Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Keine Lösung: Umverteilen von Gewerbeflächen
Marburg Keine Lösung: Umverteilen von Gewerbeflächen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:57 22.03.2022
Die Bebauung des Hasenkopfs im Marburger Stadtwald ist umstritten.
Die Bebauung des Hasenkopfs im Marburger Stadtwald ist umstritten. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Seit dem 10. Januar lag der Entwurf des Regionalplans in den Ämtern des Landkreises zur Einsicht aus. Seitdem nutzten viele Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit, sich darüber zu informieren, was die Mittelbehörde in Gießen den Kommunen in Mittelhessen an Möglichkeiten eröffnen will, um neue Flächen für Gewerbe oder den Wohnungsbau vorzusehen.

Unzählige Bürger kündigten bei Versammlungen wie in Cappel, Michelbach oder Moischt an, ihre Einwände gegen eines der Vorhaben an das Regierungspräsidium (RP) in Gießen zu senden. Beim RP ist die Obere Landesplanungsbehörde angesiedelt, die den Plan im Auftrag der Regionalversammlung ausarbeitete und auch die Einwände bewerten wird. 

Die Einwände gegen die Pläne müssen am Freitag, 25. März, beim RP eingegangen sein. Bis die Frist ausläuft, müssen sich einige kommunale Vertretungen noch auf eine Stellungnahme festlegen. Zum Beispiel die Stadtverordnetenversammlung Marburg, die am Freitag eine Entscheidung trifft.

Oberbürgermeister erklärt Vorgehen

Vorbereitet wird diese unter anderem im am Dienstag, 22. März, tagenden Hauptausschuss, in der vergangenen Woche diskutierten darüber auch schon die Mitglieder des Ausschusses für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, der die Vorlage des Magistrates mit zwei kleinen Änderungen empfiehlt (OP berichtete).

Diese Sitzung verfolgten auch Mitglieder der gerade gegründeten Bürgerinitiative (BI) „Rettet den Hohnes“, deren Vorsitzender Matthias Koch-Schirrmeister vom Ablauf enttäuscht ist. Die BI richtete sich gegen das im Entwurf des Planes enthaltene Industrie- und Gewerbegebiet G322. Für dieses ist eine Fläche von 33 Hektar am Ortsrand von Moischt in Richtung der zur Gemeinde Ebsdorfergrund zählenden Orte Beltershausen und Heskem vorgesehen.

Dazu erläuterte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies: Würde die Fläche von 11 Hektar nördlich von Gisselberg wieder in den Regionalplan aufgenommen, so könne das Industriegebiet bei Moischt um diese Größe verkleinert und Richtung Südosten verschoben werden.

Antrag wird gleich zurückgezogen

„Eine eingehende Stellungnahme unsererseits dazu ist erst möglich, wenn ein verbindlicher Plan vorliegt“, sagt Koch-Schirrmeister im Namen der BI dazu. Das grundsätzliche Problem des ausufernden Flächenverbrauchs sei jedoch nicht dadurch zu beheben, indem eine große Fläche auf einige kleinere verteilt werde. Den Moischtern verbleibe dann noch eine Fläche von 22 bis 24 Hektar für ein Industriegebiet.

Nicht überrascht habe die BI, dass die Lahnauen als potenzielles Gewerbegebiet aufgegeben werden soll. Ein gemeinsamer Antrag der Linken, Piraten und des Abgeordneten Göttling zum Schutz derselben wurde gleich zu Sitzungsbeginn zurückgezogen, was ihren Eindruck verstärke, „dass die Nutzung der Lahnauen sowieso nie ernsthaft geplant war“. Bemerkenswert fanden die BI-Mitglieder das Einräumen eines Vertreters der Grünen, dass das der Industrieflächenplanung zugrunde liegende Prognos-Gutachten, „eine Projektion der Vergangenheit in die Zukunft, ein ‚weiter so wie bisher’“ sei.

Da der Öffentlichkeit noch kein Bauvorhaben für die Großfläche bei Moischt bekannt ist, stellte eine Vertreterin der Fraktion „Die Linke“ fest, dass die planerische Praxis, nämlich die Ausweisung größtmöglicher Flächen für noch nicht bekannte Industrieprojekte, im Widerspruch zu den Prinzipien des sparsamen Flächenverbrauchs stehe. Dem habe die BI nichts hinzuzufügen.

Hasenkopf soll aus Plan raus

Auch der Bürgerzusammenschluss Hasenkopf übermittelte eine Stellungnahme zum neuen Regionalplan an das Regierungspräsidium (RP) Gießen. Darin wird gefordert, die Siedlungsfläche 305, die das Gebiet Hasenkopf am Stadtteil Stadtwald umfasst, aus dem Plan herauszunehmen.

Weil die Fläche im westlichen Marburger Außenbereich ein empfindlicher Freiraum auf dem Höhenzug „Marburger Rücken“ sei, der „wichtige Funktionen im Hinblick auf Klima, Frisch- und Kaltluftentstehung, Landschaftsbild sowie Natur- und Artenschutz erfüllt“. Die Fläche leiste durch fast ausschließlichen biologischen Landbau mit großflächigen Blühstreifen einen wichtigen Beitrag zur regionalen und nachhaltigen Lebensmittelversorgung.

Faktor: Entwicklung der Einwohnerzahlen

Zudem sei das sogenannte „Bauen auf der grünen Wiese“ – nicht nur aufgrund der damit einhergehenden Zunahme des mobilisierten Individualverkehrs und des Lieferverkehrs – städteplanerisch überholt. Der Zusammenschluss verweist auch auf das Ziel des Landesentwicklungsplans, demzufolge die Inanspruchnahme von Flächen mittelfristig auf null herunterzufahren ist.

Auch den prognostizierten Bedarf an Flächen zur Wohnsiedlung sieht der Zusammenschluss kritisch, vermutet aufgrund des demografischen Wandels ein Stagnieren der Einwohnerzahlen nach dem Jahre 2035 auch in der Stadt Marburg und fordert deshalb „besonders hohe Hürden für das Ausweisen von Neubaugebieten und stattdessen das Ausschöpfen aller Mittel, um Flächen im Siedlungsbestand zu mobilisieren“.

Von Gianfranco Fain

21.03.2022
21.03.2022