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Marburg Kanadische Kämpferin für die Kulturen
Marburg Kanadische Kämpferin für die Kulturen
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15:58 18.06.2021
Sylvie Cloutier (53) ist seit Frühsommer 2021 neue Vorsitzende des Ausländerbeirats in Marburg.
Sylvie Cloutier (53) ist seit Frühsommer 2021 neue Vorsitzende des Ausländerbeirats in Marburg. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Die Felder braun, ein paar grüne Fetzen hier und da, jedenfalls nirgendwo Weiß – ja, wo ist denn nur der ganze Schnee? Als Sylvie Cloutier Anfang der 1990er-Jahre zum ersten Mal nach Marburg, überhaupt nach Deutschland kam, ist der Winter für sie ein Witz. Vor 53 Jahren in Kanada, im französisch-sprachigen Teil Quebec geboren und aufgewachsen, erwartete sie beim Blick aus dem Zug rund um Frankfurt zumindest ein bisschen Weiß. Daraus wurde nichts.

Auch nicht aus der Erwartung, nur ein Jahr im Land zu bleiben – es ist der Großteil ihres Lebens geworden. „Ich kam der Liebe wegen her und habe mich nicht nur in einen Mann, sondern in diese Stadt und ihre Menschen verliebt“, sagt Cloutier. Und weil das so ist, setzt sie sich für Marburg, für die Bewohner ein – und ist nun neue Vorsitzende des Marburger Ausländerbeirats. Die Erzieherin folgt auf die langjährig das Amt ausfüllende Goarik Gareyan. Wieso macht sie den Schritt in die erste Reihe?

Kinder als Verbindung

„Es ist für Integration ein Problem, wenn viele etwa in Familien zusammenbleiben und nicht raus, aktiv in die Gesellschaft und das Leben gehen. Wenn es mit der Sprache nicht vorwärts geht, wenn man nicht raus geht, geht es mit dem Ankommen nicht voran und so dreht sich das im Kreis“, sagt sie. Die Corona-Pandemie habe das speziell für jene erschwert, die anfangen und „Kontakt zur Außenwelt“ wollten, die „auf einem guten Weg zur Integration“ waren.

Es gebe Dinge, die für Menschen mit Migrationshintergrund „akut brennen und die uns als Gesellschaft einzuholen drohen“. Genau darauf, speziell auf einen größtmöglichen Sprachförderungs-Fokus wolle sie drängen, als Gremiumsvorsitzende alle Stadtbewohner für den Stellenwert sensibilisieren, den Kinder, kindliche Entwicklung auf den Lebensweg speziell von Eingewanderten haben.

Die Ockershäuserin weiß, wovon sie redet. Nach ihrem Studium unter anderem der Politikwissenschaft arbeitete sie als Projektmanagerin, bewarb etwa französischen Käse in Deutschland. „Das war cool, aber ich habe letztlich lange für ein Objekt gearbeitet, aber mir gefällt es mit Subjekten viel besser: Die Arbeit mit Menschen, vor allem mit Kindern ist inspirierend.“ Im Kindergarten werde „das Wurzelwerk gelegt“, dort sei „sofort sichtbar, dass es mehr Verbindendes als Unterschiede gibt“. Auch alle Eltern wollten nur eines: Dass es ihren Kindern gut, es ihnen besser gehe.

Eine Erfahrung, an die sich Cloutier schon vor ihrer Zeit als Erzieherin herantastete. In Tunesien studierte sie Arabisch, lernte dort ihren Mann kennen – mit ihm ging es nach Ägypten, in den Libanon, nach England, sie lebte und lernte in Erfurt und Köln. „Es sind überall immer die Menschen, wie sie einen aufnehmen und die einen ankommen, sich wohlfühlen lassen.“

In Marburg habe sie genau deshalb „ihren Platz“ gefunden. „Ich bin hier zu Hause und bin in Kanada ein Fremder. Mein ganzes Leben spielt sich hier ab, meine Heimat wurde die Stadt wegen meiner Freunde.“ Sie habe das Glück gehabt, über ihren deutschen Mann und dessen Familie „früh und viel mit Deutschen zu tun“, so nicht zuletzt über regelmäßiges Deutschsprechen „besser angekommen“ und ein Netzwerk aufgebaut zu haben.

„Vorbilder sichtbar machen“

„Man sieht mir meinen Migrationshintergrund nicht an – und dann mache ich den Mund auf und jeder merkt es“, sagt sie und lacht. Cloutier ist ein Sprachtalent, neben Deutsch, Französisch und Englisch beherrscht sie Arabisch samt verschiedener Dialekte. „Aber: Hessisch kann ich nicht.“

Die Frau, die schon seit mehreren Jahren im Ausländerbeirat aktiv ist und nun eben an dessen Spitze steht, will für mehr Repräsentation von Migranten in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens kämpfen. Sei es im Erzieherberuf, in der Stadtverwaltung, vor allem im Vereins-, etwa im Trainerwesen. „Wir müssen Vorbilder erschaffen, die gibt es auch schon. Es gilt aber, sie einzubinden, sichtbar zu machen – so kriegen wir einen Misch-Mit-Effekt hin.“ Marburg sei dafür ideal, die Stadt sei „wie eine kleine, geschützte Hülle. Hier kann für Migranten gelingen, was anderswo so viel schwerer möglich ist.“

Während die deutsche Sprache „der Schlüssel“ und die Teilnahme am öffentlichen Leben „elementar wichtig“ für gelingende Integration sei, gebe es vor allem rund um Ausbildung und Beruf, somit bei Lebens- und Langfrist-Perspektiven noch „strukturelle Defizite und einige Vorbehalte“. „Es tut weh zu sehen, wenn Menschen die etwas könnten, nicht dürfen, nur weil sie fremde Namen tragen oder anders aussehen.“

Für Cloutier ist eines klar: Weiß ist der Schnee – aber Marburg ist bunt.

Je mehr Ausländer, desto weniger Rassismus

Menschen, Marburg, Migration: Die Flüchtlingswelle aus den Jahren 2015 und 2016 haben die Zahl der Ausländer, die in der Universitätsstadt leben, deutlich, um rund ein Drittel, steigen lassen. Alleine die Zahl der in Marburg registrierten syrischen Staatsbürger  hat sich seitdem fast verachtfacht. Wie eine 2020 veröffentlichte Studie der Philipps-Universität zeigt, gibt es fremdenfeindliche Straftaten umso seltener, je mehr Ausländer in einer Region leben. Und was ist mit Straftaten, speziellen schweren Mord, Körperverletzung oder sexuelle Übergriffen von Migranten? Laut Kriminalstatistiken der Jahre nach 2015 gibt es in Marburg keinen dem Bevölkerungs-Wachstum – speziell von Syrern – entsprechenden Anstieg.

Von Björn Wisker

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