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Marburg Jungschwester hatte schweren Stand
Marburg Jungschwester hatte schweren Stand
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18:44 05.12.2019
Frühchen-Prozess in Marburg: Die Angeklagte betritt den Gerichtssaal. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Mehrere vernommene Krankenschwestern schilderten am 12. Juni, wie sich die Angeklagte in einer Reanimationssituation bei dem Frühchen Leni verhalten hatte. Wenige Tage vor dem Tod des kleinen Mädchens musste sie bereits mit Herz-Druck-Massage und einem Defibrillator wiederbelebt werden – auch die angeklagte ehemalige Krankenschwester Elena W. war beteiligt.

Die heute 29-Jährige habe dabei nervös gewirkt, sei aber ihren Aufgaben wie von ihr erwartet nachgekommen. „Sie war, glaub‘ ich, auch überrascht, dass sich Leni so verschlechtert hat“, berichtete eine 32-jährige ehemalige Kollegin. Elena W. habe bei der Reanimation auch etwas mehr Anleitung bei der Herz-Druck-Massage gebraucht, als zu erwarten gewesen sei.

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Sie habe nicht den Eindruck gehabt, dass ihre jüngere Kollegin sich bei der Wiederbelebung des Kindes „in den Vordergrund spielen“ wollte, sagte die Zeugin aus.

Dem entgegen steht der Eindruck einiger anderer Krankenschwestern, die bei der Angeklagten Selbstüberschätzung, besonderen Ehrgeiz oder auch den Wunsch, sich zu profilieren, wahrgenommen haben wollen. ­Elena W. habe sich stets schwierigere Kinder zugetraut – besonders kleine oder kranke Frühchen. Dies sei nicht unbedingt ihrem Kenntnisstand angemessen gewesen, urteilten ihre ehemaligen Kolleginnen.

Innerhalb der Mitarbeiterschaft auf der Neugeborenenintensivstation hatte die „Jungschwester“, die 2013 an das Uniklinikum kam, keinen leichten Stand. Einige Kolleginnen sprachen sogar von Mobbing. Die „konstruktive Kritik“ sei nicht immer angemessen vorgetragen worden, schwächten andere Zeuginnen ab. An wirklich unsachliche Vorwürfe gegenüber der Angeklagten erinnerte sich keine bisher vernommene Krankenschwester.

Elena W. habe ihre Arbeit nicht immer sauber erledigt, erzählten mehrere ältere Kolleginnen einhellig: „Nebentätigkeiten hat sie nicht immer so ernst genommen“, berichtete eine 36-Jährige.

Auch technische Fehler, zum Beispiel beim Legen einer Infusion, seien Elena W. unterlaufen, kritisierten mehrere Zeuginnen.

Die vernommene ehemalige Kollegin, deren Name auch in Zusammenhang mit Mobbingvorwürfen genannt wurde, sagte jedoch: „Dass sie für die Station nicht geeignet wäre, habe ich so nicht kommuniziert.“ Zuvor waren ähnliche, von ihr und anderen erfahrenen Schwestern geäußerte Meinungen von Zeuginnen geschildert worden.

Der Prozess wird am Mittwoch, 26. Juni, ab 10 Uhr in Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt.

von Melchior Bonacker

Rückblick auf vergangene Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

21. Februar: "Als wäre kein Leben in ihr drin“

28. Februar: Kind wirkte wie narkotisiert

1. März: Chefarzt sagt aus: Rätsel um Narkosemittel für Babys

4. März: Angeklagte bricht in Tränen aus

5. März: Pflegedienstleitung sagt aus: "Es hat immer ein bisschen geknirscht"

7. März: Leitende Ermittlerin sagt aus: "DNA der Angeklagten gefunden"

13. März: Erstmals kamen Aussagen der Angeklagten zur Sprache.

15. März: Kooperativ gegenüber Kripo

17. März: Elena W. reagierte mit Tränen auf Haar-Analyse

27. März: Verdacht erhärtet sich

28. März: Ärzte haben unterschiedliche Ansichten

28. März: Wurde Frühchen Leni falsch behandelt?

3. April: Arzt sieht kein Mobbing bei Elena W.

4. April: Krisenstab beschloss, Kripo zu rufen

10. April: Kinderärztin hält Kinderkardiologen für "absolut zuverlässig"

11. April: Medikamente werden von Schwestern bestellt

8. Mai: Aussagen des Ex-Freundes verwirren

10. Mai: Arzt schildert Reanimation

17. Mai: Kinderarzt sagt aus

18. Mai: Kollegin spricht von Mobbing

21. Mai: "Sie verzettelt sich halt gerne"

8. Juni: Kollegen beschreiben Elena W. als freundlich

12. Juni: Wurden Zeugen beeinflusst?