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Marburg Junge Flüchtlinge beißen sich durch
Marburg Junge Flüchtlinge beißen sich durch
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19:58 08.10.2019
Habib (links) und Moussam machen im Frühjahr ihr Abitur an der Steinmühle. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Houssam ist 20 Jahre alt, lebt seit 2015 in Marburg und will im kommenden Frühjahr sein Abitur machen.

Houssam gehört zu einer Gruppe von 15 damals minderjährigen Flüchtlingen, die im Oktober 2015 an der Steinmühle gemeinsam aufgenommen wurden – mit dem Ziel, den jungen Menschen, die damals kein Deutsch konnten, ein Maximum an Schulbildung zukommen zu lassen und sie, wenn möglich, bis zum Abitur zu führen.

Houssam wird, das steht heute schon fest, sein Abitur im Frühjahr bestehen, wenn nicht noch etwas Ungewöhnliches geschieht. Zu gut ist sein Notenschnitt, als dass noch irgendetwas passieren könnte.

Freundeskreis wächst

Ehe Houssam im Jahr 2015 in Marburg angekommen ist, war er auf der Flucht. Ein Jahr und fünf Monate lang hat er gebraucht, um von Damaskus, seiner Heimatstadt, nach Marburg zu fliehen (die OP berichtete).

Gemeinsam mit 14 anderen Jungen wurde er im Herbst 2015 in eine Gruppe an der Steinmühle aufgenommen. Die jungen Leute wohnten gemeinsam im „Bremer Haus“, einem Gebäude, das früher zum Internat gehört hatte und für die Bedürfnisse der Flüchtlingsgruppe umgebaut worden war.

Anfangs hatte Houssam Schwierigkeiten, andere Schüler und Schülerinnen kennenzulernen. Das ist inzwischen anders geworden, Houssam hat eine Reihe von Freunden kennengelernt, auch Deutsche – in der Schule, aber auch in der Stadt.

2017 hat Houssam seine mittlere Reife bestanden. Er blieb in der Schule, obwohl er zwischendurch immer wieder gejobbt hat. „Damit ich mein Studium finanzieren kann“, sagt er.

Trennung von Familie

Vor allem aber macht sich Houssam Sorgen um seine Familie. Die darf nicht nachkommen nach Deutschland. Die Trennung fällt ihm sichtlich schwer – sie belastet ihn. Dennoch hat er seine Ziele klar vor Augen: Er will Ingenieurs- oder Wirtschaftswissenschaften studieren, das liege ihm, glaubt er. Und Deutschland sei ein gutes Land zum Leben, sagt er.

Um eine eigene Familie zu gründen, sei es aber noch zu früh, sagt Houssam, der Zurückhaltendste von den dreien, mit denen die OP redet. Alle der einst 15 Schüler haben offensichtlich etwas von ihrem Aufenthalt in der Steinmühle gehabt. Einige sind nach der Mittleren Reife abgegangen, andere haben eine Ausbildung angefangen, mit der Fachhochschulreife haben wieder andere die Schule verlassen.

Medizintest soll's richten

Habib (21) ist noch da. Habib ist vielleicht der Temperamentvollste von den dreien. Und vielleicht auch der Sportlichste. Habib betreibt Taek­wondo, besitzt den schwarzen Gürtel – die höchste von insgesamt zehn Stufen. Schwarz ist nur den besten vorbehalten, Schwarz ist die Farbe der Meister. Habibs Eltern sind Afghanen und in den 1980er-
Jahren in den Iran geflohen. Habib selbst kam 2015 nach Deutschland.

Habib ist ehrgeizig, er will etwas erreichen. Direkt nach dem Abi will er studieren, BWL vielleicht, lieber aber noch Zahnmedizin oder Medizin. Mag sein, dass der Notenschnitt im Abi nicht ganz dafür reichen wird, aber Habib denkt darüber nach, über einen Medizintest doch noch einen Studienplatz zu ergattern.

Habib und Moussam vor dem „Bremer Haus“ an der Steinmühle, wo sie seit 2015 leben. Foto: Nadine Weigel

Habib ist ein offener, aufgeschlossener Mensch. Er fährt gerne mit dem Zug, um auch andere Gegenden Deutschlands kennenzulernen. Und: „Im Zug kommt man gut mit anderen Menschen ins Gespräch!“, sagt er. Wie er das macht? „Ein Gesprächsthema, bei dem jeder was zu sagen hat, sind die Verspätungen der Deutschen Bahn“, sagt der junge Mann und lacht verschmitzt.

Dabei gibt es Situationen in Habibs Leben, in denen er verzweifelt ist. Ihm droht die Abschiebung aus Deutschland, er hat keinen Aufenthaltsstatus. Afghanistan gilt weiterhin nicht als unsicheres Drittland, Habib könnte dahin abgeschoben werden – in das Land, das sein Vater mit seiner Familie wegen des Krieges mit den Taliban verlassen hat. Habib versucht das auszublenden im Alltag. „Ich gebe immer mein Bestes, um meine Ziele zu erreichen“, sagt er.

Abdallah will nicht aufs Foto

Der Dritte im Bunde ist Abdallah. Abdallah ist mit seinen 19 Jahren der Jüngste im Bunde, er ist der Beste in der Schule, auch er hat die Leistungskurse Mathe und Chemie. Und er steuert auf ein Einser-Abitur zu. Dennoch sagt er: „Ich hätte meine Zeit besser nutzen müssen!“ Grundsätzlich, so sagt er, ist er nie zufrieden mit sich.

Abdallah will sich nicht fotografieren lassen. Auch er stammt aus Syrien, seine Familie lebt im Moment in der Türkei. Eine Chance auf Familienzusammenführung gibt es derzeit nicht.

Abdallah sagt es so nicht offen heraus, aber er hat Ausländerfeindlichkeit und Rassismus erlebt. Nicht in Marburg, sondern auf Verwandtenbesuch in Sachsen. Abdallah will Arzt werden. Und er will in Deutschland bleiben. In Marburg? „Warum nicht ?“

von Till Conrad