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Marburg Endlich wieder singen
Marburg Endlich wieder singen
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19:59 24.06.2020
Die Kantorei der Elisabethkirche probt unter freiem Himmel  – mit reichlich Abstand untereinander. Quelle: Privatfoto
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Marburg

In diesen digitalen Treffen mit regelmäßig mehr als 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben alle Beteiligten eine Menge an Medientechnik dazugelernt und erlebten auch lustige Momente: „Wer hat denn da immer noch sein Mikrofon an?“ Aber auf Dauer waren diese Konferenzen nicht die Lösung. Und zur Aufführung der Marienvesper kommt es in diesem Herbst ja ohnehin erstmal nicht. Vielen Chören geht es ganz ähnlich.

Vergangene Woche trafen sich dann doch die Sängerinnen und Sänger der Kantorei abends unter freiem Himmel. Unter Beachtung der Corona-Auflagen der Landeskirche probten sie an der Nordseite der Elisabethkirche in zwei überschaubaren Gruppen nacheinander. Gut dreiviertel der Kantoreimitglieder wollten endlich wieder richtig singen und scheuten auch die bedrohlichen Regenwolken nicht. Zuvor hatte an gleicher Stelle bereits der Unichor Marburg geprobt.
„Könnt ihr mich so hören?“, rief Nils Kuppe durch das Mikrofon, das samt E-Piano regensicher unter einem Pavillon untergebracht war, und die Daumen gingen hoch. Nach einem knappen Einsingen nahm sich der Chor einige Takte aus „Paulus“ vor, ein Oratorium von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), das für 2021 auf dem Konzertprogramm steht. „Schlagt mal ganz hinten auf! Wir fangen mit dem Schlusschor an“, kam die Ansage durch das Mikro und rief Erinnerungen an die vorigen intensiven Proben-Zeiten wach.

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Sofort kam genau das Probengefühl auf, das alle schon lange vermisst hatten und deswegen hier unbedingt dabei sein wollten, einige sogar in beiden Proben. „Mal Alt und Sopran alleine. Takt 26!“ Da war für die Männerstimmen Zeit, sich umzuschauen. An der Absperrung sammelten sich einige Zaungäste, der Straßenverkehr dröhnte gelegentlich herüber. Die Turmuhr schlug um 21 Uhr plötzlich eine andere Tonart an, aber sie unterbrach die Probe nur kurz. Die Sängerinnen und Sänger wollten einfach nur wieder singen. Sie standen auf markierten Punkten im Abstand von drei Metern nach allen Seiten, um genügen Abstand zu wahren, da beim Singen Aerosole bekanntlich weiter verteilt werden. Die Teilnehmer hörten beim Singen in der Regel nicht viel mehr als sich selbst und ihre direkten Nachbarinnen und Nachbarn. Das Hörerlebnis ist im geschlossenen Raum eben ein ganz anderes. Aber das nahmen alle in Kauf. Der Applaus am Ende dieser Probe galt sicher nicht nur dem engagierten Chorleiter und dem Vorbereitungsteam, sondern auch den Akteuren selber, die beschwingt gegen 21.30 Uhr den schon leicht dämmerigen Platz verließen.

von Hartmut Wild

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