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Marburg Rührende Aktion einer Achtjährigen
Marburg Rührende Aktion einer Achtjährigen
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10:57 12.09.2020
Lea Wingerther zählt zusammen mit Dr. Hans-Albrecht Oehler das von ihr gesammelte Geld, für die Spendenaktion, die dem St.-Elisabeth-Hospiz zugute kommt. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Lea Wingerther kommt aus Großseelheim und besucht die dritte Klasse der Grundschule. Nun hatte die Achtjährige einen ereignisreichen Tag: Nach einer Mathearbeit in der Schule stand noch eine Runde Geldzählen in Marburg an – und das aus einem ganz besonderen Anlass.

Denn die Grundschülerin hatte seit Februar eine Sammelaktion auf die Beine gestellt, bei der sie – im Hintergrund unterstützt von ihrer Mutter und ihrer Tante – meistens am Wochenende alle rund 2.000 Bürger ihres Wohnorts Großseelheim zu Hause besucht und bei ihnen um Geldspenden für das St.-Elisabeth-Hospiz gebeten hat, in dem schwerstkranke, sterbende Menschen auf ihrem letzten Lebensweg eine würdige Umgebung haben.

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Bei ihrer zunächst vom Corona-Lockdown unterbrochenen Sammelaktion stieß sie auf offene Ohren. „Fast alle waren freundlich. Die Älteren haben am meisten gespendet“, berichtet Lea von ihren Erfahrungen.

Am Mittwochmittag, 9. September, kam sie nun zusammen mit ihrer Mutter Constanze Wingerther ins Hospiz, wo unter Beobachtung der beiden Hospiz-Geschäftsführer Dr. Hans-Albrecht Oehler und Dorothea Neubauer gleich vier verplombte Sammelbüchsen geöffnet wurden. Dann zählten alle drei das Geld.

Sternsinger dienten als Inspiration

Ganz am Ende wurden die Augen von Lea immer leuchtender. Und als es klar war, rief sie begeistert aus: „Wir haben die 1.000-Euro-Marke geknackt.“ Das Resultat ist wirklich eindrucksvoll: Bei der Sammelaktion in Großseelheim war die stolze Summe von 1.192,88 Euro zusammengekommen. Aufgestockt durch einige Euro von Leas Mutter und Dr. Oehler sind es jetzt sage und schreibe 1.200 Euro für den guten Zweck.

„Eine so große Summe hätte ich nicht erwartet“, erzählt Dorothea Neubauer. „Toll, dass du diese Idee hattest. Ich finde es rührend und schön“, lobte sie die Schülerin. Besonders toll sei es, dass Lea sich so habe begeistern lassen für die Spenden-Idee – und zwar durch einen Film. Wie die Grundschülerin auf die Idee kam, eine Spendenaktion für das Marburger Hospiz ins Leben zu rufen, beschreibt sie folgendermaßen:

„Im Religionsunterricht haben wir einen Film über Sternsinger gesehen, die von Tür zu Tür gegangen sind und Spenden zum Aufbau von Kindergärten und Schulen in Bürgerkriegsgebieten gesammelt haben. Dieser Film hat mich sehr beschäftigt und bewegt.“ So sei ihr der Gedanke gekommen, selbst Spenden zu sammeln.

Vor der Sammlung ein Besuch im Hospiz

Gemeinsam mit ihrer Mutter überlegte sie, wofür sie am besten Spenden sammeln könnte. Eigentlich wollte sie diese einem Kinderhospiz zugutekommen lassen – also einer Einrichtung, in der sterbende Kinder betreut werden. Da in der Nachbarschaft ein neunjähriges Mädchen an Knochenkrebs gestorben ist, hat Lea Wingerther bereits auch persönliche Erfahrungen mit dem Thema Tod und Sterben gemacht.

