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Marburg Sprachstörungen nehmen zu
Marburg Sprachstörungen nehmen zu
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18:00 28.01.2022
Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter mit „Sp“ am Anfang an eine Tafel. Sprachexperten befürchten, dass die Pandemie Störungen in der Sprachentwicklung von Kindern und Jugendlichen noch weiter verstärkt.
Eine Lehrerin schreibt in einer Grundschule Wörter mit „Sp“ am Anfang an eine Tafel. Sprachexperten befürchten, dass die Pandemie Störungen in der Sprachentwicklung von Kindern und Jugendlichen noch weiter verstärkt. Quelle: Sebastian Gollnow
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Marburg

Die Sprachentwicklung von Kindern ist elementarer Bestandteil des Lernens von klein auf – von ersten, noch unverständlichen Wörtern bis hin zur Bildung komplexer Sätze. Doch immer mehr Kinder und Jugendliche weisen Sprach- und Sprechstörungen auf – zu dem Schluss kommt die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), die jüngst eine Erhebung unter jungen Versicherten durchführte.

Demnach stieg die Zahl der 6- bis 18-Jährigen mit einer Sprach- oder Sprechstörung von 2010 bis 2020 um rund 52 Prozent. Fast acht Prozent der Heranwachsenden seien betroffen, also jede 13. Person dieser Altersgruppe. Bei den 6- bis 10-Jährigen sogar jedes siebte Kind.

Etwa jeder elfte Junge und jedes 17. Mädchen leiden darunter. „Die Art der Ausprägung von Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen kann vielfältig sein – das reicht vom Unvermögen, bestimmte Laute zu artikulieren, über Wortfindungsstörungen bis hin zu Problemen, Sätze zu bilden oder zu verstehen“, erklärt Logopädin Miriam Rappe, Expertin für Atem-, Sprech- und Stimmtherapie bei der KKH.

Der Spracherwerb ist dabei ein individueller Prozess, doch etwa mit dem dritten Lebensjahr sollte sich ein Kind mitteilen können. „Auffälligkeiten im Spracherwerb können sich in einem späteren Sprachbeginn, einem geringeren Wortschatz oder eingeschränkten Sprachverständnis bemerkbar machen“, sagt Rappe.

Die Datenerhebung der KKH

Die KKH Kaufmännische Krankenkasse ist mit mehr als 1,6 Millionen Versicherten eine der größten bundesweiten gesetzlichen Krankenkassen. Für die Untersuchung wurden zwischen den Jahren 2010 und 2020 anonymisierte Daten ihrer Versicherten zwischen 6 und 18 Jahren mit einer diagnostizierten Artikulationsstörung „F80“ nach der medizinischen Klassifikationsliste der WHO (ohne die Entwicklungsstörungen F80.2 und F80.3) verwendet. Demnach waren im Jahr 2020 im Schnitt 7,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen.

Der Anteil in den verschiedenen Altersgruppen lag bei den 6- bis 10-Jährigen bei 15 Prozent, bei 11- bis 14-Jährigen bei 5,2 Prozent und bei den 15- bis 18-Jährigen bei 2,1 Prozent.

Die Untersuchung der KKH reicht bis zum Jahr 2020, also nur bis zum Beginn der Pandemie. Die Corona-Situation an Schulen wie in Familien könne erst recht gravierenden Einfluss auf die Sprachentwicklung von Kindern und Jugendlichen nehmen. Gerade während des Lockdowns im letzten Jahr, in dem viele Schüler wenige Sozialkontakte hatten und damit auch weniger Gelegenheiten zum ausgiebigen Sprechen, für Austausch und Diskurs mit Gleichaltrigen.

Hinzu komme, dass während der Pandemie Behandlungen bei Sprachauffälligkeiten – die eigentlich frühzeitig therapiert werden sollten – erst gar nicht begonnen, zu früh beendet oder verzögert gestartet werden konnten.

Durch Pandemie und Kontaktbeschränkungen könne sich der Negativtrend zu mehr Sprachentwicklungsstörungen, der sich seit Jahren abzeichnet, noch mehr verstärkt haben.

Das bestätigen auch Lehrerinnen der Lern- und Nachhilfeschule „Eselsbrücke“ in Marburg. Seit der Pandemie, vor allem seit dem Lockdown, häufen sich Anfragen von Eltern, die mehr Nachholbedarf bei ihren Kinder bemerken: „Lücken sind in allen Bereichen da, die Pandemie hat auf jeden Fall eine verheerende Auswirkung, die uns noch jahrelang beschäftigen wird“, sagt Inhaberin Asita Warsideh auf OP-Nachfrage. Das sei im sozialen Bereich wie bei Schulfächern zu spüren, wo der Stoff im Fernunterricht ohne direkten Lehrerkontakt häufig zu kurz kam, erst recht, wenn es am technischen Verständnis der Lehrkräfte mangelte, „es fehlt das gezielte Üben mit einer Kontrollinstanz, das können auch die Eltern nicht ausgleichen, die Leidtragenden sind auf jeden Fall die Schüler“.

Die Pandemie als Verstärker der Probleme

Das fiel auch in den sprachlichen Fächern auf und betreffe gerade die Grundschüler bis etwa zur sechsten Klasse, wo die Grundlagen von Sprechen und Lesen verschiedener Textarten vermittelt werden. Entstehen hier Lücken, könne das in einem Teufelskreis enden: „Ich persönlich habe das Gefühl, dass nichts dafür getan wurde, diese Defizite auszugleichen – die schleppen Schüler nun mit sich herum“, sagt auch Germanistin Diana Nusko, die an der Nachhilfeschule unter anderem Deutsch unterrichtet.

Sie sieht nicht nur die Pandemie als Verstärker von Sprachentwicklungsstörungen – diese gab es auch zuvor schon und sie seien vielmehr das Ergebnis einer gesellschaftlichen Entwicklung weg vom korrekten Sprechen.

„Die Sprache gerät immer mehr ins Hintertreffen und das hat nicht direkt etwas mit Schule zu tun“, betont Nusko. Eher fallen zunehmend Gelegenheiten zur gemeinsamen Kommunikation weg – vom täglichen Gespräch mit der Familie beim Abendessen bis zum direkten Kontakt mit anderen statt über Soziale Medien. Es sei eine bedenkliche Entwicklung, die durch Corona erst recht offengelegt werde und der eine dezentrale Bildungspolitik zu wenig entgegensetze, kritisiert die Germanistin. Eltern würde sie raten, in der Familie gezielt Räume für Gespräche und zum Zuhören zu schaffen.

Das Familienfrühstück ohne Handy am Tisch oder gemeinsame Diktat- und Lesestunden. „Gerade Lesen hilft so viel – man bekommt ein Verständnis von Sprache, Text und Rechtschreibung.“

Eltern sollten dabei Vorbilder sein und Kinder animieren, statt mit Druck, Kontrolle oder Belohnung zu arbeiten. „Man sollte mehr Angebote für Sprache schaffen und die Dinge einfach gemeinsam erleben, das bringt viel“, so ihr Rat.

Von Ina Tannert

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