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Marburg KJC-Chefin in Marburg: Kurzarbeit wird andauern
Marburg KJC-Chefin in Marburg: Kurzarbeit wird andauern
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20:00 23.07.2020
Andrea Martin ist die Leiterin des Kreisjobcenters Marburg-Biedenkopf. Im OP-Interview spricht sie über die Corona-Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Im OP-Interview spricht Andrea Martin, die Leiterin des Kreisjobcenters Marburg-Biedenkopf, über Auswirkungen des Corona-Lockdowns und Folgen des wirtschaftlichen Absturzes für den heimischen Arbeitsmarkt.

Wie viele Menschen im Landkreis haben seit Mitte März, seit dem Corona-Lockdown, Hartz-IV beantragt?

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Andrea Martin: Wir haben seit Mitte März bis Anfang Juli 606 SGB-II-Neufälle, die eindeutig auf Corona zurückzuführen sind. Das wissen wir so genau, weil wir das mit dem Lockdown statistisch erfasst, die Neu-Antragsteller dazu befragt haben. 606 – das ist schon eine Hausnummer, gerade wenn man bedenkt, dass sich dahinter mehr Menschen verbergen, weil es Bedarfsgemeinschaften sind.

Es ist eine Zahl, die deutlich über das Normalmaß oder andere Abschwungphasen hinausgeht. Aber wenn man sieht, dass die ursprünglichen bundesweiten Prognosen von einer Zunahme von einem Drittel ausgingen – wir rechneten daher mit 2000 neuen Fällen alleine in Marburg-Biedenkopf – ist das ein moderater Anstieg.

Von Arbeitssuchenden hört man dieser Tage die Klage, sie bekämen derzeit gar keine Jobangebote mehr, der Markt sei wie tot.

Das kann ich so nicht bestätigen. Was richtig ist: Die Vermittlung ist zuletzt schwieriger geworden. Aber es ist nicht so dramatisch, dass auf dem Markt gar nichts mehr geht, kein Kunde mehr in den ersten Arbeitsmarkt gebracht werden kann. Bei 400 Menschen ist uns das seit April gelungen, vergleicht man das mit dem Vorjahreszeitraum – da waren es 650 – reden wir von etwa einem Drittel weniger. Dramatisch viel weniger ist das also nicht. Klar ist aber, dass es große Unterschiede bei den Branchen gibt.

In welche Branchen können Sie noch gut vermitteln?

Das ist recht breit gefächert. Altenpflege, Reinigung, Verkauf, Lebensmittelherstellung, Gartenbau, Hauswirtschaft, Hausmeister, Lagerwirtschaft und Transport, Küche, tatsächlich auch wieder ins Gastgewerbe.

Selbstständige, speziell in der Kultur aber auch in der Gastronomie, gelten als die am härtesten getroffenen Menschen. Wie sieht es in der Region aus, welche Branchen leiden am meisten?

Von den besagten 606 Corona-Neufällen sind nur 111 Selbstständige, also deutlich weniger als man erwarten würde. Unsere Interpretation dafür ist: Viele der Solo-Selbstständigen, etwa Kulturschaffende, waren schon vorher Kunden bei uns, da ihr Einkommen vor Corona schon nicht reichte. Auffällig ist, dass viele Studenten, die ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten, anriefen. Klar, Marburg hat so viele erwerbstätige Studenten, sie stellen im Gastgewerbe einen größeren Teil des Personals. Vielen, den alles weggebrochen ist, konnten wir aber nicht helfen. Nur bei einigen ohne Bafög-Anspruch ging das mit Darlehen. Das trifft in Marburg viele, und wenige Eltern können mal eben einen Verdienstausfall von 400 Euro kompensieren.

20 Prozent der Betriebe rechnen mit keiner Erholung

Ein Szenario: Betriebe gehen in den nächsten Monaten aus der Kurzarbeit, haben dann wieder volle Personalkosten, aber eventuell weitaus weniger Einnahmen – setzen die corona-bedingten Arbeitsmarkt-Auswirkungen also nicht einfach verzögert ein?

