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Marburg Acht Kandidaten beantworten Leserfragen
Marburg Acht Kandidaten beantworten Leserfragen
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08:00 11.03.2021
Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl beim OP-Talk.
Kandidaten zur Oberbürgermeisterwahl beim OP-Talk.  Quelle: Thorsten Richter
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Zusammenleben

Inwiefern können Sie eine Einschätzung geben, ob man die lebensnotwendigen Subsistenz-Produkte und Dienstleistungen auch innerhalb der Stadt gewährleisten kann? Und: Ist es grundsätzlich möglich, bald einen Gemeinwohl-Index für sämtliche städtischen Institutionen zu erreichen?

Nadine Bernshausen (Bündnis 90/Die Grünen): Ja, das sollte möglich sein. Die Stadtverordnetenversammlung hat bereits beschlossen, Gemeinwohlbilanzen für die Stadt und ihre Unternehmenstöchter zu erstellen. Bislang ist das lediglich für die Stadtwerke vorgelegt worden. Diese Bilanzen beinhalten Kriterien, nach denen sich städtische Entscheidungen richten sollen, wenn sie dem Gemeinwohl dienen sollen. Der Beschluss müsste umgesetzt und in der Verwaltung verankert werden.

Andrea Suntheim-Pichler (BfM): Das ist eine sehr spannende und mutige Frage, die in Anbetracht der Auswirkungen, die das weltweite Konsumverhalten allein auf die Klimaveränderungen hat, in jedem Fall gerechtfertigt ist. Jedoch wird aus meiner Sicht mit dieser Frage der zweite vor dem ersten Schritt gemacht, da den wenigsten Menschen klar ist, welchen Einfluss sie mit ihrem Konsumverhalten auf Nachhaltigkeit nehmen können. Subsistenz-Produkte anzubieten und zu verkaufen, bedarf auch einer aufklärten und informierten Kundschaft. Das sollte der erste Schritt sein. Einen Gemeinwohl-Index halte ich für sinnvoll, wenn man als städtische Institution auf Nachhaltigkeit setzen möchte. Es muss nicht gleich eine Gemeinwohl-Bilanz sein. Aber für einen verbindlich Index bestehend beispielsweise aus Menschenwürde, Transparenz, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit setze ich mich ein.

Dr. Frank Michler (Weiterdenken Marburg): Der Subsistenzwirtschaft zur Herstellung des eigenen Bedarfs, Tauschbörsen, Reparaturcafés etc. stehe ich positiv gegenüber, insoweit die Haushalte das neben Beruf und Familie machen möchten und können. Daneben hat die heimische Landwirtschaft eine hohe Bedeutung zur ortsnahen Versorgung der Bevölkerung. Voraussetzung für einen Gemeinwohl-Index wäre ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs darüber, welches die Werte und Kriterien für diesen Index wären und wie unterschiedliche Werte gewichtet werden.

