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Marburg Urban Priol liest der Politik die Leviten
Marburg Urban Priol liest der Politik die Leviten
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18:49 14.11.2021
Kabarettist Urban Priol begeisterte am Samstagabend das Publikum im Erwin-Piscator-Haus und las der politischen Elite scharfzüngig die Leviten.
Kabarettist Urban Priol begeisterte am Samstagabend das Publikum im Erwin-Piscator-Haus und las der politischen Elite scharfzüngig die Leviten. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Wenn ein Rheinländer in breiter untermainländischer Mundart über die aktuelle Politik herzieht, parodistisch über Scheuer, Spahn, Laschet und Co. spottet und auch dem Wähler einen unschönen Spiegel vorhält, dann tobt der Saal vor Lachsalven.

Das Kabarett-Urgestein Urban Priol nahm sein Publikum im EPH am Samstagabend (13. November) mit auf eine satirische Reise durch die vergangenen Jahre – mit kurzem Abstecher in die Antike. Als Wegzehrung gibt es ein gepfeffertes und mit zünftigen Stammtisch-Witzen garniertes Buffett für den politisch kritischen Gaumen.

Oder eher Geist und Gehör. Der gebürtige Aschaffenburger führt seine Zuhörer im Programm „Im Fluss“ gewohnt scharfzüngig durch das Auf und Ab der deutschen Klima- und Corona-Politik. Er nimmt das Publikum mit durch das letzte tiefe Wahlkampf-Tal und zieht hinauf auf den rot-gelb-grünen Hoffnungsberg, von dem er gefühlt so manche Polit-Prominenz gerne wieder herunterwerfen würde. Zumindest verbal. Das macht er auch, zieht schonungslos über jeden her, der es seiner Meinung nach versemmelt hat.

Merkel-Politik und Masken-Affäre

Das Markenzeichen des aus der ZDF-Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ bekannten Künstlers sind eine scharfe Zunge und die Starkstromfrisur. Und natürlich ein Weißbier, das darf bei keinem Priol-Auftritt fehlen. Übrigens alkoholfrei – ein Grund, weshalb das nach knapp zwei Stunden schale Getränk nicht mehr geleert wurde.

Dazu blieb auch kaum Zeit, Priol ist viel zu beschäftigt, die gesamte Bühne zu vereinnahmen: Entrüstet läuft er im schrill-bunten Hemd wild gestikulierend auf und ab, während er eine verbale Salve nach der anderen verschießt. Die Themen wechseln so schnell wie die Laufrichtung. Besonders oft rauft er sich die abstehenden Haare, wenn er über sein liebstes Ziel herzieht – 16 Jahre Merkel-Politik.

Oder die CDU/CSU im allgemeinen: Die reizt er quer durch alle vergangenen Skandale aus, besonders gerne die Affären um Masken-Deals von Unionspolitikern: „Man gibt sich in der Pandemie nicht mehr die Hand – man hält sie auf“, unkt Priol.

Mit Blick auf die aktuelle Führungsdebatte der Union steht ihm die Schadenfreude ins Gesicht geschrieben, wenn er über Markus Söder als „fränkischen Maulheld“, Friedrich Merz als junges Gesicht im Unions-Zukunftsteam oder Helge Braun als „tapsender Hilfsbär“ lästert: „Ein Narkosearzt ist genau das, was die CDU braucht.“

Baerbock und der verschossene Elfmeter

Doch nie habe er sich mehr über die aktuellen Wahlergebnisse der Bundestagswahl gefreut, „noch nie habe ich mir dieses schwarze Bälkchen der Union so gerne angeschaut“. Daran hätten er und viele Kabarett-Kollegen jahrelang gearbeitet. Doch die Union stürzt genau während seiner Corona-Zwangspause ab, moniert er. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ausreichend Häme für die neue Oppositionsrolle hat er dennoch. Mit erhobenem Finger warnt er aber vor einer Rückkehr zu alten Größenverhältnissen: „Vorsicht, die Union ist wie ein multiresistenter Keim.“

Wobei sich seine zarte Hoffnung auf den ersehnten Aufbruch sowieso schon fast zerschlagen habe, schaue er auf die sich abzeichnende neue Regierung. Das begann schon im Wahlkampf der Grünen. Den vergleicht er mit einem Fußballspiel: „Der Ball lag am Elfmeterpunkt, das Tor war frei.“ Nur kam als „Schützin“ dann Annalena Baerbock, die den Ball nicht einmal treffen konnte, moniert Priol.

Im breiten unterfränkischen Dialekt lästert er sich durch die politische oder mediale Landschaft. Fast alle kriegen Salve um Salve ihr Fett weg. Selbst wenn er dazu bis zur griechischen Götterwelt ausholen muss und Bild-Ex-Chefredakteur Julian Reichelt mit dem lüsternen Zeus vergleicht.

Doch es sei auch nicht alles nur schlecht, der Künstler sieht gleich mehrere „Lichtblicke“ in diesem Jahr: Die Wahlergebnisse der Union, den Reichelt-Skandal und dass Mönchengladbach die Bayern mit 5:0 vom Platz gefegt hat. „Es gab schon schlimmere Zeiten“, sagt der Gladbach-Fan mit breitem Grinsen. Und am Ende heiße es ja sowieso immer: „Egal was kommt, machen wir das beste draus.“

Von Ina Tannert

14.11.2021
14.11.2021
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