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Marburg Kampf gegen die „kalte Hand von Asklepios“
Marburg Kampf gegen die „kalte Hand von Asklepios“
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07:58 14.03.2021
Symbolische Amtsübergabe mit dem Betriebsverfassungsgesetz: Michael Kroll (rechts) ist der neue Betriebsratsvorsitzende am UKGM, hat das Amt von Wolfgang Demper übernommen.
Symbolische Amtsübergabe mit dem Betriebsverfassungsgesetz: Michael Kroll (rechts) ist der neue Betriebsratsvorsitzende am UKGM, hat das Amt von Wolfgang Demper übernommen. Quelle: Andreas Schmidt
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Marburg

Knapp zwei Wochen ist Michael Kroll nun als neuer Vorsitzender des UKGM-Betriebsrats Marburg im Amt. Das Büro, das er – wie das Amt – von Vorgänger Wolfgang Demper übernahm, hat er zum Interviewtermin gerade erst bezogen, „ich muss noch ein wenig räumen“, sagt er, während er eine Pflanze vom Schreibtisch auf die Fensterbank stellt.

Dass Kroll irgendwann in diesem Büro landen würde, das war für ihn nicht absehbar und auch nicht geplant. „Und manchmal, wenn alles zu viel wird, dann wünsche ich mich auch kurzzeitig an meinen Herd zurück", sagt er. Denn in der Küche des Uni-Klinikums, da hatte Kroll sich 1990 beworben und bekam die Stelle. Damals galt noch: Ein Job am Uni-Klinikum, lange vor der Privatisierung, war eine sichere Bank.

Probleme und viele persönliche Schicksale

Abschalten ist für ihn nicht so leicht. „Ich erfahre von so vielen persönlichen Schicksalen, bei denen sich mir die Nackenhaare hochstellen“, sagt der neue Betriebsratsvorsitzende, „diese Probleme lässt man nach Feierabend nicht im Büro.“ Doch spiele die Gerechtigkeit eine große Rolle in seinem Leben. Und deswegen kämpft er. Denn die Zeiten der „sicheren Bank“, die „sind lange vorbei“.

Er ist nun in seiner dritten Amtszeit als Betriebsratsmitglied, engagiert sich seit zwölf Jahren. „Dazu bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind“, sagt Kroll. Denn nach der Privatisierung „bekam ich meine Abrechnungen plötzlich aus Bad Neustadt und hatte jeden Monat 204 Euro an Abzügen zusätzlich“, erinnert er sich. Der Grund: Es gab eine „Ausgleichszulage“, die jedes Jahr um 20 Prozent abgeschmolzen wurde, „bis das Geld irgendwann aufgebraucht war. Also habe ich mir überlegt, etwas zu tun, bevor hier alles ganz den Bach runter geht“.

Kroll ist Fachbereichsvorstand Mittelhessen

Kroll trat in die Gewerkschaft ein, wurde in den Betriebsrat gewählt, engagiert sich seither auch bei Verdi. Er ist Fachbereichsvorstand Mittelhessen, „zuständig für mehr als 6.000 Mitglieder, ich bin im Finanzausschuss des Landesfachbereichs und im Tarifausschuss, vertrete das UKGM im Bundestarifausschuss“, zählt er auf, was er sich über die Jahre erarbeitet hat. „Der Austausch mit den Kollegen ist bares Geld wert.“

Und nun ist er – nach vielen Gesprächen innerhalb des Gremiums – Betriebsratsvorsitzender. „Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht“, sagt er. Doch er wehrt sich gegen die Außenwahrnehmung, dass das Gremium absolut zerstritten sei – so, wie es auch neulich die offenen Briefe der Alt-Gewerkschafter Ferdinand Hareter und Pit Metz nahegelegt hätten (die OP berichtete).

Gemeinsam mit dem Betriebsrat nach Lösungen suchen

„Wir sind 29 Charakterköpfe, jeder hat seine Ideen. Natürlich gibt es dort unterschiedliche Meinungen. Aber: Das, was für die Mitarbeiter von Wichtigkeit ist, wurde in den vergangenen zwei Jahren fast immer mit großer Mehrheit beschlossen“, sagt Kroll. „Klar knallt’s auch ab und zu mal. Aber es bewegt sich alles auf einem ordentlichen Niveau."

