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Marburg Keine "Besetzer" in der Kollektivkneipe
Marburg Keine "Besetzer" in der Kollektivkneipe
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00:17 13.04.2019
Die von unbekannten Aktivisten errichtete Barrikade an der ehemaligen Kollektivkneipe „Havanna8“ am Lahntor ist noch gewachsen. Im Inneren soll sich indes niemand aufhalten.  Quelle: Ina Tannert
Marburg

Ob in den sozialen Netzwerken, auf den Straßen Marburgs oder in der Parteienlandschaft – sowohl die Schließung des „Havanna8“, als auch die darauf folgende Protestaktion sorgen in der Stadt für Diskussionsstoff.

Am Montag hatten Unbekannte aus Protest die Außenfassade des Gebäudes am Lahntor, in dem sich die ehemalige Kollektivkneipe befindet, mit Bauschaum, Brettern und Plakaten mehr oder weniger verrammelt (die OP berichtete).

Mittlerweile sind die „Barrikaden“ noch gewachsen, vor der Eingangstür wurden mehrere Pflastersteine hüfthoch aufeinandergeschichtet und mit Mörtel verstärkt.

In einer weiteren Pressemitteilung an die OP teilen die unbekannten Aktivisten mit, dass sich niemand im Inneren der Bar-Räume aufhält. Davon war ebenfalls die Polizei ausgegangen. „Wir haben die Eingangstür des ehemaligen Havanna8 verbarrikadiert und die Fassade markiert, um unserer Wut über den Verlust der Kneipe auszudrücken“, teilen die Aktivisten mit.

Denn die Bar stehe exemplarisch für das von ihnen kritisierte politische System: „Mietpreise orientieren sich in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht an den finanziellen Möglichkeiten der Individuen, sondern ausschließlich an einem Streben nach maximalen Profit“, betonen die Aktivisten.

Linke: Akt der Gentrifizierung

Innerhalb der Stadtpolitik gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf die Protestaktion und die vorangegangene Schließung der Bar. Auslöser soll der mehrfache Verkauf des Hauses samt Mietsteigerung gewesen sein. Am Ende stand die Kündigung des Mietvertrages.

Darin sieht unter anderem die Marburger Linke einen Akt der Gentrifizierung. Die Fraktion solidarisiert sich mit der Protestaktion und unterstütze „nachdrücklich“ die Forderung, die Kündigung zurückzuziehen, erklärt Fraktionsvorsitzende Renate Bastian in einer Pressemitteilung.

Sie fordert den Magistrat auf, „endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass der Prozess der Gentrifizierung, verbunden mit der Vertreibung alteingesessener Bürger/innen und Einrichtungen, auch vor Marburg nicht Halt macht“, so die Fraktion.

Stadt sieht keine Handhabe bei privaten Verkäufen

Auch die Marburger SPD würde begrüßen, wenn der Magistrat in der Sache „moderierend“ eingreift und „falls notwendig bei der Suche nach einem neuen Standort behilflich ist“.

Wie die Pressestelle der Stadt auf Nachfrage mitteilt, stehe die Verwaltung seit Monaten sowohl mit dem Betreiberkollektiv wie mit Eigentümern möglicher alternativer Standorte im Gespräch, eine Lösung konnte nicht gefunden werden.

„Der Verlust des Havanna8 wiegt schwer und ist schmerzlich“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Ändern könne man an der derzeitigen Lage jedoch nichts, „wenn privat an privat verkauft, kann die Stadt wenig tun. Es gibt leider keine Bestandsgarantie für gewerbliche Mieträume – auch bei kulturell bedeutsamen Einrichtungen.“

Die Schließung sehen auch die Grünen als „sehr bedauerlich“ an, teilt Grünen-Stadtverordneter Christian Schmidt mit. Und weiter: „Es ist letztendlich eine Gentrifizierung, eine Verdrängung.“ Ob eine Besetzung der richtige Weg dagegen sei, „das ist durchaus fraglich“, sagt Schmidt.

Die CDU-Fraktion sieht in der Sache hingegen keine gezielte Verdrängung. „Die Beendigung eines gewerblichen Mietverhältnisses wie im Fall des „Havanna8“ hat nichts mit Gentrifizierung zu tun, wird aber scheinbar bewusst oder unbewusst missbräuchlich verwendet, um Stimmung zu machen“, kritisiert Fraktionsvorsitzender Jens Seipp.

Graffiti an drei Uni-Gebäuden

Auch für die FDP-MBL-Fraktion gehe der Verdrängung-Vorwurf „an den Fakten vorbei“, meint Fraktionsvorsitzender Christoph Ditschler. Danach sei der Eigentümer im Recht, die Sache nicht Aufgabe der Stadtpolitik.

Auch für die BfM-Fraktion ist der mehrfache Weiterverkauf des Hauses prinzipiell nichts ungewöhnliches, anders würde die Lage aussehen, „wenn eine Immobilie zu einem reinen Spekulationsobjekt verkommt – das kann nicht im Interesse der Bürgerinnen und Bürgern sein“, teilt BfM-Fraktionsvorsitzende Andrea Suntheim-Pichler mit.

Kommentatoren in den sozialen Netzwerken sind ebenfalls geteilter Meinung, manche zeigen Solidarität, andere kritisieren die Aktion. Ebenso wie deren „Ausläufer“ in der Innenstadt, wie das Anbringen von Graffiti an drei Uni-Gebäuden, auf denen Solidaritätsbekunden wie „H8 bleibt“ gesprüht wurden.

Wie die Pressestelle der Uni auf Nachfrage mitteilt, werde man deswegen Strafanzeige wegen Sachbeschädigung stellen. Der Allgemeine Studierendenausschuss der Uni begrüßt die Protestaktion am Lahntor, „wir solidarisieren uns mit der Besetzung“, heißt es auf der Facebook-Seite.

Und was ist mit der Betreibergemeinschaft? Die will vorerst im Trauma unterkommen und dort einmal in der Woche „eine Art Kneipe im Exil bespielen, damit der Raum nicht gänzlich verloren geht“, teilt das Kollektiv mit.

von Ina Tannert