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Marburg Zum Sterben auf den Müll geworfen
Marburg Zum Sterben auf den Müll geworfen
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13:00 28.12.2019
OP-Redakteurin Nadine Weigel im November in Kenia. Quelle: Nadine Weigel
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Utange

Ab hier geht’s nicht weiter. Das Wasser reicht mir bis zum Bobbes. Schwere Regenfälle haben die Straßen unpassierbar gemacht. Matatus (Kleinbusse) und Autos drehen um. Selbst mit dem Motorradtaxi kommt man im zum Teil hüfthohen Wasser auf der mit tiefen Schlaglöchern übersäten Straße kaum weiter.

Es bringt nichts. Ich muss den letzten Kilometer durch die knietiefe Dreckbrühe waten und hoffe inständig, weder plötzlich in einem Schlagloch zu versinken noch auf eine Schlange zu treffen. Der Klima­wandel trifft die Ärmsten am härtesten – und macht sich auch hier an der Küste Kenias bemerkbar.

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Es ist der erste Tag während meines Überraschungsbesuches im Miro-Heim. Niemand weiß, dass ich komme, als ich endlich durchnässt vor dem gusseisernen Tor stehe und klopfe. Nach einer Ewigkeit öffnet mir unser Mitarbeiter Felix. Genau. Der Felix, der mit mir zusammen vor knapp einem Jahr von mehreren Männern überfallen und verletzt worden war. Überrascht strahlt er mich an. Ich bin froh, dass er trotz des Zwischenfalls noch hier ist. Er ist der beste Koch, die Kinder nennen ihn „Onkel“.

„Aaahhh. Nadine“, schallt es mir entgegen. Die Freude ist ­riesig, aufgeregt hüpfen die Kids um mich herum. Im Haus aber der Schock: es regnet rein. Im Zimmer der großen Mädchen tropft das Wasser durch die Decke. Der Putz löst sich. Rebecca, Sarah und die anderen müssen nun mit im Zimmer der jüngeren Mädchen schlafen. Zwölf Menschen in einem kleinen Raum, in dem zwei Stockbetten stehen. Kuschelig.

Als es tags drauf aufhört zu regnen, gehen wir aufs Dach. Dort hatte ein Handwerker zwar das marode Flachdach erneuert, aber offensichtlich das Schrägdach nicht richtig gedeckt. Zwischen den Schindeln klaffen große Lücken. Wir rücken die Schindeln in die offenen Stellen und hoffen, dass so beim nächsten Mal alles trocken bleibt.

Die folgenden Tage scheint zum Glück die Sonne und die Überschwemmungen gehen zumindest auf den Straßen langsam zurück. Allerdings steht das Wasser rundherum in Tümpeln auf den Nachbargrundstücken und bietet bei 31 Grad Hitze die perfekte Brutstätte für Moskitos. „Die Gefahr für Malaria und Dengue-Fieber steigt“, warnt Dr. Vera Fleig übers Telefon.

Die Ärztin hat mit mir vor neun Jahren das Hilfsprojekt ins Leben gerufen, um die Kinder im Miro-Waisenhaus zu unterstützen. Laut Weltgesundheitsorganisation starben allein 2017 weltweit rund 435.000 Menschen an Malaria. Auch das Dengue-Fieber kann potenziell tödlich sein. Prima, denke ich und schaue auf die grüne Glibbermasse, die sich Garten schimpft. 

Hintergrund

Seit 2010 unterstützen OP-Redakteurin Nadine Weigel und Ärztin Dr. Vera Fleig das Mighty Redeemer ­Orphanage (Miro-Kinderheim) in Kenia. 2014 gründeten sie den gemeinnützigen Verein Help-for-Miro, der Spenden sammelt. Die finanzielle Hilfe zahlreicher Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und darüber hinaus garantiert die Versorgung von mittlerweile 45 Kindern im Alter von einigen Monaten bis 18 Jahren. Mithilfe von 3.700 Euro im Monat werden die Miete für das Haus, vier Hausmütter und ein Koch bezahlt sowie die medizinische Versorgung und die Schulausbildung finanziert.

