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Marburg Dr. Roboter im Operationssaal der Zukunft
Marburg Dr. Roboter im Operationssaal der Zukunft
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18:00 05.08.2022
Sieht so die Zukunft aus? Professor Martin Christian Hirsch, Leiter des Institutes für Künstliche Intelligenz in der Medizin am Marburger Universitätsklinikum, geht davon aus, dass in Zukunft Routine-Operationen von Robotern übernommen werden.
Sieht so die Zukunft aus? Professor Martin Christian Hirsch, Leiter des Institutes für Künstliche Intelligenz in der Medizin am Marburger Universitätsklinikum, geht davon aus, dass in Zukunft Routine-Operationen von Robotern übernommen werden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Willkommen in der Klinik bei Dr. Roboter: Eine Routine-Operation im Jahr 2050 wie eine Blinddarmentfernung könnte schon nahezu selbstständig von einem Roboter ausgeführt werden. Dass dieses „autonome Operieren“ in rund 30 Jahren auch in deutschen Kliniken Standard sein wird, davon geht Professor Martin Christian Hirsch fest aus.

Der Leiter des Institutes für Künstliche Intelligenz in der Medizin am Marburger Uni-Klinikum macht deutlich, dass damit eine deutliche Effizienzsteigerung bei Routine-Operationen erreicht werden könnte. Denn dann könnte im Idealfall ein Arzt gleich mehrere Operationen als Supervisor gleichzeitig betreuen anstatt bisher für eine Operation zuständig zu sein.

Vielleicht könnten die „autonomen Roboter-Operateure“ so auch die Klinikärzte entlassen, auf die in Zukunft in den Kliniken auch aufgrund des demographischen Wandels wohl sehr viel mehr Arbeit zukommt. Denn immer mehr Menschen in Deutschland werden älter und kränker, und immer weniger junge Menschen ergreifen den Pflegeberuf oder werden Ärzte.

Klar sei aber auf jeden Fall, dass die dann zur Verfügung stehenden und derzeit bereits in den USA im Tierversuch erprobten Operationssysteme vorab eine umfangreiche Qualitätsüberprüfung bestehen müssten. Der Operationsroboter müsse dann das fachliche Niveau eines auf chirurgische Eingriffe spezialisierten Mediziners nachweisen.

Saubere Schnitte

Die Zukunft naht auf jeden Fall bereits mit Riesenschritten und ist teilweise schon da: So ist das roboterassistierte Operieren bereits in vielen medizinischen Fachdisziplinen auch am Marburger Uni-Klinikum eine etablierte Methode geworden. Dabei bedienen die Operateure an dem „Da Vinci“-OP-Roboter mit Joysticks Greifarme, mithilfe derer den Chirurgen minimalinvasive Eingriffe mit Mini-Skalpellen oder Zangen ermöglicht werden. Unterstützt werden die Mediziner dabei von per künstlicher Intelligenz gewonnenen Bild-Analyse-Software, die immer bessere 2D-Video-Bilder in Echtzeit von den zu operierenden Körperregionen zeigt.

Studien hätten sogar gezeigt, dass bei Operationen mit der Assistenz durch „Da Vinci“-Roboter die Schnitte in der Regel sauberer gesetzt würden und die Operationswunden besser verheilen, berichtet Hirsch. Und schon heute gebe es Roboter-Systeme, die am Ende von Operationen die meist ungeliebte und daher oft den Assistenzärzten übertragene Aufgabe des Zunähens übernehmen würde – und das teilweise mit besserer Qualität als die menschlichen Kollegen.

Aber auch Routineabläufe in der Pflege könnten in den Kliniken schon bald und wohl spätestens im Jahr 2050 ebenfalls von Robotern übernommen werden. „Ein netter kleiner humanoider Roboter kommt dann in den Raum. Er erzählt dem Patienten, was anliegt und fragt ab, wie es ihm geht“, schildert Hirsch ein mögliches Zukunftsszenario, das bereits an einigen Kliniken – vor allem in Asien und den USA – in Pilotprojekten getestet werde.

Aber auch die Klinik Charité in Berlin testet bereits den Einsatz eines kleinen, humanoiden Roboters zur Unterhaltung junger Patienten in der pädiatrischen Onkologie oder zum Gedächtnistraining von älteren Patienten, berichtet Hirsch. Auch gibt es bereits Pflegeroboter, die Menschen aus dem Bett heben oder transportieren könnten. Auch ausführliche Aufnahmegespräche inklusive dem Erheben wichtiger Vitalinformationen wie Herztöne, Herzfrequenz und Blutdruck werden in 30 Jahren zur Domäne der Roboter gehören.

