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Marburg Kann eine Quote Mieten senken?
Marburg Kann eine Quote Mieten senken?
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22:28 25.10.2012
Je dünner das Portemonnaie, desto schwieriger die Wohnungssuche. Gerade für Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner wird es mehr und mehr zum Problem, eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Je dünner das Portemonnaie, desto schwieriger die Wohnungssuche. Gerade für Geringverdiener, Alleinerziehende und Rentner wird es mehr und mehr zum Problem, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Quelle: Christine Zeides
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Marburg

Seit Mitte Oktober studiert Annika Herz in Marburg. Nach einer Pause, in der die 27-Jährige zwei Kinder bekommen hat studiert sie wieder Medizin. Trotzdem bleibt Herz vorerst in einem Gießener Stadtteil wohnen. Denn noch hat die alleinerziehende Mutter keine Wohnung in Marburg gefunden, die sie bezahlen kann – jedenfalls nicht in vergleichbarer Größe. „Für mich ist es im Moment günstiger zu pendeln, als umzuziehen“, sagte Herz, die mit ihrem Problem nicht alleine ist.

Das Semester hat längst begonnen, doch noch immer suchen Studienanfänger eine bezahlbare Wohnung. Sie treten  mit Menschen in Konkurrenz, die sich normale Mieten in Marburg nicht leisten können.

Nur ein Drittel bekommt eine Sozialwohnung

Das Pestel-Institut hat in einer Studie zum sozialen Wohnungsbau eine Bestandsaufnahme für den Landkreis gemacht und den Bedarf an Sozialwohnungen ermittelt. Demnach haben hier derzeit rund 15 270 Haushalte Anspruch auf eine Sozialmietwohnung. Zu diesen Haushalten mit niedrigem Einkommen gehören Hartz-IV-Empfänger, Wohngeldbezieher, Erwerbsunfähige und ältere Menschen, die von der staatlichen Grundsicherung leben. „Längst nicht jeder, der einen Anspruch auf eine Sozialwohnung hat, hat auch die Chance, eine zu bekommen.

In ganz Hessen sieht es hier schlecht aus: Landesweit stehen nur für 32 Prozent der betroffenen Haushalte Sozialmietwohnungen zur Verfügung“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut. Für Haushalte mit kleinem Budget bezahlbare Wohnungen zu schaffen, sei eine der drängendsten sozialen Herausforderungen, so Günther.

Mangel in Marburg ist unbestritten

Dass es vor allem zu wenige günstige Wohnungen in der Universitätsstadt gibt, ist auch in der Lokalpolitik unbestritten. Derzeit gibt es in Marburg 2486 Sozialwohnungen, entspricht 14 Prozent aller Wohnungen – Tendenz abnehmend. „Viele Wohnungen verlieren durch das Auslaufen der Fristen automatisch ihre Mietpreisbindung“, sagt Bürgermeister und Baudezernent Dr. Franz Kahle. Die meisten Wohnungsbaugesellschaften erhöhen die Quadratmeterpreise anschließend nicht.

Eine Garantie – auch bei privaten Immobilienbesitzern – gibt es dafür aber nicht. Schließlich tragen auch Sanierungskosten, die durch neue Gesetze wie beispielsweise zur Energieeffizienz hervorgerufen werden, zur Mietpreiserhöhungen bei. Gleiches gilt für Neubauten. „Es ist oftmals eine Frage der Finanzierung, wenn Baukosten nicht subventioniert werden“, sagt Kahle, der Förderungen von Bund und Ländern derzeit vermisst. „Es gibt einen allgemein festgestellten Mangel an Sozialwohnungen aber es fehlen größere Programme.“

Dabei habe sich das Instrument in den vergangenen Jahren bewährt. „Auch die Handhabung mit dem Wohnberechtigungsschein hat sich in der Praxis bewährt und gezeigt, dass kein höherer bürokratischer Aufwand entsteht.“Als ein „mögliches Instrument“ betrachtet Kahle eine Quotenvorgabe in Bebauungsplänen, die einen gewissen Anteil an Sozialwohnungen bei Neubauten vorgibt.

Das würde bedeuten: Bauherren müssten günstigen Wohnraum schaffen. „Wir werden darüber mit Wohnungsbaugesellschaften und Investoren sprechen und überlegen, welche Auswirkungen dies haben könnte“, sagte Kahle. „Wir haben eine angespannte Lage in diesem Bereich“, sagt Dr. Karsten McGovern über den Wohnungsbedarf in Marburg. Für den Landkreis gelte das aber weniger. „Es gibt auch Gegenden, in denen es Leerstände gibt und das Mietniveau wesentlich günstiger ist“, so der Erste Kreisbeigeordnete. Deshalb sehe er keine Notwendigkeit für ein großes Wohnungsbauprogramm im Kreis.

Für Annika Herz und ihre Kinder ist die Suche nach einer Wohnung auf dem Land aber keine Option. „Dann wären wir wieder täglich auf das Auto angewiesen und die logistischen Probleme würden nicht weniger.“ Die 27-Jährige wird deshalb weiter suchen – bis sie eine geeignete Wohnung gefunden hat.

Hintergrund:

  • Der aktuellen Studie des Pestel-Instituts zufolge fehlen in Hessen 271 000 Sozialwohnungen. Insgesamt werden im Bundesland nur 128 000 Sozialwohnungen zur Verfügung gestellt. Das Pestel-Institut beziffert den aktuelle Bedarf jedoch auf 399 000 Wohnungen.
  • Anfang der 1990er Jahre lag die Zahl der Sozialwohnungen noch bei über 200 000. Die Prognosen deuten bis Ende 2015 auf einen weiteren Rückgang um 25 000 hin.
  • Laut der Studie hat nur jeder fünfte finanzschwache Haushalt derzeit überhaupt die Chance, eine Sozialmietwohnung zu bekommen. Der errechnete bundesweite Bedarf liegt bei rund 5,6 Millionen Sozialwohnungen. Derzeit sind allerdings nur 1,6 Millionen auf dem Wohnungsmarkt verfügbar.