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Marburg Keine Rekordernte, dennoch Zufriedenheit
Marburg Keine Rekordernte, dennoch Zufriedenheit
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09:58 18.08.2021
Wie hier bei Moischt sind die Bauern des Landkreises derzeit mit der Getreideernte beschäftigt.
Wie hier bei Moischt sind die Bauern des Landkreises derzeit mit der Getreideernte beschäftigt. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Mornshausen/D

Eine bessere durchschnittliche statt einer Rekordernte fahren die Bauern des Landkreises in diesem Jahr ein, dennoch sind sie damit zufrieden. So lautete der Tenor der gestrigen Pressekonferenz des Kreisbauernverbandes, die auf dem Hof des Landwirtes Burkhard Müller im Dautphetaler Ortsteil Mornshausen stattfand.

Zwei Gegebenheiten trüben die Zufriedenheit der Landwirte. Zum einen erwarteten sie, mit der Ernte schon weiter fortgeschritten zu sein und blicken nun besorgt auf die Regen verheißenden Wetterprognosen, zum anderen sind sie zwar mit der Menge des Getreides und der anderen Feldfrüchte zufrieden, doch die Qualität ist im Vergleich zu den Vorjahren etwas geringer. Freude brachte dagegen der vermehrte Regen den Waldbauern und den Milchviehhaltern. Das Grünland gedieh prächtig und half, die Futtervorräte wieder aufzufüllen.

Die Verzögerung der Ernteeinfuhr um zwei bis drei Wochen sei nicht unnormal, sagte Karsten Schmal den heimischen Landwirten. In den vergangenen Jahren hätten Sonnenschein und Hitzeperioden das Wachstum mehr begünstigt, erläuterte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes weiter. Dieses Jahr hätten die Bauern noch im Juni eine weitere Rekordernte erwartet, doch es kommt anders. „Die Wagen sind schön voll, aber der Inhalt wiegt wenig“, sagte Schmal. Dies, weil die Ähren nicht mit Körnern gefüllt seien. Ursächlich dafür seien die langen Frostperioden des Frühjahres. Der durchgehend nächtliche Frost habe den April zum kältesten seit 1974 gemacht und dies habe Spuren hinterlassen, am deutlichsten beim Raps. Dessen Ernte falle hessenweit unterdurchschnittlich aus. Zudem scheine die „eigentlich tolle Pflanze“ bei häufig aufeinander folgender Anpflanzung zum Problem zu werden.

Ähnliche Ergebnisse wie im restlichen Bundesland sind auch im Kreis zu verzeichnen, erläuterte Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands Marburg-Kirchhain-Biedenkopf. So sei die mit Winterweizen angebaute Fläche um fast 1 000 auf 8 670 Hektar gewachsen, während die der Wintergerste auf 4386 Hektar zurückging, zählte die Vorsitzende des Kreisbauernverbandes auf. Zunahmen gibt es dagegen bei Ackerbohnen und Zuckerrüben.

Lölkes lenkte den Blick noch auf andere Zahlen. Von den 1 569 Bauernhöfen im Landkreis sind nur noch 279 Haupterwerbsbetriebe, die durchschnittlich 85 Hektar bewirtschaften. Rund 200 Ökobetriebe bewirtschaften rund 10 600 Hektar, womit man nah am Ziel der Landesregierung sei. Allerdings nehme die Zahl der Tierhalter weiter ab. So habe sich innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Schweinehalter um 60 Prozent verringert. Und: Im Landkreis gibt es nur noch 0,6 Großvieheinheiten, nach Kriegsende waren es in Hessen noch 1,7.

Dies sind nur einige der Zahlen, aus denen Lölkes folgert, dass die Landwirte des Kreises die Bevölkerung nicht mehr versorgen kann, man auf Importe angewiesen sei. Folglich fordert Lölkes die Unterstützung der Politik, damit die Landwirte weiterhin zur Versorgungssicherheit beitragen können. Dazu brauche man eine regionale Produktion, was wiederum ein auskömmliches Einkommen für die Bauern bedinge.

