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Marburg Fledermäuse in Marburg: eine Gefahr?
Marburg Fledermäuse in Marburg: eine Gefahr?
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16:59 14.03.2020
Fledertiere sind Corona-Viren-Überträger. In Deutschland gibt es rund zwei Dutzend Fledermausarten wie etwa das„Große Mausohr“. Experten sehen in ihnen keine Gefahr. Quelle: Holger Hollemann/dpa
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Marburg

Das Coronavirus teilt eine Gemeinsamkeit mit Killer-Krankheiten wie Sars, Mers und Ebola: Fledertiere sind die Wirte, können die Viren übertragen. Marburg gilt als eine deutsche Fledermaus-Hochburg – wie gefährlich sind die heimischen Tiere für die Mittelhessen?

Im Marburger Schloss befindet sich jedenfalls das größte bekannte Winterquartier der Zwergfledermaus in Deutschland, die Zahl wird auf mehr als 5 000 geschätzt. Winterquartiere für die rund zwei Dutzend in Deutschland heimischen Fledermausarten gibt es auch im Cappeler Berg, im ehemaligen Eiskeller der Brauerei und in einem Stollen nahe der Waggonhalle am Ortenberg. Tausende Fledertiere flattern also regelmäßig durch die Universitätsstadt – und sie hinterlassen dabei Kot, Urin, Speichel, also jene Quellen für Viren wie etwa Corona.

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Nabu: Ansteckungsgefahr „sehr unwahrscheinlich“

„Von in Quartieren hängenden oder vorbeifliegenden Fledermäusen dürfte bei uns ein vernachlässigbar geringes Risiko ausgehen“, heißt es vom Nabu Hessen auf OP-Anfrage. Auch wenn eine Viren-Übertragung von der Zwergfledermaus auf einen Menschen nie ausgeschlossen werden könne, gebe es „keinen Grund, Fledermäuse diesbezüglich zu fürchten“.

Als „sehr unwahrscheinlich“ bezeichnen auch Virologen die Gefahr, dass man sich in Marburg oder Deutschland generell an Fledertieren mit einem gefährlichen Virus wie Corona ansteckt. Die in Europa heimischen Fledermaus-Arten - darunter nur wenige kleine und große Hufeisennasen, von denen eine Unterart die aktuelle Corona-Epidemie ausgelöst haben soll - könnten lediglich Tollwut übertragen. Der letzte Tollwut-Todesfall trat laut Robert-Koch-Institut 2002 in Schottland auf.

Immunsystem schützt die Fledermäuse

Oft läuft eine Übertragung – Spillover genannt – ob bei Corona oder anderen Viren so ab: Eine Fledermaus oder ein Flughund überträgt einen Erreger auf ein anderes Tier, indem diese etwa mit Fledermaus-Kot, Urin oder Speichel verunreinigte Nahrung essen, sich so anstecken. Und von dort, etwa von Schweinen oder anderen Nutz- und Schlachttieren aus, springt das Virus auf den Menschen über und verbreitet sich immer weiter.

Laut einer aktuellen US-Studie besitzen Fledermäuse ein Immunsystem, das Virusinfekte besonders effektiv unterdrückt. Die Folge eines speziellen Stoffwechsels ist, laut der Mikrobiologen, dass die Viren schädlicher werden. Wenn diese quasi aufgerüsteten Viren dann Menschen befallen, ist die schwächere menschliche Abwehr mit der Bekämpfung schnell überfordert.

Hochsicherheitslabor steht auf den Lahnbergen

Die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Fledermaus-Viren übersteigt laut Forschern, etwa des Marburger Sonderforschungsbereichs 1021, der vor allem gefährliche RNA-Viren im Blick hat, die beim Menschen bekannten Viren um ein Vielfaches. Und damit verbunden ist die Unklarheit, welche und wie viele der unbekannten Viren möglicherweise für Menschen gefährlich sein könnten. Warum manche Viren bei Menschen Krankheiten auslösen, andere aber nicht, ist eine der Fragen, die an der Philipps-Universität untersucht wird.

Seit 2007 steht ein Hochsicherheitslabor der Stufe 4 auf den Lahnbergen. Vergleichbare Einrichtungen gab es damals nur in Stockholm, London und Lyon. In dem fast luftdicht von der Außenwelt abgeschotteten Labor haben nur rund zwei Dutzend Wissenschaftler Zutritt. Bei 200 Grad unter Null werden dort die gefährlichsten Viren der Welt aufbewahrt - von Ebola bis Lassa.

Naturschützer fürchten wegen Corona eine wachsende Fledermaus-Feindlichkeit. Trotz ihres ohnehin mitunter dramatisch sinkenden Bestands speziell in Städten drohe die Gefahr, dass die Tiere nun so systematisch bekämpft werden wie Ratten oder Tauben. Dabei bestäuben einige genau wie Bienen und andere Nützlinge Kulturpflanzen. Als Insektenfresser halten Fledertiere zudem Schädlinge in Schach.

Marburg-Virus

Schon einmal versetzte eine von Fledertieren übertragende Krankheit Marburg in einen Ausnahmezustand – und gab einem Erreger seinen Namen: „Marburg-Virus“, ein Ebola-Verwandter. Im Jahr 1967 erkrankten vor allem bei den Behringwerken, später in Frankfurt und Belgrad insgesamt 31 Menschen an schweren inneren Blutungen, sieben starben. Der Auslöser war – wie nun bei Corona, Sars und anderen Viren – ein in Afrika beheimatetes Fledertier, das Affen infizierte. So sprang das Virus über einen sogenannten Zwischenwirt auf Menschen über. In den Folge-Jahrzehnten erkrankten und starben immer wieder Menschen am „Marburg-Virus“, alleine zwischen 1999 und 2005 waren es mehr als 500 in Afrika. Am verwandten Ebola starben gar Zehntausende.

Von Björn Wisker

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