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Marburg Experte: „Es gibt keine Erfahrungen“
Marburg Experte: „Es gibt keine Erfahrungen“
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00:18 20.05.2019
Die Angeklagte nimmt neben ihrem Anwalt Platz.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Während bei einer Vergiftung durch Midazolam üblicherweise eine Beatmung ausreiche, um bedrohliche Situationen zu überbrücken, gebe es bei Ketamin nicht genug Studien, um die Gefahr einzuschätzen. So hatte sich zu Beginn des Prozesses der vernommene Gerichtsmediziner geäußert.

Vor diesem Hintergrund veranlassten die Aussagen mehrerer Krankenschwestern und eines Arztes das Gericht zu einer Nachfrage bei dem neonatologischen Sachverständigen Professor Bernhard Roth.

Dieser bestätigte die Einschätzung seines Kollegen aus der Gerichtsmedizin: Midazolam sei „relativ untoxisch“, sagte Roth. Zu Ketamin gebe es sehr viel weniger Daten. Eine „20-fache Überdosierung“ habe ein Kind gut überstanden, berichtete der Kinderarzt von einem Fall, der ihm bei seinen Recherchen begegnet war.

Dreifache Reanimation ungewöhnlich

Bei Johanna hingegen wurde eine Menge an Ketamin nachgewiesen, die Roth zufolge diese Konzentration noch weit überstiegen habe. Ein Oberarzt hatte die kritischen Vorfälle bei dem frühgeborenen Mädchen am Mittwoch vergangener Woche als „sehr bedrohlich“ beschrieben. Er habe das Gefühl gehabt, dass ihm die Situation entgleite.

Auch gestern beurteilte eine Schwester die dreifache Reanimation als ungewöhnlich: „Den Fall hatte ich noch nicht“, sagte die 42-Jährige aus. Sie selbst bekam die Situation erst am Folgetag von der Angeklagten geschildert. Johanna hatte mehrere Asystolien – Herz-Kreislauf-Stillstände – in einer Nacht.

Diese traten nach Aussage des 39 Jahre alten Oberarztes sehr plötzlich und ohne Sauerstoffabfälle ein. Aus diesem Grund habe eine „Bebeutelung“, also eine Beatmung des Kindes mit einem Beutel, nicht ausgereicht, um die Situation zu bewältigen. Bei Johanna mussten mehrfach Herz-Druck-Massagen eingesetzt werden. Die Angeklagte half bei der Reanimation des Mädchens.

Auch der Sachverständige Professor Roth sieht die Situation kritisch: „Es gibt kein Patentrezept“ – es hätte auch passieren können, dass die Maßnahmen nicht gewirkt hätten, formulierte der Arzt es zurückhaltend. In diesem Falle hätte es eines Herzschrittmachers bedurft. Das Legen eines Schrittmachers sei jedoch bei einem derart kleinen Kind schwierig: „Ich weiß gar nicht, ob derartig kleine Katheter oder Schrittmacherdrähte in Marburg vorrätig sind“, sagte Roth.

Das Gericht beschäftigte daraufhin auch die Frage, ob man überhaupt auf die Idee einer Schrittmacherlegung gekommen sei: „Wäre es der logische nächste Schritt gewesen oder hätte man dafür wissen müssen, dass es sich um eine Vergiftung mit Ketamin handelt?“, fragte ein beisitzender Richter den Sachverständigen. Dieser reagierte wieder vorsichtig: „Es hätte eine gewisse Zeit gebraucht.“ Die Vorfälle seien eine „einzigartige Situation. Es gibt keine Erfahrungen“, resümierte Professor Roth.

Bei der Vergiftung des Frühchens Johanna ging man bislang von folgendem Sachverhalt aus: Durch die von Elena W. durchgeführten Maßnahmen habe ein Rücktritt von dem Versuch eines Mordes an Johanna stattgefunden.
Die Neubewertung der Situation am gestrigen Prozesstag könnte nun auch neue Fragestellungen hinsichtlich der rechtlichen Bewertung der Vorfälle mit sich bringen.

Was konkret im Raum steht, ist noch nicht bekannt.
Für eine detaillierte Beschäftigung mit dem veränderten Sachverhalt haben die Prozessbeteiligten nun zwei Wochen Zeit: Die Verhandlung wird erst am Mittwoch, 5. Juni, ab 10 Uhr fortgesetzt.

von Melchior Bonacker