Michael Selinka (FDP): Ich habe mich unter anderem auch mit den Ansätzen von Elinor Ostrom ( Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action ) und Joseph Stiglitz (Die innovative Gesellschaft: Sind die Grenzen des Wachstums erreicht) beschäftigt. Der Begriff der Subsistenz ist dabei für mich nicht zwingend konsistent. Auch wenn es ein wenig überholt scheint, ist mir eine Definition sympathisch, die den Begriff der Subsistenz als grundsätzliche menschliche Bedürfnisse umfasst – also Nahrung, eine Gesundheitsversorgung, zwischenmenschliche Beziehungen und so weiter. Dies erweitert den Begriff der „Green Economy“ um die mir wichtige Perspektive des sozialen Miteinanders; damit gibt es für mich Werte an sich, wie Gesundheit, Bildung, selbst bestimmtes Leben und Altern und eben besondere Allmende-Güter, wie zum Beispiel gesunde Nahrung, Wasser oder saubere Luft, die für mich auch einen Wert an sich darstellen. In Anlehnung an die Axiologie müssen sich diese Werte aus einer humanistischen Sicht keiner Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen, sie sollten uns so viel wert sein, dass wir sie uns einfach leisten müssen. Diese Perspektive geht über die Subsistenz einer Nachhaltigkeitsforschung hinaus, deren zentrale Konzepte die Effizienz und Konsistenz sind. Beides ist sicherlich sinnvoll und wir sollten diese Prinzipien unbedingt in unserem Handeln berücksichtigen, sie greifen aber für mich zu kurz. Eine reine Wachstumsorientierung erscheint für mich nicht sinnvoll, da auch grünes Wachstum endlich ist und auch keinen wirklich präzisen Indikator für Zufriedenheit und  Lebensqualität darstellt. Das BIP reicht als Wohlstandsindikator nicht mehr aus und muss zum Beispiel durch den HDI ergänzt oder abgelöst werden. Wenn wir dies zu Grunde legen,  greift sicher für einige die Gleichung: Subsistenz plus Suffizienz gleich Resilienz. Damit würde sich eine Subsistenzwirtschaft oder auch „Prosumentenwirtschaft“ entwickeln. Ich denke, dass wir noch ein Stück von einer Postwachstumsökonomie entfernt sind, den Gedanken aber, mehr Gemeinschaft zu etablieren und zu pflegen, halte ich für sehr sinnvoll. Gerade Marburg zeigt immer wieder, dass wir solidarisch sind und freiwillig in der Altenhilfe und im Impfzentrum mitarbeiten oder unsere heimische Wirtschaft unterstützen wollen. Daher denke ich, dass sich Teile dieser Konzepte und Überlegungen schon etablieren: Die Wochenmärkte werden stark genutzt, genau wie Onkel Emma, wir haben eine GeWoBau, die Marburger Altenhilfe arbeitet großartig, es gibt (Gemeinschafts-)Gärten und solidarische Landwirtschaft, Regionalläden finden sich auch in den Supermärkten, in Repair-Cafés können gemeinsam mit anderen Menschen kaputte Gegenstände repariert werden, es gibt Kleidertauschbörsen, Carsharing etc. Marburg hat hier schon viele tolle Angebote und eine aktive  Stadtgesellschaft, die Schule könnten wir noch besser entwickeln, aber wir sind schon gut aufgestellt. Die Sportvereine sind ein großer Faktor des sozialen Miteinanders, daher möchte ich dies hier auch besonders nennen. Ein Gemeinwohl-Index, vielleicht ähnlich wie im Hansa-Forum in Münster, fände ich eine schöne Aufbereitung des Themas. Alle Produkte lassen sich sicher noch nicht auf dieser Basis sicherstellen und es sollte auch mehr ein​ Angebot als einen Zwang darstellen. Wir sollten daraus auch keinen moralischen Gehalt generieren, aber wir können durchaus den Nutzen und die gute Laune erfassen und genießen.

Dirk Bamberger (CDU): Die Nahrungsmittelproduktion in der Subsistenzwirtschaft dient ja in erster Linie der Versorgung der einzelnen Haushalte und zielt nicht auf das Erwirtschaften von Profiten ab. Wenn es also privates oder ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich gibt, dann unterstütze ich diese Herangehensweise gerne, um die Versorgung regionaler zu gestalten und langen Lieferketten entgegen zu wirken. Vor allem im Bereich Landwirtschaft gibt es in Marburg ja bereits solche Initiativen. Was die Dienstleistungen angeht, so sehe ich hier durchaus Potenzial, allerdings ist es nicht realisierbar, sämtliche Dienstleistungen nur mit Manpower aus der Stadt zu gewährleisten. In die Erstellung des Gemeinwohl-Indizes sollten die Erfahrungen der Stadtwerke mit einfließen, die ja bereits so einen Index erstellt hat. Ob sich dieser auf weitere Töchter der Stadt übertragen lässt, muss geprüft werden.

Mariele Diehl (Klimaliste): In unserem Wahlprogramm haben wir als Ziel formuliert, eine kommunale Kreislaufwirtschaft, für alle Güter und Dienstleistungen bei denen dies möglich ist, zu entwickeln. Im Bereich von städtischen Dienstleistungen geht es da zum Beispiel um die Themen Energieversorgung, Mobilität und Wohnen. Hier können wir unseren Einfluss geltend machen, damit die Bemühungen intensiviert werden das Angebot deutlich auszubauen. Was die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs angeht, wollen wir uns vor allem darum bemühen, regionale landwirtschaftliche Produkte zu fördern, welche ökologisch und fair produziert und lokal vermarktet werden. Hier kann die Stadt dafür sorgen, dass diese abgenommen und zur Versorgung städtischer/ kommunaler Einrichtungen (Kindergärten, Verwaltungen, kommunale Betriebe usw.) verwendet werden.  Darüber hinaus fordern wir, dass alle städtischen Verwaltungen und Unternehmungen eine GWÖ-Bilanz erstellen. So soll jegliches städtische Handeln auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit hin überprüfbar ausgerichtet werden.

