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Marburg Junge Wählerschaft und Politik
Marburg Junge Wählerschaft und Politik
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11:58 23.09.2021
Zwei junge Leute beim Wählen. FDP und Grüne setzen sich für ein Wahlrecht ab 16 Jahren ein.
Zwei junge Leute beim Wählen. FDP und Grüne setzen sich für ein Wahlrecht ab 16 Jahren ein. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Worauf gründen junge Leute, worauf gründen Erstwählerinnen und Erstwähler ihre Wahlentscheidung? Was erwartet die junge Wählerschaft vom Wahlkampf und der künftigen Regierung? Die OP hat eine Online-Umfrage unter bereits Wahlberechtigten gemacht und auf der Straße nachgefragt.

Auf den oberen Plätzen finden sich in den Antworten der jungen User Werte wie Ehrlichkeit und Transparenz wieder. Junge Wählerinnen und Wähler wollen am liebsten über die Sozialen Medien sowie per „Du“ angesprochen werden. Außerdem fühlen sich viele junge Menschen von der Politik nicht ernst genug genommen. Das sind die wichtigsten Antworten der Jungwähler. Wie gehen nun die Direktkandidaten der Parteien damit um?

Ehrlichkeit und Transparenz

„Ich erwarte fairen und ehrlichen Wahlkampf für eine innovative und zukunftsorientierte Politik“, sagt Luka Batinić, ein 23-jähriger Marburger Wähler. Laut der AfD neige die Politik dazu, ihre Versprechen nicht einzuhalten. Probleme würden auch systematisch verschleiert, denn „Ziel ist immer nur der nächste Wahltermin“, wie Julian Schmidt der OP mitteilte. Dafür stehe seine Partei mit dem Motto „Mut zur Wahrheit“.

Gerade im Zusammenhang mit den Korruptions-Skandalen, die jüngst in dem finalen Video der „Zerstörungs-Reihe“ von Youtuber Rezo behandelt wurden, spielt Transparenz bei der jungen Zielgruppe eine zentrale Rolle.

Der Kreisverband der FDP wies auf den Vertrauensmissbrauch durch Korruptions-Skandale wie Cum-Ex hin, wobei die Liberalen „einen offenen Austausch mit Bürgern über Social Media, Stammtisch oder auch den typischen Wahlkampfstand“ anstreben würden. Auch die Kreisstelle der SPD wies auf die Maskengeschäfte der CDU hin, weshalb Direktkandidat Sören Bartol als stellvertretender Fraktionsvorsitzender zusammen mit seiner Fraktion „seit langem für mehr Transparenz in der Politik“ kämpfe: „Wir haben es endlich geschafft, mit dem ‚Lobbyregister‘ die Pflicht zu Registrierung für Lobbyarbeit gegenüber dem Bundestag und der Bundesregierung einzuführen.“

Der CDU-Direktkandidat Dr. Stefan Heck erhebt den Anspruch an sich, „ausnahmslos vertrauensvoll und ehrlich miteinander umzugehen“: „Schwarze Schafe über alle Parteigrenzen hinweg tun zudem leider manchmal ihr Übriges, um beiderseitiges Vertrauen zu zerstören, und fördern den falschen Eindruck von den ‚unehrlichen Politikern da oben‘.“ Die Grünen sprechen sich offen gegen Korruption aus: “Gegen Korruption braucht es klare Gesetze. In Sachen Transparenz setzen wir uns weiterhin dafür ein, dass Politik inklusiv ist und kein Eliten-Projekt.“ Auch der Linken-Kandidat Maximilian Pater verurteilt Korruption – und geht einen Schritt weiter: „Wir verpflichten uns dazu, keine Spenden von Lobbyisten und Unternehmen anzunehmen.“

Das Du auf Social Media

Nicht nur Ehrlichkeit und Transparenz spielen für viele junge Menschen in der Politik eine wichtige Rolle, auch von der Art der Kommunikation haben junge Erwachsene eine klare Vorstellung: Sie möchten am liebsten über Kanäle wie Instagram, Twitter, Facebook und Co. angesprochen werden, und das per „Du“.

Entscheidendes Problem scheint die Distanz zwischen jungen Menschen und hohen Politikern zu sein: „Ich erwarte auch mehr Nahbarkeit, vor allem für uns als junge Generation, da ich durch den meiner Meinung nach langweilig gestalteten Wahlkampf etwas desinteressiert geworden bin“, sagt die 23-jährige Marburger Wählerin Christina Wille.

Die Grünen setzen auf die vergleichsweise barrierearmen Kanäle der Sozialen Medien. Sie zeigen auf Social Media Präsenz und platzieren ihre Anliegen dort. Die Algorithmen führten jedoch zu eigenen Bubbeln oder Filterblasen, in denen die User „hängenblieben“. Dieser Meinung ist auch die FDP. Sie setzt in ihrem Wahlkampf auf „tägliche Inhalte“.

