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Marburg Gefangen in Kabul
Marburg Gefangen in Kabul
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12:00 02.09.2021
Militärfahrzeuge stehen nach dem Abzug der US-Truppen auf dem Flughafen Kabul.
Militärfahrzeuge stehen nach dem Abzug der US-Truppen auf dem Flughafen Kabul. Quelle: Saifurahman Safi/Xinhua/dpa
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Marburg

Sarah Hashemi (22) aus Kabul lebt seit gut zwei Wochen mit Todesangst. Sie lebt in Kabul, ist mit dem deutschen Assistenzarzt Habibi Naqibullah verheiratet. Naqibullah arbeitet an der Augenklinik des UKGM. Naqibullah setzt derzeit alle Hebel in Bewegung, um seine Frau nach der überraschenden Offensive der Taliban aus Afghanistan nach Marburg zu bringen (die Oberhessische Presse berichtete). Bisher vergeblich.

Weg zum Flughafen ist lebensgefährlich

Sarah Hashemi schaffte es zwar einmal, sich zum Flughafen durchzuschlagen. Sie wurde aber von den Amerikanern nicht durchgelassen, weil ein Dokument gefehlt haben soll. Und: Der Weg von ihrem Wohnort zum Flughafen ist für sie lebensgefährlich. Die Taliban könnten junge Frauen wie sie verhaften. Naqibullah kann nicht abschätzen, was seiner Frau dann blühen würde – eine Zwangsverheiratung etwa? Eine Haftstrafe? Sarah Hashemi verbirgt sich in Kabul bei Verwandten, nach wie vor.

Stadt Marburg habe alles vorbereitet

Die Stadt Marburg habe alles vorbereitet, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies schon vorletzte Woche. Alle ausländerrechtlichen Voraussetzungen für eine Einreise in die Bundesrepublik sind längst gegeben. Inzwischen hat Sarah auch alle Dokumente zusammen, um ein Visum beantragen zu können: Die Aufenthaltsgenehmigung in Marburg, bei ihrem Mann, die Heiratsurkunde – jedes Dokument, das die deutsche Botschaft sehen will. Das Problem ist: Nach dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung in Afghanistan, nach dem Abzug der USA und ihrer Verbündeten gibt es bisher niemanden, der sich in Kabul berufen fühlt, einen Stempel mit dem heiß ersehnten Visum in den Reisepass von Sarah zu drücken.

Bundesaußenminister Heiko Maas will nur denjenigen Menschen bei der Ausreise aus Afghanistan helfen, die eine Zusage für die Aufnahme in Deutschland haben. „Es geht uns nur um diese Personengruppe“, betonte der SPD-Politiker gestern nach Gesprächen in Usbekistan, das als Nachbarland eine erste Anlaufstation für Schutzsuchende aus Afghanistan ist. Auf den Ausreiselisten des Auswärtigen Amts stehen mehr als 10 000 Afghanen. Dazu zählen ehemalige afghanische Mitarbeiter von Bundeswehr oder Ministerien – die sogenannten Ortskräfte – und besonders schutzbedürftige Menschen wie Menschenrechtsaktivisten oder Frauenrechtlerinnen. Hinzu kommen deren Familienangehörige. Zusammen geht es nach jetzigem Stand um mehr als 40 000 Menschen, die in Deutschland aufgenommen werden sollen – wenn es ihnen gelingt, das Land zu verlassen.

Formal wären alle Voraussetzungen erfüllt

Dabei will das Auswärtige Amt helfen. Mit der strikten Beschränkung auf diese Gruppe will Maas falschen Hoffnungen vorbeugen und verhindern, dass es an den Grenzübergängen zu ähnlich chaotischen Zuständen wie am Flughafen Kabul in der vergangenen Woche kommt. Habibi Naqibullah läuft derweil in Deutschland von Pontius zu Pilatus. Kontakt zum Bundeskanzleramt hat er gehabt, mit dem Auswärtigen Amt gesprochen – formal wären alle Voraussetzungen erfüllt, dass seine Frau endlich ausreisen darf.

Neulich haben die Taliban das Haus von Sarahs Verwandten durchsucht. Sarah hatte sich zu dieser Zeit, wie fast immer, in einem Verlies versteckt. Die Taliban haben sie nicht gefunden. Aber die werden wiederkommen, fürchtet Habibi Naqibullah. Und wenn sie Sarah finden, weiß keiner, was geschieht. Mit jeder Stunde, mit jedem Tag sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Sarah unbeschadet aus Afghanistan ausgeflogen wird, etwa nach Usbekistan. Und mit jeder Stunde wächst die Verzweiflung bei ihrem Mann. „Es muss doch einen geben, der dieses Visum ausstellen kann.“

Von Till Conrad