Dr. Thomas Spies (SPD): Ich unterstütze eine klare Orientierung auf regionale Produkte und kurze Lieferbeziehungen. Das war und ist auch Bestandteil der Corona-Maßnahmenpakete, die auf eine Umorientierung in Richtung regionale Versorgung und lokale Angebote setzen. Für die Zukunft plane ich, z. B. entsprechende Anbieter wie Ladengründungen besonders zu unterstützen und die Oberhessenschau zu einer regionalen Nachhaltigkeitsmesse weiter zu entwickeln. Allerdings halte ich es für sehr schwierig, die Lebensmittel für alle Menschen in Marburg auf dem Gebiet der Stadt Marburg zu erzeugen. Regionale Subsistenzwirtschaft kann nur gemeinsam mit dem Landkreis weiterentwickelt werden, dass unterstütze ich gemeinsam mit der Landrätin. Auf meinen Wunsch und auf einen entsprechenden Beschluss der Stadtverordnetenversammlung hin haben die Stadtwerke erstmals eine Gemeinwohlbilanz vorgelegt. Die Sparkasse überprüft ihr Handeln nach dem inhaltlich vergleichbaren Nachhaltigkeits-Codex der Sparkassen. Im Rahmen von in Entwicklung befindlichen Förderrichtlinien soll auch die Nachhaltigkeits- und Gemeinwohlorientierung geförderter Einrichtungen ein Kriterium werden. Für die Stadt Marburg selbst strebe ich an, Kriterien der Gemeinwohlbilanzierung und des UN-Nachhaltigkeitsindex als Kennzahlen in den städtischen Haushalt aufzunehmen. Dazu ist die Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung erforderlich. Die Haupt- und Finanzausschuss befasst sich damit, hat den Prozess aber noch nicht abgeschlossen. 

Renate Bastian (Die Linke): Die Marburger Linke spricht sich dafür aus, die regionale Wirtschaft besonders durch kooperative und genossenschaftliche Modelle sowohl in der Landwirtschaft als auch im Dienstleistungsbereich zu stärken. So trägt die alternative Produktion mit kurzen Transportwegen zu einer ökologischen Politik bei. Produkte und Leistungen, die der (Grund-)versorgung der Bevölkerung dienen, sollen nach Möglichkeit in der Region hergestellt werden. Für eine Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe hat sich auch der Deutsche Städtetag als eine der Lehren aus der Corona-Krise ausgesprochen. Auf Initiative der Marburger Linken wurde ein Gemeinwohlbilanz für die Stadtwerke Marburg erstellt. Dies ist ein Schritt in die richtige Richtung und man sollte daran gehen, dies auch für die anderen Tochtergesellschaften der Stadt zu tun. Zentral ist, dass in allen Bereichen für die Beschäftigten Tariflöhne bezahlt werden.

Werden Sie sich im Falle Ihrer Wahl dafür einsetzen, dass bei der Auftrags-und Mittelvergabe der Stadt Gemeinwohl-Kriterien zugrunde gelegt und verbindlich eingeführt werden und deren Einhaltung überprüft wird?

Nadine Bernshausen (Bündnis 90/Die Grünen): Bereits in der letzten Wahlperiode hat die Stadtverordnetenversammlung auf Antrag der Grünen den Magistrat für die Vergabe öffentlicher Aufträge an die Richtlinien des Hessischen Tariftreue- und Vergabegesetzes gebunden. Die Umsetzung lässt jedoch viel zu wünschen übrig. Diese Beschluss bietet eine gute Grundlage, weitere Gemeinwohlkriterien für das städtische Agieren zu ergänzen.

Andrea Suntheim-Pichler (BfM): Ich bin mir sicher, dass bereits heute schon Gemeinwohl-Kriterien bei der Auftragsvergabe angewandt werden müssen, da diese in den meisten Ausschreibungen vorgeschrieben sind. Sicherlich sind die noch ausbaufähig. Als Oberbürgermeisterin setze ich mich für die Kriterien Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Transparenz in den Bereichen, Zulieferkette, Arbeitsplatz, Kundenbeziehung und im Gemeinwesen ein.

