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Marburg „Keiner wählt seine Hautfarbe aus“
Marburg „Keiner wählt seine Hautfarbe aus“
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10:02 10.06.2020
Bis zu 3.000 Menschen nahmen an der Anti-Rassismus-Demo in Marburg teil. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Als „massiv diszipliniert“ beschrieb Christian Prößl vom Fachdienst Sicherheit und Verkehrsüberwachung am Samstagabend die Demonstranten vor der Stadthalle. Zwischen 2.500 und 3.000 Menschen hatten sich gegen 18 Uhr dort versammelt, um gegen Rassismus friedlich zu demonstrieren. Angemeldet waren 300 Teilnehmer, Polizei und Ordnungsamt hatten aber vorsichtshalber einen „Plan B“ vorbereitet, wie Christian Prößl erklärte, und deshalb die Biegenstraße vom Kunstmuseum bis zur Heusingerstraße abgesperrt. „Typisch Marburg“, antwortete er auf die Frage, ob er mit so vielen Teilnehmern gerechnet hatte.

Die Maskenpflicht wurde augenscheinlich von allen Teilnehmern eingehalten, Abstand halten war hingegen schwierig. Deshalb und auch wegen der einfachen Beschallung vor der Stadthalle hatte sich die Gruppe aufgeteilt. Vor dem Kunstmuseum waren noch schnell Lautsprecherboxen aufgestellt worden, so dass die Redner zwischen den beiden Mikrofonen pendelten. Kurz nach Beginn, mitten in den 8 Minuten 46 Sekunden Schweigen, kollabierte einer der Kundgebungsteilnehmer, die Veranstaltung musste für etwa 20 Minuten unterbrochen werden. Der Rettungsdienst kümmerte sich um den Mann, der nach kurzer Zeit wieder ansprechbar war und mit einer blutenden Kopfverletzung in die Klinik gebracht wurde.

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Rund 3.000 Demonstranten setzten am Samstagabend in Marburg mit 8 Minuten und 46 Sekunden Schweigen ein Zeichen gegen Rassismus.

Chioma Mevis Oguebinike war die erste Rednerin. Die Marburgerin beschrieb die Szenerie der Tötung des Schwarzen George Floyd im amerikanischen Minneapolis durch einen weißen Polizisten. „Er wurde hingerichtet, er wurde ermordet“, sagte sie mit fester Stimme. „George Floyd wurde Opfer vom strukturellen Rassismus. Das ist schmerzhaft. Ich empfinde eine tiefe Trauer und Wut. Und deshalb muss der Kampf gegen Rassismus fortgeführt werden“, forderte sie die Menge auf.

„Dein Schweigen tötet“

Sie nannte einige Namen von Menschen, die Opfer von Rassismus wurden – wie Oury Jalloh, den Asylbewerber, der in einer Polizeizelle in Dessau-Roßlau verbrannte. Oder die neun Hanauer, die am 19. Februar dieses Jahres innerhalb von zwölf Minuten willkürlich erschossen wurden. Dann begannen die Schweigeminuten – 8 Minuten und 46 Sekunden, so lange, wie George Floyd um sein Leben gerungen hatte. Chioma Mevis Oguebinike appellierte an die weiße Bevölkerung: „Dein Schweigen tötet.“ Und sie forderte ein Recht für Menschlichkeit für ethnische Minderheiten. Ein weiterer Redner war Shérif Korodowou, ehemaliger Integrationsbeauftragter der Stadt Marburg, jetzt Berater für Integrationsfragen beim Institut für konstruktive Konfliktbearbeitung. Seine Wurzeln sind in Afrika. Das sagte er gleich zu Anfang zu den Demonstrierenden.

Und noch etwas sagte er: „Keiner wählt seine Hautfarbe aus. Aber wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich wieder Schwarz nehmen.“ Für ihn ist Rassismus eine Krankheit: „Kranke Menschen werden Präsidenten und Minister und verabschieden rassistische Gesetze.“ Aus denen würde der strukturelle und institutionelle Rassismus heraus wachsen. „Das ist der schlimmste Rassismus“, sagte Shérif Korodowou, für den die Demonstration „gut und schön ist“, der aber an alle Teilnehmer appellierte: „Nur mit Ehrlichkeit können wir das Thema angehen, und wir müssen miteinander reden.“

„Redet nicht nur unter Euch!“

Die Schwarzen forderte er auf: „Redet nicht nur unter euch!“ Die Weißen bat er: „Macht es uns leicht, das Thema anzusprechen.“ Und zu allen sagte er: „Wir brauchen einander, um den Rassismus zu besiegen.“ Weitere Redner berichteten über ihre Erlebnisse mit Alltagsrassismus – Larry Nguepkan etwa, der anprangerte, dass er im Gegensatz zu seiner Kommilitonin aus Albanien immer gefragt werde, ob er Deutsch spreche. Er berichtete von der CampusBar in Marburg, in der, wie Nguepkan sagte, der Einlass nach Hautfarbe gewährt werde und dunkelhäutige Gäste nicht hineingelassen würden. Rassistische Kommentare auf deren Seite in den sozialen Medien würden zudem toleriert.

„Wer schweigt, ist gegen uns“, sagte er zum Abschluss seiner Rede vor der Stadthalle und wurde dann schnell zum Kunstmuseum gebracht, wo er noch einmal auftrat.

Am Rande der Demonstration kam es zu einem Zwischenfall. Ein Mann rief „Weg mit der Maskenpflicht!“ und versuchte so, die Demonstration zu stören. Wie die Polizei in Gießen bestätigte, erteilten Polizisten dem Mann einen Platzverweis. Nach OP-Informationen hatte er auch an so genannten Hygiene-Demos teilgenommen.

von Katja Peters

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