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Marburg Kein Testlauf in den Sommerferien
Marburg Kein Testlauf in den Sommerferien
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11:56 01.07.2020
Dieser autonom fahrende Bus von „easy mile" ist in der Stadt Monheim unterwegs. Quelle: Oliver Berg/dpa/Archiv
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Landkreis

Schon vor einigen Jahren ist das Thema autonomes Fahren auch im heimischen Landkreis angekommen und wurde bereits in der Praxis getestet: 2017 pendelte erstmals ein autonom fahrender Kleinbus auf dem Werksgelände der Behringwerke und transportierte Mitarbeiter und auch einige OP-Leser.

Anfang des Jahres nahmen dann Pläne für einen weiteren Testlauf – dieses Mal im öffentlichen Raum – Gestalt an.

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Die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg (IHK), federführend in der Arbeitsgruppe zum autonomen Fahren, suchte für das neue Pilotprojekt nach einer geeigneten Strecke und nahm den Radweg zwischen dem Bahnhof Niederweimar und der „Zeiteninsel“ Argenstein und damit die Anbindung an den ländlichen Raum in den Blick.

Was ist aus dem Projekt geworden? Angekündigt für einen Pendelverkehr mit zwei autonom fahrenden Bussen war ein Testzeitraum ab den nun nahenden Sommerferien, spätestens 2021, so der Plan damals aus dem Februar.

Grüne sind gegen den Test

Dann kam der Corona-Shutdown und um das Thema wurde es still, es landete am Freitag, 26. Juni, aber auf der Tagesordnung des Kreistags. Dies in Form eines Dringlichkeitsantrags der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Die fordert: „Keine Teststrecken für autonomes Fahren auf Radwegen im Landkreis“. Man begrüße zwar „ausdrücklich“ die Erprobung autonomer Lösungen der Mobilität, gerade im ländlichen Raum, aber eben nicht auf Radwegen, sondern dort, wo der motorisierte Straßenverkehr unterwegs ist.

Die vorhandenen Kapazitäten des Radwegenetzes im Kreis ließen „keine Nutzung jenseits der aktuell ohnehin schon vorhandenen Belastung durch landwirtschaftliche Verkehre zu“, heißt es im Beschlussvorschlag. Auch eine versuchsweise Nutzung könnte „unnötige Gefahrensituationen insbesondere für Kinder und Fußgänger provozieren“. Daher solle der Kreisausschuss andere Teststrecken benennen. Dem stimmte auch die Fraktion Die Linke zu, alle anderen Fraktionen stimmten mit Nein, der Antrag wurde abgelehnt.

Zachow: Radverkehr geht vor

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow gab einen Überblick zum Thema, das anscheinend noch nicht weitergekommen ist, zumindest liege „noch kein neuer Sachstand“ vor – auch keine Einigung über die Teststrecke.

Zachow verwies auf das sensible Thema Radwege und möglicherweise kollidierende Nutzerinteressen auf der umstrittenen Strecke, wo es besonders viel Radverkehr gebe. Das autonome Fahren sei aber auch eine „Technologie der Zukunft“, der man sich nicht verschließen könne.

Das gehe aber nicht gegen den Radverkehr: „Der Kreis wird kein Projekt unterstützen, wenn das zulasten der Radfahrer geht.“ Die IHK hoffte auf eine „friedliche Koexistenz“ mit Radfahrern und anderen Verkehrsteilnehmern, gerade auf dieser Strecke, wo bereits Autoverkehr fährt. Ob die am Ende überhaupt angenommen wird und technisch machbar ist, ist weiterhin offen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Einerseits braucht es für einen Testlauf Referenzpunkte entlang der Strecken, anhand derer sich das autonome Fahrzeug mit seinen Sensoren orientiert. Andererseits braucht es die Zustimmung von Kreis und Gemeinde.

Aktuell ist das Projekt Testphase ohnehin aufgeschoben, wenn auch nicht tot: „Corona-bedingt haben wir das noch nicht weiter verfolgt, da gab es ganz anderes zu tun“, berichtet Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg. Die Kammer war vollends beschäftigt mit einer wahren Flut von Anfragen rund um die Corona-Hilfsprogramme, die hatten Priorität.

Ebenso erging es Kreis und dem RMV. In diesen Sommerferien werde es noch keinen Test-Betrieb auf dieser oder einer anderen Strecke in Kreis geben. Gestorben ist das Projekt indes nicht, IHK und Kreis müssten sich künftig weiter abstimmen, „man muss jetzt sehen, ob das technisch möglich und überhaupt der richtige Weg ist – wenn es dort nicht klappt, müssten wir uns eine andere Strecke suchen“, schätzt Edelmann. Dann möglicherweise auch auf einer normalen Straße.

Langzeit-Test in Frankfurt – das Ergebnis

Der Verkehrsversuch mit Selbstfahr-Bussen entlang des Mainkai in Frankfurt ist abgeschlossen und ohne Zwischenfälle verlaufen. Mehr als 25.000 Fahrgäste nutzten in den vergangenen acht Monaten die elektrischen Minibusse, die auf einer Strecke von 700 Metern mit maximal 15 km/h bis zu sechs Fahrgäste beförderten. Als „durchweg positiv“ bezeichnet Knut Ringat, Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds, die gesammelten Erfahrungen in mitten von Fußgängern und Radfahrern.

Die Busse hätten die Testphase ohne Probleme gemeistert, und das trotz der Fußgänger, Radfahrer oder E-Scooter-Fahrer, die am Mainkai unterwegs gewesen seien, sagte Tom Reinhold von der städtischen Nahverkehrsgesellschaft traffiQ. Die meisten Fahrgäste seien aus Neugier zugestiegen. „Laut der begleitenden Umfrage der Frankfurter University of Applied Sciences berichten ganze 93 Prozent, dass sie sich während der Fahrt sehr sicher gefühlt haben. 94 Prozent würden sogar ohne Operator mitfahren.“

Ab Spätsommer steht ein weiterer Test an – nicht wie einst gedacht im Landkreis Marburg-Biedenkopf nahe Weimar, sondern rund um das Kloster Eberbach im Rheingau.

Von Ina Tannert und Björn Wisker

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