Unveränderte Kernkompetenz

Für Hirsch hat diese Aussicht aber erst einmal nichts Bedrohliches. Er hegt nicht die Befürchtung, dass die Roboter ihren menschlichen Kollegen die Arbeit wegnehmen würden. Stattdessen könnten sie dann erheblich zur Entlastung des klinischen Personals beitragen.

Denn der Marburger Forscher ist sich auch sicher, dass die Kernkompetenz des menschlichen Personals – die menschliche Zuwendung und das barmherzige Handeln – weiter entscheidend sein wird und dass die KI-Systeme weder Ärzten noch Pflegern auf diesem Feld Konkurrenz machen werden. Auch prognostiziert er, dass die Medizin in Zukunft wieder menschlicher wird, da künstliche Intelligenz und Robotik die für menschliche Zuwendung und das Patientengespräch nötige Zeit zurückbringen wird, indem sie den Mensch von Routinearbeiten befreit.

Für Repräsentanten einer mechanistischen Apparate-Medizin werde es allerdings im Angesicht des schnellen Wandels der digitalen Medizin eng. „Sie werden wohl allesamt durch den Kollegen Roboter ersetzt werden – und das wäre ja ebenfalls eine gute Nachricht“, meint Hirsch.

Von Manfred Hitzeroth

App statt Stethoskop

Die rasante Software-Entwicklung von heute wird mehr zur Entwicklung der medizinischen Versorgung im Jahr 2050 beitragen als die gleichzeitig stattfindende Medikamentenentwicklung, ist sich der Marburger Professor Martin Christian Hirsch sicher. So verweist er auf die Entwicklung einer App, an der sein Mitarbeiter Leander Melms bereits seit einiger Zeit tüftelt.

Diese App könnte das klassische Abhören von Herz- und Lungentönen per Stethoskop durch einen Mediziner perspektivisch ergänzen und irgendwann sogar ersetzen. „Viele Ärztinnen und Ärzte beherrschen die komplexe Aufgabe des Auskultierens nicht gut“, macht Professor Hirsch deutlich. Die neue Idee ist, dass diese Aufgabe sowie eine erste Analyse durch das System der Künstlichen Intelligenz (KI) unterstützt wird. Ganz praktisch funktioniert das dann so, in dem die App auf ein Smartphone aufgespielt wird. Dieses wird dann mit dem Mikrofon auf der Unterseite auf den linken Brustkorb gedrückt und übernimmt die Aufgaben eines Stethoskops.

Die erste Zwischenbilanz des Projektes ist nach Angaben von Professor Hirsch positiv. So könne die App ausweislich klinischer Studien schon in 90 Prozent aller Fälle richtig auf Herzkrankheiten hinweisen. Noch weitergehende Möglichkeiten sieht Professor Hirsch für die Präventionsmöglichkeiten der Zukunft, wenn in spezialisierten Apps zum Gesundheitscheck und zur Überprüfung von Symptomen in Zukunft das individuelle Genom der Patienten mit erfasst werde. Damit wird es ermöglicht werden, in Zukunft die Grundwahrscheinlichkeiten für Krankheitsrisiken aufgrund der genetischen Vorherbestimmung zu berechnen und die Anamnese danach auszurichten, hofft Hirsch.
Technisch ist das bereits heute schon möglich.

Es ist allerdings durch das Gendiagnostik-Gesetz verboten, berichtet Hirsch. Er war auch selbst Gründer und Mitentwickler der vor allem in den USA sehr erfolgreichen medizinischen Symptom-Analyse App „ADA Health“. KI-Systeme wie ADA könnten durch die Zusammenführung vieler Informationen gebündelt die persönlichen Risiken der Patienten im Blick haben. Zusammengefasst könnte das dazu führen, dass solche Gesundheitscheck-Apps in Sachen Erstdiagnose mehr über die Patienten wissen könnten als ihr Hausarzt und zum ersten Anlaufpunkt für die Patienten werden.

Selbst die Buchung von Arzt-Terminen und das Arzt-Briefing könnten zur Aufgabe dieser Apps werden, meint Hirsch. Die klassischen Hausärzte würden im Jahr 2050 immer mehr die Aufgabe von Präventionsspezialisten bekommen, deren vordringliche Aufgabe die Gesunderhaltung der Patienten werde.