Vier Jugendliche haben bereits ihre KCPE-Examen bestanden und sind auf weiterführenden Schulen angenommen. 100 Prozent der Spenden kommen direkt den Kindern zugute. Fleig und Weigel reisen regelmäßig unangemeldet auf eigene Kosten nach Kenia, um nach den Kindern zu schauen. Der Verein arbeitet derzeit daran, ein Grundstück zu erwerben, auf dem ein eigenes Haus errichtet und Nahrungsmittel angebaut werden können. Mehr Infos auf:
www.help-for-miro.de

Ohne Platz im Garten wird es eng werden beim großen Kindergeburtstag, den wir vorbereiten. Einmal im Jahr feiern wir für alle Kinder Geburtstag. Denn nur bei den wenigsten Kindern wissen wir, wann sie geboren wurden. Viele haben erschütternde Biographien. Einige der Babys zum Beispiel wurden zum Sterben auf den Müll geworfen. Die Mitarbeiter des Kinderheims tun alles dafür, diese Kinder zu retten.

Insgesamt konnten mehr als 120 Jungen und Mädchen in den vergangenen neun Jahren aufgepäppelt und viele in Pflege­familien vermittelt werden. Doch manchmal ist der Kampf vergebens. So mussten wir in diesem Jahr ein Baby beerdigen. Es war im Sommer nach einer hartnäckigen Infektion im Krankenhaus in Mombasa gestorben.

„Es war unfassbar traurig. Auch für die Kinder, die ihr ­Geschwisterchen verloren haben“, erzählt Heimleiterin Josephine Mutisya unter Tränen. Sie hat vor zehn Jahren das Miro-Heim gegründet, um schutzbe­dürftigen Kindern ein ­Zuhause zu schenken. So wie den beiden Neuankömmlingen im Miro-Heim. Das junge Mädchen und ihr kleiner Bruder mussten mit ansehen, wie ihr Vater ihrer Mutter die Kehle durchtrennt hat. Es sind unvorstellbare Dinge, die die meisten dieser Kinder durchleben mussten. Im Miro-Heim sollen sie diese Schrecken vergessen. 

Fröhliche Musik dröhnt aus Boxen

„Deshalb ist es wichtig, ihnen einmal im Jahr ein großes Fest zu ermöglichen“, erklärt Josephine. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Mädchen bekommen die Haare bunt eingeflochten. Koch Felix schlachtet mit den großen Jungs zwei Ziegen. Als Festmahl gibt es Reis mit Ziegenfleisch, Chapati (Fladenbrot), Weißkraut und Hühnchen. Nach und nach trudeln mehr Gäste ein. Die Belegschaft eines Hotels schenkt fünf Kuchen und jede Menge neue Matratzen.

Fröhliche Musik dröhnt aus Boxen. Die Kinder beten, singen und klatschen und springen begeistert im Takt. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Ruhig wird es nur beim Essen, wenn sich alle den Bauch so voll schlagen wie möglich. Es erstaunt mich immer wieder, was in so kleine Mägen alles reinpasst. Aber Kinder, die gehungert haben, nutzen diese Chance zur Völlerei.

Zum Schluss verteile ich die Geschenke. Viele Menschen aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf haben mir Spiele, Geometrie-Sets und ganz viele Schuhe zukommen lassen, die ich mit nach Kenia gebracht habe. Zusätzlich hab ich jedem Kind noch Stifte und ein Buch besorgt, sodass sich niemand benachteiligt fühlt. Die Freude ist riesig, die Kinder strahlen.

von Nadine Weigel

Heimische Unternehmen unterstützen

Seit Jahren sind die heimischen Immobilienfirmen Wiora und Estador treue Unterstützer des Miro-Kinderheims. Insgesamt haben das in Cappel ansässige Familienunternehmen Wiora und Estador, die deutschlandweit Immobilien vermitteln, schon 24.000 Euro für die Miro-Kinder gespendet. Nun sind noch einmal 3.000 Euro hinzugekommen. „Wir helfen dem Projekt gerne, denn wir wissen, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird“, sagt Waldemar Wiora. Der Geschäftsführer von Estador war vor einigen Jahren selbst vor Ort und überzeugte sich von der Spendenverwendung.

Zustande kommt die regelmäßige Hilfe durch die Estador-Mitarbeiter. Pro verkaufter Immobilie geht ein gewisser Anteil an das Kinderhilfsprojekt. „Das gesamte Team freut sich, dass ihre Arbeit einem sozialen Zweck zugute kommt“, betont Mandana Warsideh, zuständig für das Vertriebsmanagement der Estador GmbH. „Es ist schön, wenn wir das Projekt auch in Zukunft unterstützen können“, so Berthold Wiora. Help for Miro arbeitet derzeit daran, ein Grundstück in Kenia zu erwerben, auf dem ein eigenes Haus gebaut werden soll.

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