Kindern in der Notbetreuung gab es anfänglich Empfehlungen, einen Sicherheitsabstand einzuhalten. Absurd. Wie sollen Erzieher mit einem Abstand von zwei Metern ein weinendes Kind trösten?

Rücken freihalten für die andere Helden

Hillig und ihr Team wissen, dass sie sich mit Körpernähe einem höheren Risiko aussetzen. Denn es sind ja vor allem die Kinder von Eltern, die in medizinischen Berufen arbeiten. Und die haben eine höhere Gefahr, mit einem an Covid-19 Erkrankten in Kontakt zu kommen.

„Deshalb sind wir achtsamer, ein Kind mit einer laufenden Nase wird nach Hause geschickt“, so die Kita-Leiterin. Trotz der erhöhten Gefahr für eine Ansteckung mit dem Coronavirus machen die Erzieherinnen in Ockershausen wie so viele Erzieherinnen im gesamten Landkreis Marburg-Biedenkopf mit Herzblut weiter. Sie halten denen den Rücken frei, die tagtäglich in vorderster Front in den Kampf gegen die Corona-Pandemie ziehen.

Von Nadine Weigel

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