Das ist schwer abschätzbar, aber ja, das kann so passieren. Knapp 2o Prozent der von Industrie- und Handelskammern befragten Betriebe rechnen in diesem Jahr mit keiner Erholung. Man wird noch lange mit Coronafolgen zutun haben. Aber durch den raschen und umfassenden Eingriff der Politik durch Sozialschutzpakete, durch staatliche Hilfen für Betriebe und grundlegende gesetzliche Änderungen wie Verlängerung des Arbeitslosengeld-Bezugs, Erhöhung und Ausdehnung der Bezugsdauer des Kurzarbeitergelds werden ganz viele Menschen vom SGB2 ferngehalten –und es gibt Betrieben Zeit, zu planen, zu reagieren, sich auf das Kommende einzustellen.

Im Bund wie im Landkreis ist die Arbeitslosigkeit gestiegen, das Kurzarbeitergeld haben Tausende in Anspruch genommen. Kommt man mit einem blauen Auge davon?

Erstaunlich ist, wie unterschiedlich stark die Auswirkungen regional sind. Bundesweit, aber selbst innerhalb einer Region ist das so: In Marburg ging die Arbeitslosigkeit im Bereich des Jobcenters im Vergleich zum Vorjahresmonat – vor allem wegen des großen und stark betroffenen Dienstleistungssektors – im Juni um 20,4 Prozent rauf, in Biedenkopf um acht Prozent, aber in Stadtallendorf sank die Quote sogar. Viele Betriebe und damit auch die Beschäftigten werden noch einen langen Atem haben müssen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Kurzarbeit länger anhält – es hat ja Gründe, wieso die zulässige Bezugsdauer bundesweit jetzt auf 21 Monate ausgeweitet worden ist. Auch wenn sich die Prognosen zur Entwicklung unterscheiden, die Wirtschaftsweisen haben ihre Prognosen Ende Juni noch einmal deutlich nach unten geschraubt: Bis Ende 2021 wird die Wirtschaft nicht mehr so funktionieren wie noch bis März 2020.

Was interessant zu sehen ist: Im Landkreis sind zwar viele von Kurzarbeit betroffen, aber dieses Geld reicht vielen zur Sicherung der Lebensgrundlage und sie müssen nicht über das SGB aufstocken. Es wird also ganz gut verdient. Grundsätzlich kann man sagen, dass der gesunde Branchen-Mix im Landkreis die Lockdown-Folgen bis hierhin abgefedert hat.

17.000 Lehrstellen weniger wegen Corona

Wie sieht es bei den jungen Leuten aus, etwa Schulabsolventen, die eine Ausbildung suchen oder beginnen wollen?

Bundesweit sieht das nach der Statistik relativ dramatisch aus, es sind 47.000 weniger Lehrstellen als im Vorjahr und davon 17.000 wegen des Corona-Effekts. Wir glauben aber, dass es hier nicht so schlimm wird, dass die Azubi-Stellen noch nicht gestrichen, sondern ihre Besetzung vielmehr verschoben wurde, da kann sich auch im Spätsommer und Herbst noch einiges tun.

Aber selbstverständlich schaut jede Firma auf ihre Zahlen, die Marktlage und was sie für sie in Bezug auf Investitionen - dazu zählt auch Personal – bedeuten kann. Betriebe, denen es vor Corona nicht gut ging, die jetzt einen deutlichen Eigenkapital-Rückgang haben und endgültig in Liquiditäts-Engpässe kommen, handeln ganz anders als andere.

Aber grundsätzlich haben die Betriebe im Landkreis eine hohe Ausbildungsbereitschaft, sind weitsichtig und wissen – Stichwort Facharbeiter-Mangel – dass sie die im Hier und Jetzt verpassten Einstellungen später mit Personalsorgen bezahlen.

von Björn Wisker

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