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Marburg Im Wald lässt sich Corona besser aushalten
Marburg Im Wald lässt sich Corona besser aushalten
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19:00 13.06.2020
Pädagogin Inken Kohl (links), Mutter Marina Dörnemann und ihr Sohn Niklas (6) vor dem Tipi des Waldkindergartens in Wehrda. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Die Vögel zwitschern in den Bäumen, bei jedem Schritt auf dem Erdboden knistert es, überall sattes Grün und Bäume, Äste, Holz – soweit das Auge reicht, und selbstverständlich die frische Luft in der Natur rund um Marburg: Nach fast drei Monaten Kindergarten-Verbot ist das Toben, Spielen und Lernen mit gleichaltrigen Freunden für Niklas an diesem Juni-Tag nur noch wenige Meter und Minuten entfernt. „Wenn wir wieder spielen hast du versprochen, dass wir in den Matsch springen“, sagt der Sechsjährige erwartungsfroh zu seiner Erzieherin. Die blickt an sich hinunter auf ihre Turnschuhe. Verlegenes Schulterzucken. War am Morgen wohl die falsche Kleidungswahl, um Niklas seinen Wunsch zu erfüllen. „Er hat das wohl nicht vergessen; klar, er freut sich ja auch schon die ganze Zeit, wieder in den Kindergarten gehen zu können“, sagt Marina Dörnemann, die Mutter des Jungen.

Neben Niklas sind es am Montag in dieser Woche erstmals wieder mehr als eine Handvoll Kinder, die in Wehrda eine gerade in Corona-Pandemie-Zeiten besondere Form der Kinderbetreuung haben: Wie insgesamt 100 Mädchen und Jungen besuchen sie einen Marburger Waldkindergarten, sind also entweder in Wehrda, in Cappel oder am Ortenberg praktisch den ganzen Tag im Freien unterwegs, statt in geschlossenen Räumen. Zwar arbeiten die Fachkräfte unter denselben Auflagen und Hygiene-Vorschriften, es gibt für die Tipis und Bauwagen ein Betretungsverbot, aber: „Lüften müssen wir schon mal nicht, um die Ansteckungsgefahr zu reduzieren“, sagt Inken Kohl, pädagogische Leiterin des Wehrda-Waldkindergartens.

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Maskenparty und Lieder: Das Thema Corona wird spielerisch vermittelt

Für Niklas wie alle anderen beginnt der Tag zwar mit Händewaschen vor dem Tipi, aber schon beim Morgenkreis, dem kurzen Plausch der Kinder untereinander und mit den Erzieherinnen, ist Corona weit weg – alle sitzen auf dem Boden, besprechen die Aktionen und Abenteuer des Tages und machen sich bei strahlendem Sonnenschein auf in den Wald. Auch da ist dann nach dem Spielen und vor dem Frühstück Händewaschen angesagt. Einstige Normalitäten, wie die Brotdosen zu tauschen oder Getränke zu teilen, sind tabu. Man spreche im Kindergarten-Alltag immer wieder über Corona, sagt Kohl. „Aber ohne diesen panischen Unterton, ohne ständiges ’passt auf’ oder ’ihr dürft euch nicht anfassen’. Das würde nicht gut gehen und keinem gut tun.“ Ihr falle auf, dass die spielerische Vermittlung des Themas gut gelinge. So habe man sich Lieder ausgedacht, eine Mundschutz-Party gefeiert, Masken bemalt. „Ohne das Thema zu veralbern, empfinden die Kinder es so nicht als Drama um Leben und Tod.“

Die Kinder selbst seien grundsätzlich „gesundheitlich stabil, abgehärtet und weil sie fast immer draußen sind auch relativ selten krank. Die Gefahr, sich mit egal was, nicht nur Corona, zu infizieren, ist an der frischen Luft einfach relativ gering“, sagt Kohl. Natürlich gebe es auch im Waldkindergarten speziell zwischen Oktober und März die „Rotznasen-Saison, aber: „Man kann und sollte Kinder auch nicht vor allem bewahren.“ Und auch wenn es in allen Einrichtungen – das ist im Waldkindergarten so – gezwungenermaßen nur noch geschlossene, meist kleinere Gruppen und ein Mischverbot gebe, könne sich dort pädagogisch Positives entwickeln. „Das pinke Glitzerfarben und Einhörner liebende mit dem eher jungenhaften, raufenden Mädchen: Es finden plötzlich Kinder zusammen, die ganz unterschiedlich sind und die eigentlich wenig verbindet. Aber jetzt beschäftigen sie sich miteinander und entwickeln sich eben dadurch weiter“, sagt Kohl in Bezug auf die Erfahrungen der vergangenen Wochen.

