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Marburg Kamax plant offenbar massiven Stellenabbau
Marburg Kamax plant offenbar massiven Stellenabbau
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17:58 14.05.2020
Ein Blick in die Schraubenproduktion bei Kamax. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Homberg/Ohm

Auf die Mitarbeiter des Schraubenherstellers Kamax kommen wohl harte Zeiten zu: Das Unternehmen plant offenbar einen Stellenabbau im großen Stil – selbst Betriebsschließungen sind nicht ausgeschlossen. Die IG Metall befürchtet einen „massiven Personalabbau“.

Stefan Sachs, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Mittelhessen, verdeutlicht im Gespräch mit der OP, dass es bei dem Schraubenhersteller derzeit keine betriebsbedingten Kündigungen geben dürfe. Denn: Seit dem April 2017 gelte bei Kamax ein „Ergänzungstarifvertrag“ – der sieht unter anderem vor, dass die Beschäftigten unentgeltlich zwei Wochenstunden länger arbeiten und dass die Tariferhöhungen des Flächentarifvertrags bei Kamax erst später gezahlt werden. Im Gegenzug verzichtet das Unternehmen laut Vertrag bis Ende März 2022 auf betriebsbedingte Kündigungen.

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„Es kann nicht sein, dass die Kollegen auf Gehalt verzichten und zum Dank nun gefeuert werden“, sagt Sachs. Allerdings, so der Bevollmächtigte, sehe der Ergänzungstarifvertrag für eine schwerwiegende wirtschaftliche Krise Mechanismen vor, die es erlauben, inhaltliche Veränderungen vorzunehmen. Das Unternehmen sei an die IG Metall herangetreten, um genau diesen Mechanismus jetzt zu nutzen, so Sachs weiter. „Insbesondere möchte das Unternehmen eine dreistellige Anzahl betriebsbedingter Kündigungen aussprechen können.“

Für die Gewerkschaft sei klar, dass prinzipiell um jeden Arbeitsplatz und jeden Standort in der Region gekämpft werde. Daher habe die IG Metall nun in Absprache mit der Geschäftsleitung zunächst ein betriebswirtschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben – eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft soll mit dem Gutachten die Aussagen des Unternehmens auf Plausibilität und Richtigkeit überprüfen. Außerdem erhoffe sich die IG Metall Hinweise darauf, ob bei kompletter Erfüllung des Ergänzungstarifvertrages bis zum Ende der Laufzeit wirklich die Existenz der Kamax-Gruppe gefährdet sei.

Entscheidungen in Bezug auf den Ergänzungstarifvertrag trifft die gewählte betriebliche Tarifkommission. Tarifkommissionsmitglied Lutz Koch, der auch Betriebsratsvorsitzender in Alsfeld ist, verdeutlicht, dass die Belegschaften durch die Abweichungen zum Flächentarifvertrag bereits einen zweistelligen Millionenbetrag durch unbezahlte Mehrarbeit und verschobene Tariferhöhungen erbracht habe. „Wir sind verhandlungsbereit, erwarten aber eine gemeinsame Kraftanstrengung und nicht einen einseitigen Beitrag zur wirtschaftlichen Erholung durch die Belegschaften“, so Koch. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende und Betriebsratsvorsitzende am Standort Homberg, Manfred Geisel, ebenfalls Tarifkommissionsmitglied, betonte, „dass es keine Entscheidung ohne die Beteiligung der IG-Metall-Mitglieder im Betrieb geben wird. Wir gehen selbstbewusst in die kommenden Gespräche, mit dem Ziel, möglichst alle Arbeitsplätze zu sichern.“

Kamax-Sprecher Marc Kennedy erläuterte, dass sich die bereits zum Jahresende schwierige Lage in der Automobilbranche durch Covid-19 noch einmal drastisch verschärft habe. „Sämtliche Automobilhersteller und Zulieferer weltweit sind hiervon betroffen, und auch für Kamax bedeutet dies eine zunehmend herausfordernde Entwicklung, die wir sehr bedauern.“ So würden die Beschäftigten bereits seit März Zeitkonten reduzieren, Urlaub nehmen und befänden sich in Kurzarbeit. „Dies betrifft alle europäischen Standorte der Unternehmensgruppe, aber auch die USA und Mexiko“, so Kennedy.

Kamax müsse einen bereits geplanten Strategiewechsel „hin zu neuen Produkten und Geschäftsfeldern und damit weniger Abhängigkeit von nur einem Markt“ beschleunigen. Man komme „leider auch nicht umhin, Personalanpassungen durchzuführen und erneut zu überprüfen, ob alle Werke erhalten bleiben können“. Dies beziehe sich auf alle europäischen Standorte.

Es gebe bereits Gespräche mit den Arbeitnehmervertretungen; aus diesem Grund wolle Kennedy auch keine genaueren Angaben machen. Man sehe sich aber „strategisch auf dem richtigen Weg“ und sei zuversichtlich, „mit diesen Maßnahmen wieder in die Erfolgsspur zurückkehren und eine langfristige Zukunftsperspektive für die gesamte Kamax-Gruppe sicherstellen zu können“.

Von Andreas Schmidt

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