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Marburg Marburgs neuer Friedshofswärter ist eine Frau
Marburg Marburgs neuer Friedshofswärter ist eine Frau
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14:00 29.09.2020
Friedhofswärterin Julia Schiller steht vor der Kapelle auf dem Friedhof in Ockershausen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Julia Schiller ist eine taffe Frau. Mit ihren 23 Jahren behauptet sie sich gerade in einer absoluten Männerdomäne, ist wohl die einzige Friedhofswärterin in Deutschland. So richtig interessiert sie dieses Alleinstellungsmerkmal nicht. Julia Schiller möchte einfach ihren Job machen, „und der ist anspruchsvoll“, weiß ihr Kollege Sascha Bouta. „Wir tragen eine Menge Verantwortung, sowohl vor, während und nach der Bestattung“, sagt er und gibt zu: „Der Job lässt einen auch nach Feierabend nicht immer los. Wir sind alle nicht aus Stein.“

Zwei Trauerfeiern hat Julia Schiller schon alleine vorbereitet. Sie steht dann im engen Kontakt mit den Bestattern, hilft ihnen, in der Trauerhalle alles herzurichten – Gesangbücher, Kerzen, Blumen, Deko, Musik. „Meine Mutter hat mich als Kind schon mit zu Beerdigungen genommen. Das kommt mir jetzt zugute. Der Tod gehört für mich zum Leben dazu“, sagt die Marburgerin ganz selbstverständlich.

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Allerdings stand Friedhofswärterin nicht so wirklich auf ihrer Berufsliste, ist sie ehrlich. Nach dem Abitur ließ sie sich zur Floristin ausbilden. „Alle meine Mitschüler haben studiert und waren überrascht über meine Wahl. Aber als ich ihnen erklärt habe, dass mir das Spaß macht, haben sie es akzeptiert.“

Denn die Liebe zu den Pflanzen hat sie schon ganz früh entdeckt, zu Hause im heimischen Garten. Mittlerweile hat sie ihren eigenen, den sie nach Feierabend hegt und pflegt. Denn als sie endlich Floristin war, ließ sie sich noch zur Blumen- und Ziergärtnerin ausbilden. Für Günter Krebs, ihren Abteilungsleiter beim Dienstleistungsbetrieb, ist Julia Schiller sein „ganzer Stolz. Sie ist hochgradig flexibel, bindet wunderschöne Blumensträuße und Kränze. Und die Bestatter haben sie auch akzeptiert, sie mit offenen Armen empfangen.“

Günter Krebs hatte die Marburgerin mit seiner Idee, sie als Nachfolgerin eines ausgeschiedenen Kollegen einzusetzen, völlig überrumpelt. „Mein erster Gedanke war: Was will er jetzt wieder“, berichtet Julia Schiller lachend. Aber nach einer Nacht Bedenkzeit hatte sie ihm schon zugesagt. „Ich hoffe ja, dass sie noch ihre Technikerin und Meisterin macht. Für mich gehört sie in eine Führungsposition“, verrät der Abteilungsleiter seine Pläne. Denn neben der Kreativität bringt sie auch viel Empathie mit. Aber vor allem eine Klarheit im Umgang mit ihren männlichen Kollegen. „Sie hinterfragt viel und hat das Können, auch veraltete Strukturen aufzubrechen“, ist sich Günter Krebs sicher. Und wenn ein Kollege ihr Können doch mal hinterfragt, dann setzt sich Julia Schiller einfach auf den Schlepper und rangiert den Anhänger allein auf den schmalen Friedhofswegen. „Sie ist voll akzeptiert“, betont ihr Chef noch einmal.

Und wie sieht Julia Schiller ihren neuen Job? „Die Kollegen helfen mir bei neuen Situationen, ich kann sie immer fragen. Sie geben mir immer das Gefühl: Ich bin nicht allein“, sagt die neue Friedhofswärterin, die sich mit vier weiteren Kollegen die Arbeit auf den 21 Friedhöfen mit den 15 Kapellen in Marburg teilt. Nicht selten finden an einem Tag mehrere Trauerfeiern statt, die sie vorbereiten muss. „Und mir darf dabei kein Fehler passieren“, weiß sie um die Verantwortung an so einem schwierigen Tag für die Trauergesellschaft. „Aber es ist auch eine Ehre, Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten zu dürfen.“ Abschalten kann sie in ihrem Garten oder in der Gärtnerei. Hat sie eine Lieblingsblume? „Nein, dafür gibt es zu viele“, sagt sie lachend.

Von Katja Peters