Mehr als 1600 Kinder in „eingeschränkter Regelbetreuung“

Eine Woche nach der vom Land Hessen eingeführten „eingeschränkten Regelbetreuung“ gingen in Marburg etwa 1600 Mädchen und Jungen zwischen null und sechs Jahren wieder in Kindergärten oder Krippen – das entsprach etwas mehr als 60 Prozent der verfügbaren, im Normalbetrieb belegten Plätze. In der laufenden Woche sind die Zahlen nochmal gestiegen. In Zeiten der ausschließlichen Notbetreuung, auf die nur Kinder von Eltern in einer wachsenden Zahl systemrelevanter Berufe Anspruch hatten, waren es zuletzt 36 Prozent. Bis Mittwoch – bis zur Ankündigung, dass es ab 6. Juli und somit kurz vor der Sommerschließzeit ab Mitte Juli doch eine Regelbetreuung gibt – ging man beim Jugendamt davon aus, dass es bis auf weiteres keine Vollauslastung geben wird, einzelne Einrichtungen nur auf 50, in anderen auf 80 Prozent hochgefahren wird. Der Auswahlprozess, für den in Marburg Vor-Ort-Kriterien entwickelt wurden, bleibt bis dahin den einzelnen Einrichtungen überlassen.

Ein für die Eltern in diesen Tagen entscheidender Unterschied der Waldkindergärten zu den Innenraum-Einrichtungen, wo auch in der aktuell eingeschränkten Regelbetreuung maximal 80 Prozent einen Platz bekommen haben: Es können tatsächlich über die sowieso notbetreuungsberechtigten alle 100 Kinder in die Betreuung kommen. Zumindest zeitweise und unter den Bauwagen-Betretungsverbotsbedingungen. Und wenn das Wetter mitspielt, denn bei Gewitterwarnungen – wie vergangenen Donnerstag – müssen die Kinder zu Hause bleiben.„Immerhin kriegen so alle wieder ein bisschen Wald“, sagt Kohl.

Das Marburger Jugendamt hat Anfang Juni bereits angedeutet, dass es die Gründung neuer Freiluft-Gruppen in der Stadt während der Corona-Pandemie durchaus als eine Möglichkeit sieht, letztlich allen Kindern Betreuungsplätze zu ermöglichen. Schon vor Corona war das Problem: Es gibt nicht genug, angesichts der Auflagen sogar viel zu wenige Fachkräfte.

Verzicht mancher Eltern bringt Entspannung

Kitas in Hessen nähern sich nun wieder dem normalen Regelbetrieb, ab dem 6. Juli dürfen wieder alle Kinder in die Kita, wie am Mittwoch das Land mitteilte, das von einem „gewohnten Umfang“ bei der Betreuung spricht. Die Hygienevorgaben bleiben dabei bestehen. „Die zuständigen Kommunen und Träger müssen gemeinsam sicherstellen, dass dieser Betreuungsanspruch erfüllt wird“, sagt die Landesregierung. Für Kinder mit Krankheitssymptomen und jene, die Kontakt zu Infizierten hatten, gelte weiterhin das Betretungsverbot. Um „pandemiebedingte Engpässe“ bei den Mitarbeitern abzufedern, wird zudem der Fachkräfteschlüssel vorübergehend gelockert, also die Vorgabe, wie viele Betreuer je nach Anzahl und Alter der Kinder in der Kita arbeiten.

Die müssen sich nicht zum ersten Mal an neue Regelungen anpassen. Schon nach dem eingeschränkten Re-Start haben alle Kitas individuelle Konzepte umgesetzt, um die Auflagen einzuhalten, dabei die Betreuungskapazitäten möglichst weiter auszubauen. Für etwas Entzerrung der Lage sorgt aktuell vielerorts, dass nicht alle Eltern einen Betreuungsanspruch auch einfordern. Das öffnet wiederum Chancen für andere Eltern, erleichterte den Neustart ein wenig. Der ging unter anderem in der Gemeinde Weimar relativ gut über die Bühne, „das ist gut angelaufen, wir waren vorbereitet und sind nicht überrannt worden“, berichtet Bürgermeister Peter Eidam.

Die Kita-Gruppen mussten jedoch reduziert werden, der Platz reiche aber aus. Vielerorts ist die Anspannung weiter groß, bei Erziehern, Eltern wie Behörden. Etwa in Wetter: „Es ist ein Riesenaufwand, die Eltern sind auf 180 und sie am Ende, wir haben noch nicht die Möglichkeit, alle Kinder zu betreuen“, sagt Bürgermeister Kai-Uwe Spanka. Es gebe genug Platz, um alle Kinder, die einen Anspruch hätten, aufzunehmen, insgesamt reiche es für etwa 65 Prozent der Kinder. Dennoch: „Rund 35 Prozent sind auf sich allein gestellt, das gefällt uns gar nicht“, sagt Spanka.

Einen Regelbetrieb ab den Sommerferien begrüßt er „ausdrücklich“, hegte diese Hoffnung schon vor der offiziellen Ankündigung. Ein Infektionsrisiko werde es zwar „auch in Zukunft geben, aber wir haben die Hygieneregeln und die waren in Kitas schon immer strenger als anderswo“, betont er. Es sei maßgeblich, dass alle Kinder wieder Zugang zur Kita erhalten, „unterm Strich ist die pädagogische Arbeit und der soziale Kontakt das Wichtigste“.

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