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Marburg „Multikulti ist ein Geschenk“
Marburg „Multikulti ist ein Geschenk“
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12:59 24.10.2020
Amira Id-Lefqih aus Marburg mit einem russischen Märchenbuch und einer Hemingway-Novelle. Die 16-Jährige ist multikulturell aufgewachsen und setzt sich für eine bunte Gesellschaft ein. Quelle: Ina Tannert
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Marburg

Der Platz im Bücherregal im kleinen Jugendzimmer mit der Blumentapete ist bis auf den allerletzten Zentimeter gefüllt, knalleng reiht sich Buch an Buch – und hier treffen Kulturen aufeinander.

Hier findet sich Hemingways preisgekrönte Novelle „Der alte Mann und das Meer“, dort ein russisches Märchenbuch, daneben ein Koran. Es ist das Zimmer von Amira Id-Lefqih aus Marburg. Vielfalt gehört zum Alltag der 16-Jährigen so vollkommen natürlich dazu wie das tägliche Aufstehen.

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Literatur, Sprachen, Musik, Essen aus aller Herren Länder, verschiedenste Kulturen von Menschen – die sich treffen und ineinander verlieben können – das begleitet Amira ihr gesamtes Leben, denn ohne das wäre sie gar nicht geboren worden. Ihre Mutter stammt gebürtig aus Russland, ihr Vater aus Marokko, beide trafen sich als junge Erwachsene in der Mitte, leben mit den drei Töchtern in Marburg.

Jedes Jahr reisen sie zu ihren Familien in den Norden und den Süden. Amira kennt beide Länder, beide Religionen – sie ist russisch-orthodox getauft, liest aber auch den Koran. „Ich glaube an Gott, mache aber keinen Unterschied zwischen Religionen – Gott ist Gott“, sagt sie schulterzuckend und lacht.

Ihre Herkunft hat bei ihr Interesse für alles Neue, für das Unbekannte geweckt, dafür ist sie dankbar: „Es ist ein Geschenk und ich finde es unheimlich cool, durch meinen bunten Multikulti-Hintergrund bin ich total offen und kann mich für vieles begeistern.“ Mal kocht sie russisch, mal marokkanisch, mal spielt sie Klavier, mal Querflöte, geht Kickboxen oder mit der Familie in die Oper.

Stipendium gibt Starthilfe

Ihre Einstellung möchte sie in die Welt tragen. Die Philippinum-Schülerin wurde als eine von 21 Jugendlichen in Hessen von der „Start-Stiftung“ für ein dreijähriges Bildungsstipendium ausgewählt. Das erhalten Schüler mit Migrationserfahrung, die von einem finanziellen Zuschuss und auf dem Weg zum Schulabschluss von diversen Engagement- und Bildungsangeboten profitieren – Workshops, Akademien, Ausflüge, eigene Ideen umsetzen. Wie es der Zufall so will, kam schon ihre Mutter per Stipendium zum Studium nach Marburg. Jetzt zieht die Tochter quasi nach.

Das Ziel des Start-Stipendiums: Schüler mit Migrationserfahrung sollen unterstützt, zugleich ermutigt werden, sich für die Gesellschaft, Demokratie und Integration zu engagieren. „Ich möchte etwas gegen Diskriminierung in der Gesellschaft machen, in allen Bereichen, von Rassismus bis Geschlechterdiskriminierung“, erzählt Amira von ihrem Schwerpunkt. Eigene Rassismus-Erfahrung musste sie bislang keine machen, „ich sehe ja auch nicht fremd aus, ich habe keine dunkle Hautfarbe, anderen Jugendlichen ergeht es aber anders, für sie ist das schwer“.

Als digitale Nomadin in die Welt

Sie möchte aufklären, mit Leuten über Ablehnung, über Hass sprechen, „ich glaube, viele haben Angst vor dem Anderen, weil es einfach neu ist – mit Kommunikation kann man da viel erreichen, es könnte so einfach sein“, sinniert sie. Nach dem Abi möchte sie studieren, was genau, steht noch nicht fest, „vielleicht Jura oder Wirtschaftsmathematik, Mathe liegt mir sehr“. Hauptsache kein Stillstand, nicht immer am selben Ort, „in Marburg aufzuwachsen ist toll, es ist eine so offene Stadt, aber ich will in die Welt raus“, verrät die 16-Jährige.

Sprachen lernen, mehr Länder und Kulturen entdecken, von Kanada bis Japan und nach Australien reisen. „Da meine Wurzeln eigentlich überall liegen, finde ich auch überall etwas, was mich anzieht.“ So will sie auch einmal arbeiten, per Internet alles machbar, „als digitale Nomadin unterwegs sein“. Das ist ihr Traum.

Eine erste Starthilfe biete ihr das Stipendium, über das sie zahlreiche Gleichgesinnte trifft. Bundesweit gibt es derzeit 500 Start-Stipendiaten aus mehr als 60 Herkunftsnationen, die auch eigene Projekte umsetzen können. „Das ist megacool, die Leute da haben tolle Visionen und einen Weltverbesserungsdrang“, sagt sie lachend. Zusammen wollen sie lernen, etwas erreichen und ein Stück weit Vermittler sein: „Akzeptanz für alle Kulturen – das wäre so schön.“

Von Ina Tannert