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Marburg Keine Pfleger mehr: Hilfeschrei aus Marburger Altenheim
Marburg Keine Pfleger mehr: Hilfeschrei aus Marburger Altenheim
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10:04 17.12.2020
Corona-Ausbruch im Alten-und Pflegeheim "Haus Waldblick" in Moischt. Mitarbeiter der Gefahrenabwehr des Landkreises gehen heute Mittag in Schutzkleidung hinein. Quelle: Nadine Weigel
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Moischt

Es müssen Bilder des Grauens, Szenen des Elends sein, die sich gerade im „Haus Waldblick“ abspielen: Die Bewohner des Seniorenheims, nach OP-Informationen 42 von ihnen mit Coronavirus infiziert, liegen mitunter einsam und hilflos in ihren Betten. In ihren eigenen Fäkalien, über Stunden und das seit Tagen.

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„Leib und Leben der alten Menschen sind in akuter Gefahr. Wenn ihnen nicht schnell geholfen wird, werden manche in unwürdigster Art und Weise sterben“, sagt Bernd Combé, der das Haus in Moischt 1984 mit gegründet und jahrelang im Landkreis Marburg-Biedenkopf als Pflegedienstleiter gearbeitet hat. „Es herrscht Land unter, es ist Gefahr in Verzug, jede Stunde zählt“, sagt er mit verzweifelter Stimme.

Was passiert ist: Nicht nur hat Corona die Einrichtung und viele Heimbewohner vor mehr als einer Woche schwer getroffen. Mittlerweile ist praktisch das gesamte Waldblick-Personal, von Pflegekräften über Küchenmitarbeiter bis zu Verwaltungsangestellten, in Quarantäne. Keiner von ihnen darf die eigenen vier Wände verlassen, das Moischter Haus betreten und die erkrankten Alten versorgen. Nach OP-Informationen lag mindestens ein Verstorbener über Tage im Bett, niemand holte die Person ab. Eine andere Person soll, da kein Notarzt ins Haus kam, ohne palliative Behandlung gestorben sein.

Im Namen der vielen Über-80-Jährigen, der Corona-Risikogruppe schlechthin, startet Combé einen Hilferuf: „Die alten Menschen können nicht mehr versorgt werden. Es fehlt die dafür nötige Manpower“, sagt er.

Zu allen akuten Problemen kommt noch die Angst der Angehörigen: Ein Anruf nach dem nächsten, um sich nach den Liebsten zu erkundigen. Oft genug kann niemand – es sind ja nur noch zwei Pfleger und wenige andere vor Ort – den Hörer abnehmen, auch bei Steffen Bohl, der „Haus Waldblick“ erst seit kurzem leitet, klingelt im Minutentakt das Telefon.

„Wir nehmen jede Hilfe, weil wir jede Hilfe brauchen“

Man suche nach Menschen, die „ein Mindestmaß“ an pflegerischer Kenntnis, an Betreuungserfahrung von alten Menschen hätten. „Wir nehmen jede Hilfe, weil wir jede Hilfe brauchen“, sagt Bohl im OP-Gespräch. Das Problem: Die Pflege von Menschen sei „nichts für Laien“, zumal es um den Umgang mit schwer Pflegebedürftigen, mehr noch: um die Betreuung von Corona-Infizierten gehe.

„Ich kann von niemandem verlangen, dass er sich gefährden soll. Aber wenn niemand etwas tut, wird das schlimm enden“, sagt Bohl, der selbst in Quarantäne gefangen und hörbar aufgewühlt ist. Es seien nur noch zwei Pflegekräfte im Einsatz. „Es ist der Horror.“

Combé und Bohl arbeiten an einem Verlegungsplan, haben Zusagen von umliegenden Pflege-Einrichtungen, wo noch Plätze frei wären. Sie würden Waldblick-Bewohner vorübergehend aufnehmen – doch weil dort alle infiziert sind, dürfen sie das nicht. Wegen des Gesundheitsschutzes der anderen Bewohner.

„Alle, die über dem Anschlag arbeiten, müssen jetzt eventuell mit zusehen, wie die Menschen, um die sie sich aufopferungsvoll gekümmert haben, im Stich gelassen werden“, sagt Combé.

