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Marburg „Kinder und Eltern sind die Corona-Leidtragenden“
Marburg „Kinder und Eltern sind die Corona-Leidtragenden“
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21:00 26.01.2021
Zumindest vorübergehend wurden Erzieherinnen wie Noemi Treude (links) und Anke Hillig, Leiterin des evangelischen Kindergartens in Marburg-Ockershausen, als „Corona-Heldinnen“ gefeiert. Mittlerweile liegt der politische wie öffentliche Fokus meist nur noch auf Pflegepersonal in Krankenhäusern – etwas, das Dutzende Erzieher-Fachkräfte auch in Marburg angesichts ihres täglichen Einsatzes, der Kontakt-Vielfalt stört. Aber: Die Dankbarkeit der Eltern und die Freude der Kinder sind für Hillig, ihr Team und die Mitarbeiter der evangelischen Kitas in Marburg Antrieb genug.
Zumindest vorübergehend wurden Erzieherinnen wie Noemi Treude (links) und Anke Hillig, Leiterin des evangelischen Kindergartens in Marburg-Ockershausen, als „Corona-Heldinnen“ gefeiert. Mittlerweile liegt der politische wie öffentliche Fokus meist nur noch auf Pflegepersonal in Krankenhäusern – etwas, das Dutzende Erzieher-Fachkräfte auch in Marburg angesichts ihres täglichen Einsatzes, der Kontakt-Vielfalt stört. Aber: Die Dankbarkeit der Eltern und die Freude der Kinder sind für Hillig, ihr Team und die Mitarbeiter der evangelischen Kitas in Marburg Antrieb genug. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Herr der Krippen und Kindergärten: Kai Abraham ist Geschäftsführer der evangelischen Kindertagesstätten in Marburg, dem größten freien Träger, und spricht im OP-Interview über Erfahrungen, Gegenwart und Perspektive der Kinderbetreuung in der Corona-Pandemie.

Kai Abraham. Quelle: Archivfoto

Am 27. Januar jährt sich der erste Corona-Fall in Deutschland, in den Folgewochen sorgte die Pandemie dafür, dass auch in Krippen und Kindergärten die Situation wurde, wie sie bis heute ist. Was sind Ihre Erfahrungen aus fast einem Jahr Corona-Einschränkungen?

Dass man gelernt hat, in einem Ausnahmezustand zu leben, der uns allen Nerven und Kräfte raubt. Zu Beginn forderte uns die Kurzfristigkeit und das Tempo, in dem plötzlich neue Verordnungen galten und umgesetzt werden mussten, viel ab. Mit dem Marburger Jugendamt haben wir aber bis heute Glück, da wird vieles ermöglicht – bis hin zu einem Personalpool mit der Universität. Es ist eine stetige Anpassung an neue Gegebenheiten.

Worin bestehen die größten Probleme?

Einer der größten Knackpunkte ist, dass angesichts der Einschränkungen und Vorschriften die so wichtige Pädagogik viel zu kurz kommt. In den vergangenen Jahren sind in Marburg und darüber hinaus so viele Konzepte aufgebaut, umgesetzt, moderne Kinderbetreuung zur Förderung der frühkindlichen Bildung gelebt worden. Es schmerzt zu sehen, wie wenig davon seit fast einem Jahr noch übrig ist. Unsere Fachkräfte leiden darunter, dass die eigentlich gewollte und nötige Betreuung, Bildung, Entwicklungsförderung mit Herz auf Eis liegt. Den Teams fehlt aber nicht nur das richtige Arbeiten mit den Kindern, auch ihre eigene Kommunikation, die Absprachen, das Zeit zusammen verbringen – alles ist durch die Gruppentrennung, das Misch-Verbot extrem erschwert bis nicht möglich. Wenn in einem sozialen Beruf die soziale Komponente wegfällt, ist das besonders schwer.

Was beschäftigt die Erzieherinnen und Erzieher?

Wir machen möglich, was unter den Corona-Bedingungen irgendwie geht. Kinderbetreuung mit Abstand ist einfach nicht möglich, das geht mit Zweijährigen nicht, das geht auch mit Fünfjährigen nicht. Und sollte es auch nicht, Kinder brauchen diese direkte Zuwendung. Das heißt natürlich, dass es gerade in Kitas ständig Körperkontakt für unsere Fachkräfte – aber auch erhöhten Krankenstand, nicht mal wegen Corona, sondern aus Vorsicht – gibt. Wenn es eine Berufsgruppe gibt, die Kontakte hat und an der gefährlichen Front steht, dann sind es die Erzieherinnen. Wir ermöglichen das Weitermachen, die Wirtschaftstätigkeit, den ökonomischen Kreislauf überhaupt erst. Von daher wäre es nur angebracht, wenn Erzieherinnen und Erziehern die gleiche hohe öffentliche Wertschätzung zuteilwerden würde, wie das – zurecht – bei Pflegekräften der Fall ist.

Wie ist die Stimmung unter Eltern, was bekommen Sie zurückgemeldet?

Was man klar sagen muss: Die Kinder und Eltern sind die Leidtragenden dieser andauernden Krise, sie stehen unter dem größten Druck. Gerade der Zwang, sich gegenüber dem Arbeitgeber rechtfertigen zu müssen, wenn man trotz formell offener Kitas gegen eine Inanspruchnahme der Betreuungsmöglichkeit entscheidet, ist mehr als unglücklich.

Aber auch diejenigen, die ihre Kinder wegen der Belastung im Beruf bringen müssen, sind in keiner glücklichen Lage. Dort haben viele ein schlechtes Gewissen, etwa Bekannten gegenüber, die es kritisieren, wenn das Kind in die Betreuung gebracht wird. Deshalb bin ich umso erleichterter, dass 98 Prozent der Eltern weiterhin verständnisvoll, regelrecht dankbar für jede Hilfe sind. Unsere zehn Marburger Einrichtungen sind etwa zur Hälfte belegt, mit großen Unterschieden je nach Stadtteil. Am Richtsberg, in der Berliner Straße sind es 75 Prozent, im Philippshaus ist man dafür unter dem Durchschnitt.

Wie nehmen Sie die Entwicklung der Kinder wahr?

Es ist nicht ideal und nicht das, was wir wollen, wenn Kinder nicht mehr frei auf den Fluren toben, ihre Freunde in der Nachbargruppe nicht sehen können. Immerhin die Jungen und Mädchen, die erst im vergangenen Frühjahr kamen, kennen es nicht ohne die Corona-Regeln. Aber auch die anderen passen sich soweit an, verlieren ihr Lachen nicht.

Wie sehen Sie die Perspektive?

Ich hoffe, dass im Laufe des Jahres die pädagogischen Konzepte und Angebote, ein echter Regelbetrieb wieder anläuft. Es wird dafür eine Übergangszeit geben, eine, die gesellschaftlich sehr heikel werden kann. Denn wann ist Corona für uns vorbei? Wenn alle Fachkräfte geimpft sind, wenn 60 Prozent der Eltern, oder gar der Kinder geimpft sind? Kinder stehen immerhin in der Impf-Reihenfolge am Ende der Skala. Was, wenn es dabei bliebe, eine deutliche Verlängerung der Einschränkungen im Kita-Bereich bedeuten könnte.

Von Björn Wisker

26.01.2021
26.01.2021