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Marburg Behörden reagieren nicht auf Gefahr
Marburg Behörden reagieren nicht auf Gefahr
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20:59 26.08.2019
Ein junger Mann schwimmt in der Lahn. Hier wurden multi­resistente Bakterien gefunden. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Der Hessische Rundfunk berichtete am Montag, dass das Karlsruher Institut für Technologie eine hohe Zahl multiresistenter Keime in Marburg in der Lahn gefunden habe. Gegen multiresistente Keime helfen Antibiotika nicht mehr; in diesem Fall auch nicht so ­genannte Reserve-Antibiotika, die im Normalfall nicht eingesetzt ­werden.

Ein Badeverbot für die Lahn wurde aber nicht erlassen. Offizielles Badegewässer ist die Lahn nämlich nicht. Sie wird deshalb auch nicht in Hinblick auf die Bestimmungen der europäischen Badegewässerrichtlinie kontrolliert und überwacht. Rein rechtlich jedoch darf jeder in der Lahn ­baden, der das gerne möchte. Die Nutzung der Lahn fällt unter ­„Allgemeingebrauch“.

Am Montag konnten sich weder das Kreisgesundheitsamt noch das zuständige Regierungspräsidium mit dem Fall befassen. Das Kreisgesundheitsamt musste ausgerechnet an diesem Tag evakuiert werden, nachdem die Atemluft kontaminiert war. Und im Regierungspräsidium war der zuständige Mitarbeiter den ganzen Tag über auf Außenterminen, teilte die Pressestelle der Behörde mit. Beide wollen sich am Dienstag (27. August) zum Thema „multiresistente Keime in der Lahn“ äußern.

Vorgeschichte aus dem Jahr 2018

Dabei hat das Thema eine Vorgeschichte: Bereits im Februar 2018 wurde bekannt, dass viele­ Flüsse und Bäche, aber auch ­Badeseen in Hessen von multi­resistenten Keimen betroffen sind. Im Mai vergangenen Jahres hatte der Kreistag den Kreisausschuss deshalb damit beauftragt, das Regierungspräsidium Gießen zu bitten, die Gewässer im Landkreis Marburg-Biedenkopf auf multiresistente Keime zu testen. Diese ­Anfrage hatte das Regierungspräsidium jetzt zurückgewiesen – mangels ­Zuständigkeit.

Da auch der Kreis sagt, er sei nicht zuständig für die Messung von Keimbelastung, fragte der Landtagsabgeordnete Jan Schalauske (Die Linken) bei Hessens damaligem Sozialminister Stefan Grüttner nach, wer denn nun für eine solche Untersuchung zuständig sei. „Gewässer, die keine Badegewässer im Sinne der EU-Badegewässerrichtlinie sind, werden nicht routinemäßig untersucht“, antwortete Grüttner damals dem Marburger Abgeordneten.

„Aktuell wird weder eine besondere Gefährdung durch das Vorhandensein der MRE in Oberflächengewässern gesehen noch können mit dem heutigen Kenntnisstand Konsequenzen aus positiven Befunden gezogen werden“, sagte Grüttner damals auf das Auskunftsersuchen von Schalauske, was dieser so quittierte: „Die Landesregierung weigert sich, für den Kreis Marburg-Biedenkopf eine Untersuchung der Fließgewässer vorzunehmen.“

Schalauske sagt am Montag der OP: „Das Land Hessen muss nun umgehend handeln und untersuchen, welche Verursacher im Falle der Lahn die ­hohe Belastung mit multiresistenten Keimen zu verantworten haben.“

Antibiotika-Einsatz muss gesenkt werden

Laut Berichterstattung hätten die Entnahme­stellen für die ­Proben in der Nähe von Krankenhäusern, Kläranlagen oder Tiermastbetrieben gelegen. „Das zeigt deutlich, dass insbesondere die Pharma- und Fleischindustrie den Antibiotika­einsatz deutlich senken müssen, um Menschenleben nicht weiter in ­Gefahr zu bringen“, so der Abgeordnete. Er fordert unter anderem die Nachrüstung von Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe.

Die Marburger Grünen wollen das Thema in einem Dringlichkeitsantrag im Stadtparlament am Freitag zur Sprache bringen. Fraktionschef Dietmar Göttling fragt, ob der Magistrat vorher keine eigenen Erkenntnisse hatte und ob bekannt sei, auf welchem Weg die multiresistenten Keime in die Lahn gelangen. Zudem wird der Magistrat „dringend“ aufgefordert, Kanufahrer und Schwimmer, die die Lahn als Freizeitfluss nutzen, auf diese Problematik hinzuweisen und entsprechende Verhaltensregeln zu kommunizieren, heißt es in der Pressemitteilung der Grünen.

von Till Conrad