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Marburg Keine Beweise für Paketdiebstahl
Marburg Keine Beweise für Paketdiebstahl
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11:58 16.04.2021
Pakete in einem Paketzentrum: Ein Kurierdienst aus dem Landkreis Gießen hat einem seiner Fahrer gekündigt, weil der Pakete gestohlen haben soll.
Pakete in einem Paketzentrum: Ein Kurierdienst aus dem Landkreis Gießen hat einem seiner Fahrer gekündigt, weil der Pakete gestohlen haben soll. Quelle: Foto: Tom Weller
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Gießen

Weil er angeblich Pakete gestohlen haben soll, hat ein Kurierdienst mit Sitz im Landkreis Gießen einen seiner Kuriere fristlos entlassen. Der behauptet jedoch, er habe die Pakete nicht gestohlen, und ging gerichtlich gegen seine Kündigung vor.

Arbeitsrichter Michael Schneider erläuterte, dass der Arbeitgeber die fristlose Kündigung nicht nur als Tatkündigung, sondern auch als Verdachtskündigung ausgesprochen habe. Demnach sei der Mann seit Dezember 2019 bei dem Unternehmen als Kurierfahrer beschäftigt gewesen – und habe am 30. November vergangenen Jahres wegen Diebstahls beziehungsweise des Verdachts auf Diebstahl seine fristlose Kündigung erhalten. Außerdem sei am selben Tag ein Hausverbot gegen ihn ausgesprochen worden. Doch warum?

„Im Prinzip bezieht sich das Ganze auf zwei Vorfälle“, so Schneider zum Sachverhalt. So soll der Kurierfahrer am 12. Oktober 15 Pakete in der Distributionsfirma eingescannt und mitgenommen haben, die er an einen Unterhaltungselektronik-Händler habe bringen sollen. Dort seien aber nur 14 Pakete ausgeladen worden – angeblich fehlte ein Paket mit rund 220 Euro teuren Apple-Ohrhörern. „Normalerweise werden die Pakete gemeinsam mit dem Empfänger gezählt und dann auf einem Nachweis quittiert“, so Schneider. Eine Quittung gebe es zwar – doch die seit laut des Unternehmens nicht vom Empfänger unterschrieben worden, sondern, so die Behauptung, der Kurierfahrer habe die Unterschrift gefälscht.

Vonseiten des Markts sei das fehlende Paket am 13. Oktober bei der Firma angezeigt worden, worauf es ein Gespräch mit dem Fahrer gegeben habe. Damit sei die fristlose Kündigung aufgrund dieses Vorfalls am 30. November jedoch nicht mehr möglich, erläuterte der Richter, „denn die Zwei-Wochen-Frist ist überschritten“.

Und: Es gab noch einen weiteren Fall am 25. Oktober: An diesem Tag soll der Fahrer ein iPhone 11 im Wert von knapp 1 900 Euro zwar in sein Fahrzeug geladen, jedoch nicht ausgeliefert haben. Der Arbeitgeber habe den Fahrer am 29. Oktober zu einer „Nachquittung“ aufgefordert, am 2. November dann noch einmal nachgefragt, am 13. November dann festgestellt, dass es sich wohl um ein iPhone gehandelt habe – „und am 23. November hat sich das dann irgendwie tatsächlich bestätigt“, so der Richter –, eine Woche später seien dann das Hausverbot und die Kündigung ausgesprochen worden. „Auch hier stellt sich die Frage nach der Zwei-Wochen-Frist – wann war denn tatsächlich Kenntnis da?“, fragte er – die Antwort blieb offen.

Der Kläger bestritt die Taten. Vielmehr würden zunächst sämtliche Pakete von einem Hauptscanner erfasst und dann über Laufbänder zu den Zustellern transportiert – jeder nimmt sich die Pakete vom Band, die für seine Tour bestimmt sind, und scannt diese dann ein. „Die Scannerquittungen liegen dem Gericht aber nicht vor“, sagte Arbeitsrichter Schneider. Und die Anwältin verdeutlichte, dass auch der Fahrer, der noch hinter ihrem Mandanten am Band gestanden habe, die Pakete ja hätte nehmen können.

Fraglich sei auch, ob das Unternehmen tatsächlich beweisen könne, dass der Fahrer das Paket gestohlen habe. So habe es bei dem Mitarbeiter Hausdurchsuchungen gegeben – dort sei die vermisste Ware jedoch nicht gefunden worden. Und im Depot hänge eine Überwachungskamera, jedoch lägen keine Daten davon vor.

Er riet den Partien zu einem Vergleich: Die fristlose Kündigung in eine ordentliche Kündigung umzuwandeln und das Arbeitsverhältnis zum 31. Dezember zu beenden. Denn der Kläger hat seit 1. Januar bereits einen neuen Job.

Die Beklagte stimmte zähneknirschend zu – denn sie bliebe auf dem Schaden sitzen und müsse dem Kläger nun auch noch ein Monatsgehalt zahlen.

Von Andreas Schmidt

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