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Marburg Von Schreibmaschinen und „großen Tieren“
Marburg Von Schreibmaschinen und „großen Tieren“
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18:00 09.04.2021
125 Jahre Kaufmännische Schulen – die Entwicklung symbolisiert für Lehrkräfte und Schüler rund um Schulleiter Klaus Denfeld (hinten rechts) beispielsweise der Weg von der historischen Schreibmaschine aus dem Jahr 1864 hin zum modernen Unterricht mit Tablets.
125 Jahre Kaufmännische Schulen – die Entwicklung symbolisiert für Lehrkräfte und Schüler rund um Schulleiter Klaus Denfeld (hinten rechts) beispielsweise der Weg von der historischen Schreibmaschine aus dem Jahr 1864 hin zum modernen Unterricht mit Tablets. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Jubiläumsjahr an den Kaufmännischen Schulen Marburg (KSM): Vor 125 Jahren wurde durch den kaufmännischen Verein die Handelsschule gegründet – als „Fortbildungsschule für männliche Handlungsgehilfen und -lehrlinge“, wie die Azubis damals hießen. Zum Jubiläum hatte die Schule zahlreiche Veranstaltungen geplant, „aber Corona macht auch uns einen Strich durch die Rechnung", sagt Schulleiter Klaus Denfeld. Doch ein Punkt soll ab Mitte April auf jeden Fall stattfinden – im Sommer, falls es Corona zulässt, auch mit Führungen: eine Schreibmaschinenausstellung mit hochkarätigen, historischen Modellen. Das mutet eventuell skurril an. Doch ist die Erfindung und Weiterentwicklung der Schreibmaschine quasi der Grundstein für die KSM.

Peter Mitterhofer aus Südtirol hat zwischen 1864 und 1869 insgesamt sechs Schreibmaschinenmodelle gebaut – überwiegend aus Holz. „Denn er war Zimmermann“, sagt KSM-Lehrer Siegfried Groß. „Mit seinem ersten Modell ist er an den Hof nach Wien gefahren und hat es dem Kaiser vorgestellt.“ Einen kleinen Zuschuss habe Mitterhofer für die Entwicklung wohl erhalten, „aber den Sinn solcher Maschinen hat man damals noch nicht erkannt“, sagt Groß – ähnlich sei es ja mit der Computertechnik gewesen. Intentionen zur Erfindung und Konstruktion von Rechen- und Schreibmaschinen gab es demnach mehrere – etwa, um Blinden und Gehörlosen eine Möglichkeit zu geben, mit Nicht-Behinderten in Kontakt zu treten.

So hatte beispielsweise der Taubstummenlehrer Rasmus Malling-Hansen Mitte des 19. Jahrhundertes eine „Schreibkugel“ entwickelt, „die 65 Mal hergestellt wurde – es war die weltweit erste industriell hergestellte Schreibmaschine, wenn auch in kleiner Auflage“, weiß Groß. Eine Replik davon wird während der Ausstellung ebenso zu sehen sein wie ein Nachbau der Mitterhofer-Schreibmaschine. „Beide wären in Original mehrere Hunderttausend Euro wert“, sagt Groß.

Bevor es Schreibmaschinen gab, arbeiteten in den Kontoren Männer, „die in schönster Handschrift Dokumente erstellt haben. Und wenn man die drei Mal brauchte, so mussten sie auch drei Mal geschrieben werden“, erläutert der Fachlehrer. Das war sehr aufwendig und zeitintensiv. „Und es war auch eine Handschrift-Sache“, fügt Schulleiter Klaus Denfeld hinzu. „Es war ja vor allem im beruflichen Umfeld wichtig, dass sich Bilanzen, aber auch Geschäftsbriefe gut lesen ließen“, so Denfeld. Die Schreibmaschine habe „einen Professionalisierungsschub“ gegeben, „die standardisierte Schreibweise war von jedem sofort lesbar. Und: Mittels Durchschlagpapier waren beispielsweise auch sofort mehrere Kopien möglich.“

Mit dem Siegeszug der Schreibmaschine kamen auch die einst „typischen Frauenberufe“ Sekretärin oder Stenotypistin auf. Und: „Mit fortschreitender Industrialisierung wurden standardisierte Arbeitsprozesse eingeführt – dabei war die Schreibmaschine eine zentrale Größe. Das Maschinenschreiben war eine Qualifikation, die in jedem Arbeitsprozess in gleicher Weise genutzt werden konnte“, erläutert Klaus Denfeld.

Daher war diese Qualifikation auch Bestandteil der Handelsschule oder der Höheren Handelsschule, „es war eine Grundtugend der kaufmännischen Tätigkeit“. Mittlerweile hätten sich aus diesen Grundzügen rund 50 kaufmännische Berufe entwickelt. Weitere zentrale Säulen in der Ausbildung waren beispielsweise auch die Stenographie oder Sprachen, wie Denfeld sagt.

125 Jahre KSM – das bedeutet auch zahlreiche Highlights in der Schulgeschichte, positiver wie negativer Natur. 1945 wurden die Schulen bis Oktober geschlossen, Inventar, Klassenbücher, Karteien und Lehrmittel wurden teilweise zerstört und die Schreibmaschinen entwendet. 1977 fand die erste Abiturprüfung an den KSM statt – denn zuvor war das berufliche Gymnasium mit dem Schwerpunkt Wirtschaft eingeführt worden. 1982 wurde der Erweiterungsbau der Schulen eingeweiht – mit „großen Tieren“. Denn die Elefanten eines Zirkus kamen „zu Besuch“ der Baustelle des parallel begonnen nächsten Bauabschnitts.

1988 spielte beim Abi-Streich das Polizeiorchester auf dem Schulhof, immer wieder sind Minister zu Gast – ob zum 100-jährigen Bestehen Kultusminister Hartmut Holzapfel in 1996, Hessens Umweltminister Wilhelm Dietzel im Jahr 2004 oder der damalige Ministerpräsident Roland Koch, der 2009 die Baustelle des Anbaus mit Selbstlernzentrum und Mediathek besichtigte.

Der höchste politische Besuch fand 1996 statt: Bundespräsident Roman Herzog trug sich anlässlich des Deutschen Trachtenfests in der Aula der KSM ins „Goldene Buch“ der Stadt Marburg ein. 2011 kam Rodler-Legende Georg Hackl als „Stargast“ zum Außenhandelstag, und 2014 erhielt die Schule als erste kaufmännische Schule in Hessen das Zertifikat „Gesundheitsfördernde Schule“ – 2020 wurden die KSM erneut zertifiziert. Doch nicht nur diese Highlights prägen die Kaufmännischen Schulen Marburg. „Es findet auch eine kontinuierliche Neuausrichtung auf die immer neuen Anforderungen aus der Berufswelt statt“, sagt Klaus Denfeld. So könne man auf neue Berufsfelder reagieren und so den Schulstandort auch langfristig sichern – dafür gebühre dem Kollegium viel Dank. Das konnte übrigens bereits feiern – wenn auch nur virtuell: Alle Lehrkräfte bekamen eine kleine Flasche KSM-Sekt und stießen bei einer Videokonferenz auf das Jubiläum an.

Von Andreas Schmidt