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Marburg Kampf gegen die tiefen Schnitte in Körper und Geist
Marburg Kampf gegen die tiefen Schnitte in Körper und Geist
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09:58 22.10.2020
Die Marburgerin Antonia Waskowiak (rechts) mit einer Anti-FGM-Mitstreiterin in Kenia. Quelle: Privat
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Marburg

Immer mehr Mädchen und Frauen sind von Genitalverstümmelung betroffen – offenbar auch in Marburg. Ihre Zahl sei bundesweit von rund 50 000 im Jahr 2017 auf aktuell etwa 68 000 gestiegen, heißt es vom Bundesfamilienministerium. Weitere rund 2 800 bis 14 900 Mädchen seien zudem davon bedroht, an ihren Genitalien verstümmelt zu werden. Ein Grund für die steigende Zahl sei laut Bundesregierung die Einwanderung von Menschen speziell aus Ländern, in denen die Genitalverstümmelung weit verbreitet sei – etwa Eritrea und Somalia; zwei der Länder, aus denen in den vergangenen Jahren auch einige in die Universitätsstadt kamen.

Laut Pro Familia ist Genitalverstümmelung in der Universitätsstadt im Bereich der Sozialen Arbeit „ein relevantes Thema“. Am kommenden Montag gibt es deshalb eine Fortbildung speziell für heimische Erzieherinnen, Pädagogen, Kita-Mitarbeiter. Ziel ist nach Veranstalterangaben die Vermittlung von Informationen über Präventionsmethoden, Ansätze zur Überwindung der Praktik, zu rechtlichen Aspekten sowie zu den Rahmenbedingungen für das Engagement gegen die Praxis in Deutschland. Denn: Die körperlichen und psychischen Schäden für die Betroffenen sind enorm.

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Eine, die sich wie kaum eine andere Deutsche mit FGM – so die Abkürzung für die international als „female genital mutilation“ bekante Praxis – auskennt, ist die Marburgerin Antonia Waskowiak. „Es ist ein schrecklicher Anblick, und doch ist es dort das größte Fest neben der Hochzeit“, sagt die Gründerin des in Kenia aktiven, in Marburg ansässigen Vereins „Zinduka“.

Waskowiak war einst an einem der Orte, an dem Rasierklingen das Leben junger Mädchen verändern, wo laut kenianischer Tradition aus Kindern Erwachsene werden. Die 27-Jährige hat das Werk der Beschneiderinnen im Südwesten des Landes gesehen, wo jeden Dezember täglich Dutzenden Neun- bis 18-Jährigen die Klitoris abgeschnitten wird. Sie sah vor fast zehn Jahren die Blutlachen auf dem Feld, die sich über Kilometer ziehenden roten Tropfen, die aus offenen Wunden auf die Wege laufen.

Die Beschneidung ist – etwa in Kenia, wo etwa acht Millionen Menschen davon betroffen sein sollen – ein Initiationsritus, vor allem in Stammesstrukturen ein Festakt. Danach gelten die Mädchen als heiratsfähig. 38 der 43 ethnischen Gruppen Kenias praktizieren diese Tradition, beim Stamm der Kuria, bei denen Waskowiak lebte, sind fast alle Frauen (93 Prozent) beschnitten. Verbreitet ist die Praxis vor allem unter armen, ­ungebildeten Bevölkerungsgruppen in ländlichen ­Regionen, vor allem unter Muslimen, aber auch unter Christen.

Von Marburg nach Nairobi, um gegen FGM zu kämpfen

Die damals als Rettungsassistentin arbeitende, mittlerweile in Kenia lebende Waskowiak besuchte das Land erstmals 2011, ein Jahr vor den Beschneidungsszenen auf dem Acker. Sie half damals beim Aufbau einer Schule für 300 Kinder, deren Leiterin sie später wurde (OP berichtete). Die Hoffnung: Je aufgeklärter die Mädchen sind, desto eigenständiger können sie sich gegen die Tradition wehren. Und je gebildeter sie werden, desto mehr Chancen haben sie, selbst für Arbeit und ihr Einkommen zu sorgen – eine Heiratsfähigkeit wird weniger wichtig.

Corona-Pandemie droht Erfolge kaputt zu machen

Doch die Corona-Pandemie droht erste Erfolge – etwa von „Zinduka“ gestartete Aufklärungskampagnen, pädagogisch begleitete Jugendtreffs oder Telefon-Coachings – kaputt zu machen. Für viele Familien sei es wegen der steigenden Lebensmittelpreise zu teuer, die Kinder zu ernähren – also würden junge Mädchen vermehrt zwangsverheiratet, berichtet Waskowiak. Und dazu müssten die Frauen eben meist „rein“, also verstümmelt sein. Und weil wegen der Covid-19-Politik alle Einrichtungen, auch die Schule oder Zinduka-Rettungscamps, geschlossen sind, hat Waskowiak „Angst, dass die veraltete Praktik in unvorstellbaren Ausmaßen stattfinden wird“.

Das Thema „weibliche Genitalverstümmelung“ müsse in Deutschland für Gesundheitspersonal und Sozialarbeiter jedenfalls in die Ausbildung integriert werden, fordert die Zinduka-Gründerin. Der Marburger Pro-Familia-Kurs ist ein Schritt in diese Richtung.

Infos zum Verein: https://www.zinduka-ev.com/

Von Björn Wisker

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