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Marburg Kick mit Klick: Im Sog der Designer-Drogen
Marburg Kick mit Klick: Im Sog der Designer-Drogen
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09:58 21.06.2021
Eine mit Drogen versetzte Kräutermischung im Reagenzglas.
Eine mit Drogen versetzte Kräutermischung im Reagenzglas. Quelle: foto: Fredrik von Erichsen
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Marburg

Badesalz, Duft- oder Kräutermischungen samt dem Versprechen von Entspannung und guter Laune: In bunte Tütchen verpackt gibt es legale Substanzen, die harmlos klingen – es aber oft nicht sind. Es sind „Legal Highs“, nichts anderes als Drogen, deren Online-Verkauf boomt und die gesundheitsgefährlich sein können. Wie heimische Suchtberater sagen, sind sie mitunter noch gefährlicher als Cannabis, Kokain oder LSD. Dass das stimmt, weiß kaum jemand besser als der Marburger Sebastian Stojanovski.

Sebastian Stojanovski Quelle: Privat

Der sprichwörtliche Rausch fing für den 24-Jährigen mit einem Joint an – etwas Gras hier, Marihuana dort, da war er 17, 18 Jahre alt. Die Ausgeh- und Partyzeit eben. Irgendwann sei er dann in „so eine Experimentier-Phase“ gekommen, mit Anfang 20 riss er erstmals einige jener Tütchen auf, von denen er heute jedem abrät. „Die Dinger sehen harmlos, witzig, nach Energy-Drink aus. Aber das Zeug haut so krass rein, das ist nicht Red Bull, verleiht aber echt Flügel – bis du abstürzt und ultrahart aufprallst“, sagt er.

Doch so übel das Ende, so verlockend der Kick nach der Bestellung des Stoffs in Online-Shops – fast zwei Jahre sei das so gegangen. Das Studium sei an ihm vorübergezogen – und als dann im Umfeld immer mehr Freunde und Bekannte Prüfungen absolvierten, deren Bachelor-Abschlüsse näher rückten, habe er gemerkt: „Verdammt, was geht mit dir eigentlich ab, wo ist die Zeit geblieben?“ 2018 schaffte er – dank einer Drogentherapie und nach langer Zeit des Eltern-Belügens – den Ausstieg.

„Ich habe ja gemerkt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt und ich nicht vorankomme, alles und jeder an mir vorbeizieht. Ich wollte nicht der Typ sein, über den in 10, 20 Jahren beim Klassentreffen alle sagen: Kennst du noch den Basti, der ist jetzt Junkie.“

Auch wenn Suchtberater beim Legal-Highs-Konsum in Marburg-Biedenkopf seit Jahren kein Massen-Phänomen erkennen, sagt die Polizei man habe es in der Region „mit allen Arten von Drogen zu tun“ – von Kokain über Crystal Meth bis eben zu „Legal Highs“. Was die Sicherheitsbehörden sagen: Die Mischungen kommen harmlos daher, sind aber gefährlich. Denn bei den sogenannten synthetischen Cannabinoiden, einem der am häufigsten eingesetzten Stoffe, handelt es sich laut Drogenfahndern des Polizeipräsidiums Mittelhessen um „von der Gefährlichkeit und dem Abhängigkeitspotenzial her mit Opioiden, starken Stimulanzien oder Benzodiazepinen vergleichbaren Substanzen“.

Was die im Internet problemlos auffindbaren „Legal High“-Shops vertreiben, sind Kräutermischungen, Pillen oder Lufterfrischer mit psychoaktiven Substanzen. Was nicht gesagt wird, aber praktisch jeder Interessent weiß: Sie sollen einen Rauschzustand erzeugen. „Bewusstseinserweiternd“ ist noch am nahesten dran, sonst ist eher von „guter Laune“ oder „Entspannung“ die Rede.

Die größte Gefahr ist Suchtberatern zufolge, dass die genaue Zusammensetzung nicht bekannt ist, das Substanzen Experten zufolge 20, 30, 40 Mal stärker wirken können, als etwa Cannabis, Kokain oder Amphetamine. Panikattacken, Psychosen, Wahnvorstellungen, Muskelkrämpfe, Herzrasen, Kreislaufzusammenbrüche und Herzinfarkt – oder leichtere Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit: Bei der Einnahme besteht ein hohes Gesundheitsrisiko. Analysen haben gezeigt, dass in „Legal Highs“ in den meisten Fällen Substanzen vorkommen, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen – weshalb sie nicht so legal sind, wie der Name vermuten lässt. Dazu später mehr.

Marburger Juristen hinterDrogengesetz-Reform

Vergangenes Jahr starben deutschlandweit 15 Menschen nach „Legal-Highs“-Konsum – doch vielen Polizisten oder Sozialpädagogen gilt sie als coole, als recht leicht zugängliche Einstiegsdroge, als Hereinführmittel, um im schlimmsten Fall als einer jener 1580 Drogentoten zu enden, die 2020 gezählt wurden.

„Legal Highs“ zählen meist zu den „Neuen psychoaktiven Stoffen“ (NPS), einer Kategorie im Betäubungsmittelgesetz, das auf Marburger Juristen zurückgeht. Die Rechtswissenschafts-Professoren Dieter Rössner und Wolfgang Voit legten 2011 anlässlich einer schon drei Jahre rollenden Designerdrogen-Schwemme ein entsprechendes Gutachten vor.

Anders als das bis dato gültige Betäubungsmittelgesetz verbietet die von ihnen fachlich gestützte Reform seit 2016 nicht nur einzelne Stoffe, sondern ganze Stoffgruppen. Damit schlossen die Juristen strafrechtlich eine Tür – zumindest für kurze Zeit. Denn trotz der Neuregelung gibt es das Problem, dass die Substanzen dem Gesetz durch mitunter nur minimale Abwandlung der chemischen Struktur entgehen können.

Was ist an „Private Art“ oder „Freeze“ für 20, 30 Euro also legal? Der Fakt, dass sie noch nicht geprüft wurden und damit nicht unter die Betäubungsmittelgesetze fallen. Sobald die Mittel das tun, werden sie von Herstellern verändert – und sind wieder eine Weile auf dem Markt, gelten als legal.

Die EU verschärfte Anfang des Jahres den Kurs, so dass auch die Nationalstaaten nun gegen Besitzer und Händler durchgreifen können. Erklärtes Ziel: Für Konsumenten der synthetischen Drogen soll es schwieriger werden, an Nachschub zu kommen. Sebastian Stojanovski, mittlerweile bei einer Firma nahe Gießen beschäftigt, befürwortet das: „Man unterschätzt das Zeug, daran ist nichts cool und schon gar nicht gut.“

Von Björn Wisker

20.06.2021
20.06.2021