„Aber es gibt kein Kinderhospiz in Marburg oder Umgebung“, erzählt Lea. So kam sie zusammen mit ihrer Mutter auf die Idee, Geld für ein Hospiz in Marburg zu sammeln. „Das ist eine Einrichtung, die Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet, das heißt, dass sie dort ihre letzten Lebenstage verbringen können“, berichtet Lea.

Bevor sie die Sammelaktion startete, hatte sie gemeinsam mit ihrer Mutter das Hospiz besucht und sich bei Dorothea Neubauer näher darüber informiert. „Sie zeigte mir das Haus und einige Zimmer und beantwortete alle meine Fragen“, erzählt Lea. „Im Haus kamen wir an einem defekten Fahrstuhl vorbei, der dort dringend gebraucht wird und genau für dessen Reparatur soll das gesammelte Geld genommen werden“, sagt Lea.

Bei der Jungfernfahrt dabei

Da traf es sich, dass gerade am Mittwochmittag die TÜV-Abnahme des neuen Fahrstuhls erfolgte und Lea Wingerther danach die erste offizielle Aufzugsfahrt machen durfte. Schließlich hat sie auch einen wichtigen Part beigetragen zu der Aufzugsfinanzierung,

Der neue Fahrstuhl ersetzt einen Aufzug aus dem Baujahr 1964, der seit rund einem Jahr defekt war und für den es mittlerweile auch keine geeigneten Ersatzteile mehr gab. Der Aufzug, der zu den Veranstaltungs- und Seminarräumen im Keller führt, wurde zwar in Corona-Zeiten bisher nicht so häufig gebraucht. Dennoch stellt die Inbetriebnahme schon eine deutliche Erleichterung für den Hospiz-Alltag dar. Alles in allem kostet die neue Aufzug-Anlage rund 200.000 Euro, erläutert Hans-Albrecht Oehler.

Zur Finanzierung der Arbeit muss das St.-Elisabeth-Hospiz mindestens 5 Prozent aus Spenden erwirtschaften, 95 Prozent tragen die Krankenkassen. In den letzten Jahren war es laut Oehler meist so, dass 10 bis 15 Prozent der Kosten – also zwischen 150.000 und 200.000 Euro pro Jahr – durch Spenden gedeckt wurden. Aber auch die Mitgliedsbeiträge der rund 700 Mitglieder des Fördervereins stellen ein wichtigen Baustein dar.

St.-Elisabeth-Hospiz

Das Marburger St.-Elisabeth-Hospiz gibt es seit 1997. Nach den Anfangsjahren, als es noch am Rotenberg untergebracht war, hat es nun schon seit einiger Zeit seinen Platz in einem Gebäude im Park der Vitos-Klinik in der Cappeler Straße gefunden.

Die Jugendstilvilla mit ihrem Anbau wurde so umgebaut, dass sie Platz bietet für zehn schwerstkranke und sterbende Menschen, die hier ihre letzte Zeit in Würde verbringen können. Die freundlichen hellen Zimmer mit eigenem Bad haben alle Zugang zu der großen Freiterrasse. Das Haus bietet mit seinem Wohnzimmer und dem großen Aufenthaltsraum im lichtdurchfluteten Glasbau vielfältige Möglichkeiten des ruhigen Miteinanders, aber auch der Geselligkeit und des Kontaktes mit allen am Leben im Hospiz beteiligten Personen.

Im „Raum der Stille“ finden alle einen Ort, der sie dazu einlädt, sich mit ihrer Traurigkeit, ihren Erinnerungen und Gedanken und ihren Gefühlen zurückzuziehen und zur Ruhe zu kommen. Er ist auch ein Ort, der immer wieder einlädt, sich an die verstorbenen Gäste zu erinnern. „Alle im Hospiz Mitwirkenden sind bemüht, die körperlichen und seelischen Schmerzen eines jeden Gastes zu lindern“, heißt es auf der Homepage des Hospizes.

Von Manfred Hitzeroth

12.09.2020
11.09.2020