„Politik hat System runtergespart, ich schäme mich für diese Gesellschaft“

Stadt, Gesundheitsamt, Bundeswehr: „Da liegt jetzt die Verantwortung. Das Haus steht in Flammen, es geht nichts mehr, keiner von uns – egal ob mit oder ohne Symptome in Quarantäne – darf mehr rein und sich um die alten Menschen kümmern“, sagt Combé. Bei dem Ex-Pflegedienstleiter – neben Moischt arbeitete er ab Anfang der 1990er-Jahre auch in Neustadt – mischt sich in die Verzweiflung und Fassungslosigkeit vor allem eine Emotion: Wut. „Jahrzehntelang ist das System von der Politik runtergespart worden, ich schäme mich für diese Gesellschaft.“

Loben und klatschen? „Das ist blanker Hohn! Es wird nur vom eigenen Versagen abgelenkt“, sagt Combé und erntet zustimmendes Nicken von Florian Herrmann, Geschäftsführer der Seniorenbetreuung „Weisser-Stein“ in Wehrda. Er ist mit Combé zusammen vor das Haus Waldblick geeilt, um irgendwie zu helfen. „Ich konnte Pflegekräfte von mir mobilisieren, die heute Nachmittag hier einspringen würden“, sagt er. Wie Combé spricht er von „Behördenversagen“, kritisiert den mangelnden Schutz der älteren Bevölkerung.

„Wir machen einen Lockdown, aber müssen noch Besucher in die Alten-und Pflegeeinrichtungen lassen. Wo ist da Risikogruppen-Schutz“, fragt er und blickt nach oben. Eine alte Dame steht am Fenster und schaut nach draußen auf den Hof. Verzweifelte Blicke.

Plötzlich fahren Fahrzeuge von Technischem Hilfswerk und Rettungsdienst vor. Menschen steigen aus und ziehen Corona-Vollschutz an: weiße Overalls, FFP2-Masken, Schutzbrillen, Gesichtsvisiere, Plastiküberzieher für die Schuhe. Es sind Mitarbeiter des Fachbereiches Gefahrenabwehr des Landkreises sowie der Betreuungs-und Pflegeaufsicht des Regierungspräsidiums Gießen.

Landkreis reagiert mit Gefahrenabwehr: „Stellen Grundversorgung sicher“

Auf OP-Anfrage äußert sich der Landkreis Marburg-Biedenkopf: Die Lage in der Einrichtung sei „sehr ernst.“ De nötige schnelle Hilfe leiste man aktuell, seit gestern organisieren Landkreis und Stadt Marburg die Aktivierung von qualifiziertem Pflegepersonal.

Es sei festgestellt worden, dass sich die Versorgung der Heim-Bewohner unter den aktuellen Voraussetzungen – sprich der Masseninfektion – „am besten in der Einrichtung selbst sicherstellen lässt“. Es habe gestern Mittag vor Ort über die Gefahrenabwehr bereits eine „ad hoc Versorgung Bewohner mit Nahrung und Flüssigkeit“ gegeben.

Pflegeeinrichtungen aus der Umgebung, Institutionen und Dienstleister würden bereits mit Personal helfen, um „eine Grundversorgung sicherzustellen“.

Reinigung, Haustechnik, Küche, Verwaltung und Pflege: Aktuell würden für alle nötigen Bereiche weitere Dienstleister organisiert, auch das Gesundheitsamt selbst unterstütze mit Mitarbeitern um „nachhaltig sichere Strukturen für die Bewohner zu schaffen“. Der Ärztliche Leiter des Rettungsdienst überwache nun den Gesundheitszustand der Heim-Bewohner, um umgehend medizinisch reagieren zu können.

Von Björn Wisker, Nadine Weigel, Andreas Schmidt

146 arbeitssuchende Pfleger in der Region

So sieht es auf dem Arbeitsmarkt aktuell mit Pflegekräften aus: „Die Lage ist natürlich angespannt, denn unter anderem gibt es in Marburg zwei größere Kliniken, die ebenso um die Pflegekräfte konkurrieren, wie auch Pflegeheime oder die Vitos-Kliniken“, sagt Tanja Siegert vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur Marburg auf OP-Anfrage. Zwar würden viele Akteure auch stark auf Ausbildung setzen und dabei etwa mit der DRK Schwesternschaft kooperieren. „Aber den Bedarf deckt das nicht immer.“

Wenn ein Arbeitgeber sein Angebot „attraktiv gestaltet und auch formuliert, kann es auch sein, dass sich Kräfte aus anderen Häusern bei ihm bewerben – aber das reißt dann dort eine Lücke.“ Doch immerhin gibt es in der Region 146 arbeitssuchende Altenpfleger, von denen 92 arbeitslos gemeldet sind – sie könnten also sofort zur Verfügung stehen.

Die Arbeitsagentur könnte auch kurzfristig entsprechende Mitarbeiter vermitteln. „Das Problem ist aber: Es wäre ja nur eine zeitlich sehr kurz befristete Stelle – die müsste nach der Genesung der Stammkräfte ja wieder freigemacht werden.“ Das sei für potenzielle Bewerber wohl nicht sehr attraktiv. „Die Frage ist, ob ausschließlich medizinisches Personal benötigt wird. Denn für Randbereiche könnte man ja beispielsweise auf Studierende zurückgreifen, die wegen des Lockdowns ihre Jobs in Gastronomie und Co. verloren haben“, sagt Siegert.
Hilfsangebote an: waldblick-hilfe@gmx.de

Von Andreas Schmidt