Da in Deutschland für Lebensmittel nicht entsprechend des Wertes gezahlt werde, hält nicht nur die oberste Bäuerin des Kreises eine Wertediskussion für erforderlich. Denn während die Einkünfte der Landwirte bestenfalls stagnierten, nehmen die Kosten stetig zu. So könne es „Tierschutz und Tierwohl nicht umsonst geben“, wies Karin Lölkes auf ein aktuelles Thema hin.

„Die Auflagen für die Betriebe werden zu groß, das schmälert die Lust auf die Landwirtschaft“, ergänzte Kreislandwirt Frank Staubitz. So gebe es im Hinterland nur noch rund zehn milchliefernde Höfe, aber „wo Grünland vorne ist, geht’s nur mit Viehhaltung“. Blühflächen zu unterhalten sei nicht die ureigenste Aufgabe von Bauern, sondern „das Versorgen der Menschen mit Lebensmitteln“, sagte Staubitz. Pflanzenschutzexperte Herbert Becker sprach sich für den Einsatz entsprechender Mittel aus. So habe nicht nur der im Frühjahr fehlende Sonnenschein dem Raps zugesetzt, sondern auch Schädlinge.

Paul Neubauer vom Landkreis wies auf ein weiteres Problem hin. Zwar sei das Reduzieren des Flächenverbrauchs durch das Bebauen zum Teil gelungen, dennoch würden die Ernteflächen immer geringer. Dies liege am großen Flächenbedarf von Photovoltaikanlagen. Karin Lölkes fordert in diesem Zusammenhang, für Photovoltaik verstärkt Dächer zu nutzen, statt Ackerflächen dafür aufzugeben. Frank Staubitz plädiert dafür, die Nutzflächen besser zu verteilen. Man könne nicht das Hinterland mit Photovoltaik zupflastern, nur weil dort die Böden weniger ertragreich sind. Auch in den guten Lagen des restlichen Kreises gebe es weniger ertragreiche Flächen, die genutzt werden können.

Landwirtschaft in Zahlen

Insgesamt 1 569 Bauernhöfe gibt es im Landkreis. Davon sind 279 Vollerwerbsbetriebe, die durchschnittlich einen Fläche von 85 Hektar bewirtschaften. Die übrigen 82 Prozent sind Nebenerwerbsbetriebe, die sich mit einer durchschnittlichen Fläche von 18 Hektar begnügen. Die genutzte Fläche teilt sich in 30 000 Hektar Acker- und 19 500 Hektar Grünland auf. Hinzu kommen noch 670 Hektar Blüh- und 2 500 Hektar ökologische Vorrangflächen. 200 Ökobetriebe bewirtschaften 10 600 Hektar Land.

Die Zahl der Milchkuhhalter sank unter 100, die der Mutterkuhzüchter beträgt rund 400. 21 000 Schweine werden in 300 Betreiben gemästet. Weniger als 30 Bauern züchten 460 Sauen.
Vom Ackerland werden rund 18 200 Hektar für den Getreideanbau genutzt, 4 200 für Mais, 2 700 für Raps, 901 für Eiweißpflanzen, 290 für Gemüse und 450 für Hackfrüchte. 2 173 Hektar dienen der Produktion von Ackerfutter.

Für den Getreideanbau werden folgende Flächen genutzt: Winterweizen 8 671 Hektar (2020: 7 750 Hektar), Roggen 1 246 (1 400), Wintergerste 4 386 (5 000), Mais 4 196 (4 200), Winterraps 2 693 (2019: 964).

Für Feldfrüchte nutzen die Landwirte folgende Flächen: Erbsen 140 Hektar (2019: 84 Hektar), Ackerbohnen 558 (2020: 600), Kartoffeln 78 (2020: 80), Zuckerrüben 337 (2020: 315), Gemüse und Obst 66,9.

Von Gianfranco Fain