Dr. Frank Michler (Weiterdenken Marburg): Wichtige Gemeinwohlkriterien ergeben sich für uns u.a. aus folgenden Werten: Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung („Partizipation“), Meinungs- und Pressefreiheit. Insbesondere die Menschenwürde muss durch die umgehende Beendigung des schädlichen Lockdowns wieder hergestellt werden. Projekte, die einer Ausweitung der Überwachungs-Ökonomie dienen, sollten in keiner Weise öffentlich gefördert werden. Ebensowenig sollten Mittel an Einrichtungen vergeben werden, die Menschen aufgrund ihrer Entscheidung gegen die neuen genbasierten Impfstoffe diskriminieren.

Michael Selinka (FDP): Nun einen kleinen Einblick in die Werte, die für mich einen „Wert an sich“ darstellen, habe ich schon in meiner vorangegangenen Antwort gegeben. Die Gemeinwohl-Matrix erfasst darüber hinaus 20 Werte, die bei einer Bewertung berücksichtigt werden sollten. Ich möchte diese mitdenken, da sie für mich eine gute Entscheidungsbasis geben können. Ich denke aber, dass eben auch wirtschaftliche Stärke und Erfolg eine wichtige zukünftige Größe darstellen und wir versuchen müssen, diesen Erfolg zu erhalten. Das magische Sechseck und die Überlegungen einer öko-sozialen Marktwirtschaft halte ich für gute Konzepte, unseren Wohlstand, unsere Handlungsfähigkeit und unseren Einfluss nachhaltig zu sichern.

Dirk Bamberger (CDU): Die Rechtsgrundlagen der Vergabeverfahren geben es nicht her, das Unternehmen ausgeschlossen werden, die nicht gemeinwohlorientiert agieren. 

Mariele Diehl (Klimaliste): Gemeinwohl-Kriterien sollen perspektivisch zur Grundlage der Auftrags- und Mittelvergabe, aber auch der Besteuerung von Unternehmen (Gewerbesteuer usw.) werden. Wir möchten nur noch jene Unternehmungen (Handel, Produktion und Handwerk) fördern, welche sich nachvollziehbar (GWÖ-Bilanzierung) an weitreichende ökologische und soziale Vorgaben halten. Diese umfassen u.a. die Aspekte: ökologische Nachhaltigkeit (z.B. Flächenversiegelung, Umweltverschmutzung, Rohstoffbeschaffung), Co2-Neutralität (von der Produktion bis hin zur Auslieferung) und faire/ soziale Arbeitsbedingungen (Einhaltung von Regelungen zur Arbeitszeit, Arbeitssicherheit und Bezahlung). Wir unterstützen daher auch die Forderung nach einem entsprechenden Lieferkettengesetz, gerne auch auf städtischer Ebene im Kontext der lokalen Kreislaufwirtschaft.

Dr. Thomas Spies (SPD): Ja. Bereits heute wendet die Stadt eine Vielzahl von Gemeinwohlkriterien bei der Vergabe an, wie zum Beispiel Tariftreue, Verbot von Kinderarbeit etc. Dabei sind wir allerdings an die Grenzen des hessischen Vergabe- und Tariftreuegesetzes gebunden. Mein Ziel ist, dass wir bei Vergaben perspektivisch Kriterien der Gemeinwohlbilanz (oder die Vorlage einer solchen), relevante Klimaaspekte sowie soziale Kriterien wie die Beschäftigung von ehemaligen Langzeitarbeitslosen einfließen lassen. Dazu wären Änderungen der Vergabegesetze nötig. 

Renate Bastian (Die Linke): Die öffentliche Wirtschaftstätigkeit der Stadt darf nicht allein betriebswirtschaftlichen Kennziffern folgen, sondern muss ein Beitrag für einen sozial-ökologischen Umbau unserer Wirtschaft sowie zugleich am Wohl der dort arbeitenden Menschen ausgerichtet sein. Eine Voraussetzung für das Gelingen der sozial-ökologischen Wende ist die Stärkung öffentlichen und genossenschaftlichen Eigentums. Die Marburger Linke setzt sich dafür ein, dass öffentliche Aufträge nur an Firmen vergeben werden, die die sozialen und tariflichen Standards einhalten.