Die CDU dagegen misst Social Media ebenfalls eine große Bedeutung zu und ist auch dort vertreten, setzt jedoch auch weiterhin auf das persönliche Gespräch: „Der direkte Kontakt ist mir trotz größerem Einfluss von Sozialen Medien nach wie vor sehr wichtig“, teilt Dr. Stefan Heck mit. Die AfD verfolgt einen anderen Ansatz: „Die AfD legt besonders großen Wert auf das Thema Soziale Medien. Deswegen sind wir auch mit Abstand die erfolgreichste Partei in diesem Bereich“, sagt Direktkandidat Schmidt.

Auch die Linke bemühe sich um den Ausbau ihrer Präsenz in den Sozialen Medien, wie Direktkandidat Maximilian Peter in seiner Stellungnahme mitteilte.

Zum Thema „Duzen“ hat nur die SPD eine Stellungnahme abgegeben. So setzt Direktkandidat Sören Bartol auf das „Du“: „Ich habe mich bewusst für das ‚Du‘ entschieden, weil ich glaube, den Großteil der jungen Menschen so authentisch ansprechen zu können.“ Zudem habe sich die SPD in ihrem Wahlkampfslogan „Respekt für dich“ dazu entschieden, die Wählerschaft zu duzen, wie Bartol mitteilte.

Wahlrecht ab 16?

Die Online-Umfrage der OP hat ergeben, dass viele junge Wählerinnen und Wähler sich von der Politik nicht ernst genug genommen fühlen. Nicht nur dies schrieben viele User; sie empfinden zudem fast einstimmig, dass die junge Generation im Bundestag nicht ausreichend vertreten ist. Zu den Fakten: Aktuell gibt es im Bundestag 709 Sitze, wovon 362 (51,2 %) mit Abgeordneten besetzt sind, die über 50 Jahre alt sind. Zum Vergleich: 13 Menschen (1,9 %) unter 30 Jahren sitzen im Bundestag. Dies geht aus den Zahlen der Altersgliederung des Bundestages (Stand 14.06.2019) hervor. Die SPD geht davon aus, dass die Corona-Situation in den Schulen dazu beigetragen habe, dass sich die junge Generation nicht ernst genug genommen fühlt.

Die AfD bringt das Beispiel-Thema Rente auf den Tisch: „Man schiebt die Lösung lieber auf die lange Bank. (…) So werden die Probleme aus reinem politischen Opportunismus den kommenden Generationen aufgehalst.“ Grünen-Direktkandidatin Stephanie Theiss teilt die Sorge, sich nicht ernst genug genommen zu fühlen: „Ja, same. Gerade als Frau hat man es nochmal eine Nummer schwerer.“

Das hänge damit zusammen, dass „in der Politik (…) kaum junge Menschen und ihre Lebensrealitäten vertreten sind und (...) mit dem Vorurteil, dass ‚man ja erstmal Erfahrungen sammeln muss‘, denn ‚was wissen die jungen Leute schon‘.“ Für die AfD steht hingegen fest, man solle „auch schon eine gewisse Lebenserfahrung vorzuweisen haben, bevor man in ein Parlament einzieht.“

CDU-Kandidat Dr. Stefan Heck führt diesen Gedanken aus: „Gleichzeitig bedingen Ausbildung, Familiengründung und Erfahrung im Beruf, dass die meisten Abgeordneten über 30 Jahre alt sind. Diese Lebens- und Berufserfahrung ist in meinen Augen nicht unwichtig, um Entscheidungen im Bundestag im Namen der Bürgerinnen und Bürger treffen zu können.“

Um der jungen Stimme in der Wahlkabine mehr Gewicht zu verleihen, setzen sich die FDP und die Grünen für die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahren ein. Damit wollen beide Parteien jungen Menschen die Möglichkeit geben, die Politik mitgestalten zu können.

Von Larissa Pitzen

U-18-Wahlen

Wie vor jeder Bundestagswahl haben auch in diesem Jahr Jugendliche unter 18 Jahren symbolisch abgestimmt. In Hessen wurde die Wahl vom Hessischen Jugendring organisiert. Die Grünen liegen danach mit 22,6 Prozent knapp vor der SPD (21,2 Prozent). CDU (14,6 Prozent) und FDP (14,4 Prozent) sind beinahe gleichauf. Die Linke holte 7,3 Prozent der Stimmen. Und ginge es nach der hessischen U-18-Wahl, würde es die AfD nicht über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, dafür aber die Tierschutzpartei.

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