Sein Ziel: Gemeinsam mit dem Betriebsrat nach Lösungen für die Belegschaft zu suchen. „Denn das ist das Hauptaugenmerk.“ Man brauche eine Geschlossenheit, um gegen Asklepios, den neuen Arbeitgeber, zu bestehen. „Die kalte Hand von Asklepios ist schon zu spüren“, hatte Kroll direkt nach seiner Wahl schon gesagt. Aus Angst vor dem, was unter dem neuen Eigentümer geschehen könnte, „haben wir schon zahlreiche auch junge, gut ausgebildete Mitarbeiter verloren, die wegen der Unsicherheit lieber woanders hingehen“, sagt Kroll.

Befürchtung: Zersplitterung des Klinikums

Und bei den Älteren mache sich „ein Stück weit Resignation breit". Eine Befürchtung: Zersplitterung des Klinikums in kleinere Einzelgesellschaften. „Asklepios war schon im Haus unterwegs, hat sich alles angeschaut, um nach ,Synergieeffekten’ zu suchen.“

Und: Der Konzern müsse aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Beschäftigten am UKGM gar nichts machen, „wenn die Stellen der Kollegen, die in den Ruhestand gehen, nicht nachbesetzt werden, dann haben wir ein großes Problem.“ Wie Asklepios vorgehe, sehe man an anderen Häusern. „Und das befürchten wir für hier auch, wenn das Land sein bisschen Einfluss, das er über die Trennungsrechnung noch hat, nicht einsetzt.“

Thema derzeit: Dienstplangestaltung und Überstunden

Dabei sind die vorhandenen Herausforderungen bereits groß genug. Ein großes Thema derzeit: Dienstplangestaltung und Überstunden. „Daran lassen sich sehr gut die Lücken nachweisen, die bereits am Personal entstanden sind“, sagt Michael Kroll. Sein Vorgänger Wolfgang Demper erläutert, dass die Zahl der Überstunden, statt zu sinken, auf rund 170.000 angestiegen sei.

Überstunden am Klinikum: Das sagt das UKGM

Warum hat sich die Zahl der Überstunden erhöht?
Dazu antwortet die UKGM-Geschäftsführung, dass 2020 für das Klinikum „in allen Punkten ein Ausnahmejahr“ gewesen sei – vor dem Hintergrund von medizinischer Versorgung und Mitarbeiterschutz habe die Pandemie „viele, meist kurzfristige und gravierende Änderungen im klinischen Alltag und in unseren internen Prozessen“ gefordert.

Im Jahresdurchschnitt 2020 hätte die Zahl der Überstunden bei 150.000 gelegen, sei aufgrund haustariflicher Regelungen zur Anrechnung der Feiertage im Dezember auf 170.000 gestiegen. Denn: Beschäftigte, die an Feiertagen arbeiten, bekämen diese Arbeitsstunden gutgeschrieben und könnten sie in den Folgemonaten in Freizeit ausgleichen.
Bei der Privatisierung 2006 habe man mehr als 64.000 Überstunden übernommen, „so dass sich über die letzten 14 Jahre ein jährlicher Anstieg von durchschnittlich 6.140 Überstunden ergeben hat (dies entspricht etwa 3,8 Vollzeitstellen pro Jahr)“, so das UKGM.

Letztlich entsprächen die 150.000 Jahresdurchschnitt-Überstunden 47,5 Überstunden pro Vollzeitstelle. „Auch wenn wir somit von einem vergleichsweise geringen Anteil von Überstunden ausgehen können, ist es doch richtig, dass es in den letzten Jahren zu einem leichten Anstieg gekommen ist“, heißt es. Die Vermeidung stehe „schon seit vielen Jahren im Fokus unserer Anstrengungen“. Nach dem tariflichen Anstieg im Dezember sei bereits im Januar „ein großer Teil der im Dezember aufgebauten Stunden schon wieder abgebaut worden“.

Warum werden die Stunden nicht so abgebaut, wie im Tarifvertrag vorgesehen: In Freizeit ausgeglichen oder spätestens nach zwölf Wochen ausbezahlt?