Wie stehen Sie zu der Umsetzung von Cannabis-Modellprojekten in Marburg?

Nadine Bernshausen (Bündnis 90/Die Grünen): Wenn der Stadt ein solches Projekt vorgeschlagen wird, sollten wir überlegen, mit welchen Akteuren man an einem solchen Modellvorhaben arbeiten kann. Da das Betäubungsmittelgesetz ein Bundesgesetz ist, wäre die Stadt Marburg hier auf eine Kooperation mit dem Land Hessen und dem Bund angewiesen. Spannend wäre natürlich auch zu erfahren, was genau Gegenstand des Modellprojektes sein sollte.

Andrea Suntheim-Pichler (BfM): Grundsätzlich stehe ich der Idee von Cannabis-Modellprojekten positiv gegenüber. Eine kontrollierte Abgabe von Cannabis durch wissenschaftliche Untersuchungen zu flankieren, halte ich für den richtigen Schritt für einen verbesserte Jugend- und Verbraucherschutz sowie einer Freigabe als Arzneimittel. Ob Marburg die richtige Stadt dafür ist, kann ich nicht beurteilen.

Dr. Frank Michler (Weiterdenken Marburg): Cannabis kann eine hohe Heilwirkung gegen Infektionen und Schmerzen ohne Suchtwirkung haben, daher werden Modellprojekte begrüßt.

Michael Selinka (FDP): Die Freien Demokraten stehen für eine Liberalisierung und damit für eine Entkriminalisierung von Cannabis. Ich bin selbst immer wieder von den Niederlanden fasziniert, daher stehe ich diesen Modellprojekten sehr offen gegenüber. Aber es braucht eine gute Argumentation und stichhaltige und evidente Konzepte, da mir die Wirkung von  Cannabis auf das ZNS während der Hirnreifung sehr bewusst ist und ich die Problematik der spontanen Psychosen für nicht lapidar halte.

Dirk Bamberger (CDU): Das ist für mich nicht vorstellbar.

Mariele Diehl (Klimaliste): Die Klimaliste hat hierzu noch keine gemeinsame Stellungnahme formuliert, aber ich persönlich könnte mir ein Cannabis-Modellprojekt in Marburg gut vorstellen. Dass man mit einem Antrag dieser Art beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Erfolg haben könnte bezweifele ich jedoch leider, da ähnlich Anträge, z.B. von Münster bereits abgelehnt worden sind. Aber ein Versuch ist es wert!

Dr. Thomas Spies (SPD): Die bisherigen Erfahrungen aus den USA und zahlreichen anderen Ländern, aber auch bei uns mit Cannabisabgabe aus medizinischen Gründen, sprechen  insgesamt dafür, dass mit einer kontrollierten, legalen Abgabe von Cannabis der Schutz der Konsument*innen deutlich verbessert werden kann. Auch bei uns konsumiert bereits heute eine große Zahl gerade junger Menschen Cannabis. Dabei kommen sie aber in Kontakt mit illegalem Drogenhandel. Häufig werden verunreinigte Substanzen abgegeben. Es besteht das Risiko, dass der Drogenhändler für sehr viel gefährlichere Substanzen wirbt. Daher halte ich Modellprojekte für eine kontrollierte, wissenschaftlich eng begleitete Abgabe für sinnvoll. Angesichts der Marburger Altersstruktur wäre Marburg sicher ein Ort für solche Projekte, wo man für diese Frage gute Erkenntnisse gewinnen könnte.

Renate Bastian (Die Linke): Legale Drogen wie Alkohol oder Tabak fordern jährlich Tausende von Toten. Der Staat hat sie mit entsprechenden Steuern belegt; sie machen eine nicht unerhebliche Einnahmequelle aus. Die Initiativen in mehreren Städten und Bundesländern sehen vor, dass „ ein wissenschaftliches Forschungsprojekt zu einer kontrollierten Abgabe von Cannabis unter medizinischen, gesundheitlichen und sozialen Aspekten sowie unter Einhaltung des Jugendschutzes ermöglicht wird“. Ein solches Forschungsprojekt kann vor dem Hintergrund der negativen Konsequenzen von Kriminalisierung des Konsums von Cannabis sinnvoll sein.

Wie stehen Sie zur freiwilligen Aufnahme von beispielsweise 200 Flüchtlingen aus den Lagern in Griechenland?

