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Marburg Junge Trainer und alte Hasen
Marburg Junge Trainer und alte Hasen
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00:17 02.04.2019
Marburg

Die Mannschaft hat sich frühzeitig auf dem Trainingsgelände versammelt. Erster Tag mit dem neuen Trainer. Alle beginnen bei null, jeder will einen guten Eindruck hinterlassen und sich für große Aufgaben anbieten. Und dann stapft der neue Mann auf den Pulk Wartender zu, stellt sich vor, legt vielleicht seine Ziele dar.

Kevin Kaguah, etatmäßiger, aber derzeit verletzter Kapitän des VfB Marburg hat dieses Szenario mit 31 Jahren, davon mehrere Hessenligasaisons, bereits mehrmals miterlebt: „Nach dem ersten Training sagen 50 Prozent der Mannschaft fast immer, dass der neue Mann super ist. Die andere Hälfte zweifelt eher.“ Aber sicher ist er sich, dass das Alter des Trainers beim ersten Eindruck eine Rolle spielt. „Wenn da ein altgedienter Trainer kommt, hat man innerlich ein etwas anderes Level von Respekt, weil man mit Alter L­ebenserfahrung verbindet“, sagt er. Aber natürlich könne auch ein alter Hase diesen Respektsvorschuss durch Inkompetenz ganz schnell verspielen.

Die befragten Trainer und Spieler aus dem heimischen Fußballkreis sind allesamt der Auffassung, dass das Alter nicht über die Güteklasse eines Coaches entscheidet. Und ­eine ultimative Antwort scheint es ohnehin nicht zu geben, da es auch auf den Charakter des Teams ankommt. Was für den einen Fußballlehrer bei einem Team wie am Schnürchen läuft, kann bei einem anderen zu einer Bruchlandung mit Totalschaden führen.

Nicht jung und alt sind die Kategorien, sondern gut und schlecht. „Ich habe von älteren und jüngeren Trainern viel gelernt. Die älteren legen manchmal mehr Wert auf Kampfgeist und ‚Gras fressen‘. Bei den Jungen lernt man vor allem den modernen Fußball. Da steht das Taktische dann im Vordergrund“, beurteilt Marcel­ Schmitt, Spieler beim FSV Schröck.

Dennoch scheinen alte Hasen und junge Hüpfer jeweils Vorteile auf ihrer Seite zu haben. Und das beginnt bei Trainer-Veteranen nun einmal beim Alter. Außerdem scheinen sich Trainer der älteren Generation im Umgang mit ihren Spielern eine ­Vater-Sohn-Dynamik zunutze zu machen. „Es hilft natürlich sehr, dass ich ebenfalls Kinder habe, die auch Fußball spielen und in einem ähnlichen ­Alter sind wie viele Jungs in der Mannschaft. Man kennt die Probleme und Sorgen junger Menschen“, sagt Clemens Drescher, Coach des VfB Wetter. Empathie sei das A und O.

Trainer mit autoritärem Stil gelten als ein Relikt

Auch Andreas Sinkel schätzt die Erfahrungswerte, die ihm als Vater zweier Kinder beim Führen und Anleiten einer Mannschaft zum Vorteil gereichen, hoch ein. „Aber das reicht nicht.

Man muss eben auch fachlich auf der Höhe sein und praktische Erfahrung vorweisen. Da mangelt es bei manchen Jungen“, sagt der Trainer des SC Gladenbach. Auf der Basis von Erfahrung ein Spiel zu lesen und auch das Training auf die Defizite der Mannschaft auszurichten sei eine Fähigkeit, die erst nach vielen Jahren im Coaching erworben werde.

Ein junger Trainer, der noch nicht so lange im Geschäft ist, hat außerdem seltener den Vorteil, auf ein Eindruck schindendes Renommee zu verweisen. Aber die junge Riege scheint anderweitig punkten zu können. „Wenn der Trainer jung und ein cooler Typ ist, der gut mit Menschen kann, ist das immer gut. Aber ich versuche, jedem einen Respektsvorschuss zu geben“, meint Kevin Willow, Spieler beim FC Amöneburg. Er glaubt, dass ein Trainer, dessen Alter ­relativ nahe am Durchschnittsalter der Spieler liegt, Vorteile­ bei der Kommunikation hat. „Der kennt die Sprache von unserer Generation besser und ist dadurch nahbarer“, vermutet er. Und das hat oft ein positives Lernklima zur Folge.

Die Befragten sind sich sicher, dass Trainer mit autoritärem Stil ein Relikt sind. Das zieht bei der heutigen Generation nicht mehr. Nähe zur Mannschaft muss her. „Die Spieler müssen jederzeit wissen, dass ich nicht ihr Freund oder Kumpel bin, sondern nur ihr Trainer“, unterstreicht Sinkel. Was das angeht, bewegt sich Hendrik Lapp in ­einer Grauzone. Als Co-Trainer beim SV Bauerbach ist er mit 27 Jahren jünger als ein paar der Spieler im Team, hat bisweilen ähnliche Interessen und macht nach einem gelungenen Spieltag ab und an mit der Mannschaft die Nacht zum Tag. Aber nach kurzem Überlegen sagt er überzeugt: „Wenn ich Cheftrainer wäre, würde ich nicht mit der Mannschaft weggehen!“

Horst Prenzer, Lapps ehemaliger Trainer bei der FSG Südkreis, ist da ein wenig anders ­gestrickt. Er ist auch mal einer der letzten Heimkehrer, wenn es ums Feiern im Mannschaftsrahmen geht. Der 59-Jährige ist seit knapp 35 Jahren Trainer, hat in dieser Zeit nur vier Vereine trainiert und bereits fast ein Dutzend Aufstiege gefeiert. „Das ist ja eigentlich etwas Gutes, wenn man sich lange bei einem Verein hält“, stellt er fest. Mit 24 Jahren verfiel er dem Coaching. Damals begann sein Weg 1983 als Spielertrainer beim TSV Michelbach. „Ich hatte vorher beim VfB Marburg höherklassig gespielt. Das hat dann natürlich für Respekt gesorgt, ungeachtet meines Alters. Da gab es nie Probleme“, meint Prenzer und fügt an: „Für mich war die Nähe zur Mannschaft immer wichtig und ich bin mit dieser Schiene immer gut gefahren.“

Damals, als sein Körper noch in Bestform war, habe er den Vorteil gehabt, im Training viele Dinge vormachen zu können. „Das sorgt natürlich für Respekt, wenn die Spieler sehen, dass der Coach nicht nur redet, sondern es auch selbst kann“, sagt der Lehrer, der die SG Lahnfels trainiert. Dennoch bringe das Alter im Traineramt Vorteile mit sich. „Ich bin gelassener und gehe mit mehr Routine und emotionaler Distanz an den Sport ­heran.“

von Benjamin Kaiser