Dazu schreibt das UKGM: „Bei der Reduzierung von Überstunden wird der Wunsch der Mitarbeiter respektiert: Gerade in der Pflege wird eher der Freizeitausgleich beantragt, die Aufforderung zu Anträgen auf Auszahlung stieß auf geringe Resonanz. Sofern jedoch Überstunden beantragt wurden, sind sie stets ausbezahlt worden.“

Welche Anstrengungen unternimmt das UKGM, um Überstunden abzubauen?

Darauf antwortet die Klinikspitze, dass durch „eine Vielzahl von Maßnahmen“ im Januar ein großer Teil der im Dezember des Vorjahres aufgebauten Stunden abgebaut worden sei – konkrete Maßnahmen, wie das Problem langfristig gelöst werden könnte, nannte das UKGM jedoch nicht.
Aus Sicht des Betriebsrats handelt es sich bei dem Thema ja um ein strukturelles Problem. So würden auch zahlreiche Dienstpläne abgelehnt, weil dort Überstunden quasi eingeplant seien.

Ist die Einstellung zusätzlichen Personals geplant?

Auch dazu äußerte sich das Klinikum ausweichend: „Die Gründe für diese Ablehnung von Dienstplänen sind vielfältig, sie betreffen häufig kurzfristige, krankheitsbedingte Ausfälle. Hier werden individuelle Lösungen mit dem Betriebsrat gesucht und gefunden.“

Und wie hat sich die Zahl der Überlastungsanzeigen entwickelt?

Vor dem Hintergrund der Pandemie „bewegen sich die Beschwerden der Mitarbeiter im üblichen Rahmen der zurückliegenden Jahre, mit leicht ansteigender Tendenz“, heißt es. Weiterhin werde jede Überlastungsanzeige gelesen und aufgearbeitet, „in einem optimierten Prozess, der in voller Transparenz und in regelmäßigen gemeinsamen Gesprächen zwischen dem Betriebsrat und der Geschäftsführung organisiert ist“, so das UKGM.

„Wie kann das sein?“, fragt er. Denn das sei laut Regelungen im Tarifvertrag überhaupt nicht möglich. „Dort steht, dass Überstunden binnen zwölf Wochen in Freizeit auszugleichen sind – und ansonsten ausgezahlt werden müssen“, erläutert er. Dazu gebe es vertraglich keine Alternativen.

Ziel: Hotspots bei Überstunden erkennen

Doch Michael Kroll weiß auch: „Die Kollegen wollen es häufig nicht ausbezahlt bekommen, weil dann nach den Steuern nichts übrigbleibt."

Krolls Vorschlag: Die aufgelaufenen Überstunden quasi auf ein Konto auszulagern, „um eine Nulllinie zu haben und dann zu sehen: Wie viele Überstunden bauen sich auf, wo bauen sie sich auf – und vor allem: warum?“

 Langzeitarbeitskonten waren ein Thema

Dann könne man Hotspots erkennen und „entweder mit Personal nachschießen oder versuchen, andere Dienstpläne oder andere Arbeitsverfahren auf den Weg zu bringen“. Langzeitarbeitskonten habe der Betriebsrat ebenfalls schon thematisiert, „um vielleicht ein Sabbatjahr einlegen oder früher in Ruhestand gehen zu können“ – das würde der Arbeitgeber jedoch ablehnen, weil dafür Rücklagen gebildet werden müssten.

„Die müssen aber für die Überstunden auch gebildet werden", so Kroll. Er ist in Richtung des Arbeitgebers überzeugt: „Wenn ich verhandeln will, dann finde ich auch einen Weg“ – das hätten die Tarifverhandlungen gezeigt.

Demper: Dunkelziffer ist extrem hoch

Michael Kroll ist im Betriebsrat schon seit langem für das Thema Überstunden zuständig. „Montags bekomme ich vier Seiten elektronisch übermittelt für planbare Überstunden“, sagt er, „davon lehne ich die Hälfte ab. Und dienstags oder mittwochs bekomme ich 16, 19, 23 Seiten an nicht geplanten Überstunden.“ Wolfgang Demper ist – wie auch Kroll – davon überzeugt: „Die Dunkelziffer ist extrem hoch, viele gemachte Überstunden werden gar nicht gemeldet.“

Und: Die schiere Zahl der Stunden „entspricht ungefähr 110 Stellen“. Ein Kampf, der sich für den Betriebsrat also lohnt.

Von Andreas Schmidt

13.03.2021
13.03.2021