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Marburg Kaum Frust nach spätem Frost
Marburg Kaum Frust nach spätem Frost
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00:17 31.05.2019
Dieser Süßkirschbaum hat die Fröste während der Blütezeit nicht ganz schadlos überstanden. Gleichwohl trägt er jede Menge Früchte. Quelle: Hartmut Berge
Marburg

Nach einem Kältestrom in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai erfroren an den Obstbäumen viele Fruchtan­sätze, vor allem in der Gegend um Frankfurt (Oder), Müncheberg und in Südbrandenburg.

Fast die komplette Ernte ist nach Angaben der dortigen Obstbauern ruiniert. Sie sprechen von einer Extremwetterlage, wie es sie seit einem halben Jahrhundert nicht mehr gegeben habe.

In Hessen hatten manche großen Apfelanbauer im Mai viele Nächte lang ihre Frostschutzberegnungen in Gang gesetzt. Die Blüten sind dann umhüllt von einer dünnen Eisschicht und vor tieferen Temperaturen geschützt. Allerdings vertragen das nur Äpfel – Pflaumen oder Süßkirschen hingegen nicht.

Beerenobst unter Verlierern

Großer Aufwand war ­nötig, um Früchte an die Bäume zu bekommen. Zudem hatten fast deutschlandweit die klassischen Bestäuber Probleme mit dem Wetter: Seit Anfang Mai blieben die Bienen an vielen Tagen in ihren Stöcken. Draußen war es einfach zu kalt.

Heinrich Bornmann, Vorsitzender des Kreisverbandes Marburg für Obstbau, Garten und Landschaft, berichtet über sehr unterschiedliche Auswirkungen der frostigen Nächte im Mai. Beim Beerenobst seien Frostschäden festzustellen, stellenweise auch beim Wein, der nicht an Hauswänden ranke.

Die früh blühenden Kirschen sind nach seinen Worten gut durchge­kommen, bei den etwas später blühenden hinterließ der Frost hingegen seine Spuren. Die noch späteren kamen wieder gut durch. „Die Wildkirschen wurden stark gebeutelt“, weiß der Wohrataler.

Lage bei Äpfeln noch unklar

Während man bei Kirschen Frostschäden sehr schnell erkennen könne, müsse man bei den Äpfeln noch abwarten, um genaue Angaben über etwaige Ernteverluste machen zu ­können.

Frostschäden habe es auch bei exotischen Früchten ge­geben, sagt er. „Vieles spricht dafür, dass wir uns wieder auf die einheimischen und bewährten Pflanzen konzentrieren sollten“, rät der Vorsitzende. Denn die kommen mit den in unseren Gefilden üblichen großen Temperaturschwankungen besser zurecht als Exoten. Das gleiche treffe auf den Gemüsegarten zu.

Die gleichen Erfahrungen machte sein Kollege Ewald Achenbach. Er ist Vorsitzender des Kreisverbandes Biedenkopf zur Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege.

Folien und Vliese
zum Schutz vor der Kälte

Er kommt aus Breidenstein. Dort, in den höheren Lagen 
des Hinterlandes, gibt es nicht viele Kirschbäume. Gleichwohl hat auch er Rückmeldungen erhalten, dass die früh und spät 
blühenden gut durchs Frühjahr gekommen sind. Große Ernteausfälle bei den Äpfeln ­zeichnen sich nach seiner Einschätzung bisher nicht ab.

Manch ein ­Erdbeeranbauer schützte sehr früh die Blüten mit Vlies vor Frost. Aber so kamen keine Insekten zur Bestäubung an die Blüten. Das ständige Abnehmen und Auflegen des Vlieses wäre zu aufwendig gewesen. Die begehbaren Tunnel, unter denen bei großen Anbauern Erdbeeren wachsen, wurden in kalten Nächten extra zugedeckt.

Der Spargel wächst hierzulande vorwiegend unter Folien. Sie werden nur zum Stechen abgenommen. Die Erntezeit begann Mitte April. Weil an manchen Tagen frühmorgens die Gefahr bestand, dass die empfindlichen Spargelköpfe erfrieren, fingen die Erntehelfer ein paar Stunden später mit dem Stechen an.

Pilze haben leichtes Spiel

Temperaturen um und unter dem Gefrierpunkt bereiten auch im Ackerbau Sorgen. Bei Minusgraden wurde hier und da der Raps geschädigt. Wie beim Obst gilt: Wenn die Blüten erfrieren, setzt die Pflanze keine Fruchtstände an. Es gibt weniger Rapsschoten und geringere Erträge. Zudem verursacht der Frost Risse in den Stängeln, das behindert den Wasser- und Nährstoff-Fluss und somit das Wachstum. Pilze können so leichter in den Raps eindringen und ihn schädigen.

Karin Lölkes, die Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Kirchhain-Biedenkopf, berichtet, dass der Mais im Wetschaftstal, ihrem Zuhause, die Fröste recht gut überstanden habe. Auch ihr ist nicht entgangen, dass viele ihrer Kollegen im vergangenen Jahr Raps aussäten, der aber mangels Regen nicht aufging.

In den Getreidekulturen und im Winterraps im Landkreis sehe er keine großen Probleme, sagt Herbert Becker. Er ist Pflanzenbauexperte in der ­Beratungsstelle Marburg des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen (LLH).

Frost im März war das Problem

Bei Mais, Zuckerrüben und Kartoffeln komme es wegen der Kälteeinbrüche zu Entwicklungsverzögerungen, sagt er. ­Außer leichten Schäden am Blatt, die wieder auswachsen, gebe es keine weiteren Folgen, die sich auf die Ernte auswirkten.

Schäden im Raps ließen sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen, betont der Experte. Frost, Schädlingsbefall und späterer Auflauf spielten eine Rolle.

Der Frost im März habe manchem Raps „weh getan“, die jüngsten Fröste nur bedingt. Im Landkreis gebe es viele Gemarkungen, wo in diesem Jahr kein oder nur wenig Raps stehe. Wegen der Trockenheit im vergangenen Sommer sei manchenorts sehr spät gesät worden, mit der Konsequenz, dass keine hohen Erträge zu erwarten seien, prognostiziert Herbert Becker.

von Hartmut Berge