Nadine Bernshausen (Bündnis 90/Die Grünen): Als Grüne stehe ich zu dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung, an dem auch die grüne Fraktion beteiligt war. Im Gegensatz zu meinem Vorgänger werde ich auch Haushaltsmittel dafür zu Verfügung stellen. Die Aufnahmebereitschaft darf nicht nur ein leeres Versprechen sein.

Andrea Suntheim-Pichler (BfM): Wir werden die Unzulänglichkeiten des europäischen Flüchtlingssystems nicht positiv verändern, wenn wir 200 Flüchtlinge aus den Lagern in Griechenland aufnehmen. Auch wenn ich persönlich das Elend dort sehr bedauere. Wir müssen vielmehr alles dafür tun, die Ursachen für Flucht weltweit in den Griff zu bekommen. Das kann aber nicht die Aufgabe von Marburg sei.

Dr. Frank Michler (Weiterdenken Marburg): Flüchtlingen hilft man am besten vor Ort in ihren Herkunftsländern, dort sind die Gelder ein Mehrfaches wert und man hilft v. a. auch den Kranken und Schwachen, die nicht flüchten können. Friedenspolitik und Entwicklungshilfe sind wichtige Voraussetzungen für die Beendigung von Fluchtursachen. Mit einer durch die Universitätsstadt Marburg organisierten internationalen Konferenz zur Ächtung des Drohnenkrieges werden wir einen Beitrag zur Schließung der Airbase Ramstein leisten.

Michael Selinka (FDP): Ich denke, dass wir die Push- und Pullfaktoren sehr genau beobachten müssen. Wir werden das grundsätzliche Problem so schlicht nicht lösen und wir werden unbedingt unsere Entwicklungspolitik und Wirtschaftspolitik sehr genau prüfen und ändern müssen. Ich verstehe den humanitären Ansatz und die moralischen Beweggründe, die Bilder beschweren auch mich zunehmend. Wir werden aber mindestens einen gemeinsamen europäischen Ansatz benötigen und wir können geltendes Recht nicht einfach beugen. Wir können den Rechtsstaat nicht weiter erodieren, wir müssen ihn wieder stärken. Daher kann ich auf der geforderten Basis diesem Konzept ehrlicherweise nicht zustimmen.

Dirk Bamberger (CDU): Die Entscheidung über die Verteilung der Flüchtlinge liegt beim Land. Die Marburger Stadtpolitik hat bereits mehrfach signalisiert, dass mehr Flüchtlinge aufgenommen werden können. Allerdings müssen hier die Rahmenbedingungen durch das Land und den Landkreis klar geregelt werden. 

Mariele Diehl (Klimaliste):  Mit einem Anteil von sechs Prozent der menschengemachten CO2 Emissionen seit dem vorindustriellen Zeitalter sehe ich Deutschland in großer Mitverantwortung, wenn Menschen z.B. aufgrund von Dürren flüchten müssen. Die vermehrte Aufnahme von Flüchtlingen und ein Ausrufen von Marburg als "sicheren Hafen" sollte jedoch nur der Anfang sein. Als Stadt klimaneutral zu werden, sowie sich für globale Abrüstung einzusetzen wären weitere wichtige Schritte.

Dr. Thomas Spies (SPD): Die Antwort ist ein klares Ja! Die Lager in Griechenland sind eine humanitäre Katastrophe, der sich das Europa des Humanismus schäme sollte. Für mich gilt: Marburg hat genug Platz! Marburg hat mehrfach seine Bereitschaft dazu erklärt. Marburg hat eine wunderbare Ehrenamtsstruktur und hochkompetente Fachleute, damit Integration gelingt. Marburg hat gezeigt, dass wir das gut können. Deshalb befürworte ich die Aufnahme von 200 Flüchtlingen aus den Lagern in Griechenland uneingeschränkt.

Renate Bastian (Die Linke): Seit mehr als vier Jahren gibt es die Initiative „200 nach Marburg“. Meine Fraktion und ich selbst haben im Stadtparlament und auf Kundgebungen dafür gestritten, dass die erklärte Bereitschaft auch umgesetzt werden kann. Marburg soll eine Stadt der Zuflucht sein für Menschen, die vor Krieg, Not und Gewalt aus ihren Heimatländern fliegen müssen.

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