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Marburg „Wir haben gelernt, wie man Aggression kontrolliert“
Marburg „Wir haben gelernt, wie man Aggression kontrolliert“
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07:58 22.03.2021
Juko-Mitarbeiterin Lisann Ames im Gespräch mit einem 21-Jährigen, der am Sozialen Trainingskurs teilgenommen hat. Plexiglasscheiben sorgen in den Räumen der Juko dafür, dass Gespräche vor Ort trotz Corona möglich sind.
Juko-Mitarbeiterin Lisann Ames im Gespräch mit einem 21-Jährigen, der am Sozialen Trainingskurs teilgenommen hat. Plexiglasscheiben sorgen in den Räumen der Juko dafür, dass Gespräche vor Ort trotz Corona möglich sind. Quelle: Stefan Dietrich
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Marburg

Der junge Mann lächelt gerne, wenn er erzählt – vielleicht gerade deshalb, weil es um ein unangenehmes Thema geht: Wegen Körperverletzung stand er mehrfach vor Gericht. Zunächst musste er deshalb Arbeitsstunden ableisten, dann wurde er zu einem Sozialen Trainingskurs für straffällig gewordene Jugendliche geschickt. „Wir haben gelernt, wie man Aggression kontrolliert“, erzählt der 21-Jährige über den Kurs bei der Juko Marburg. „Wir haben uns darüber unterhalten, dass man das trainieren muss.“

Der Kurs habe ihn zum Nachdenken gebracht, berichtet der Heranwachsende. Zum einen schon deshalb, weil er in der Zeit etwas anderes hätte tun können, zum Beispiel arbeiten – wenn er nicht straffällig geworden wäre. Zum anderen habe der Kurs den Teilnehmern auch geholfen, weniger aggressiv zu reagieren: „Wir denken jetzt nach, bevor wir etwas tun, ob das auch gut für uns ist“, erzählt der 21-Jährige. „Was kann ich tun, wenn ich in der Situation bin, dass ich mich beruhige?“

14 Gruppensitzungen und Einzelgesprächen

Junge Menschen wie er, die von der Jugendgerichtshilfe zu den Sozialen Trainingskursen der Juko geschickt werden, sind in der Regel wiederholt straffällig geworden. Manche schwänzen zudem die Schule, andere haben Drogenprobleme oder massive Konflikte im Elternhaus. „Das bedarf einer genauen Bearbeitung: Was sind im Einzelfall die Ursachen für so ein Verhalten?“, sagt Juko-Geschäftsführerin Maria Flohrschütz. „Warum hast du das gemacht, warum bist du in diese Situation gekommen? Der Jugendliche muss zur Einsicht kommen und Verantwortung übernehmen.“

Die 14- bis 21-Jährigen nehmen an jeweils 14 Gruppensitzungen und 14 Einzelgesprächen teil. „Es ist ein ambulantes pädagogisches Angebot, um zu verhindern, dass härter sanktioniert werden muss“, sagt Flohrschütz. Ein Konzept, das laut Juko in den meisten Fällen wirkt. „80 Prozent sehen wir nie wieder“, komme als Rückmeldung von der Jugendgerichtshilfe, berichtet Denny Engler, Projektleiter der Jugendstraffälligenhilfe der Juko. Aber es sei „die letzte Linie“ für die Jugendlichen – ansonsten kommen härtere Strafen wie zum Beispiel Jugendarrest auf sie zu.

Für Jugendliche bricht im Lockdown vieles weg

„Wichtig ist, dass zeitnah und konsequent reagiert wird“, sagt Flohrschütz über die Arbeit mit straffälligen Jugendlichen. Doch gerade die schnelle Reaktion auf das Fehlverhalten junger Menschen war mit Beginn der Corona-Krise plötzlich eine Herausforderung für die Juko. „Als der Lockdown kam, standen wir vor der Frage: Was dürfen wir überhaupt?“, berichtet Engler. Die Gespräche in den Juko-Räumen in der Neuen Kasseler Straße und die Arbeitsstunden in der Natur waren erst einmal nicht mehr möglich. Die Juko-Mitarbeiter telefonierten mit den Jugendlichen oder gingen mit ihnen spazieren, Vorgespräche fanden häufig per Video-Chat statt.

„Das Wichtigste war, Kontakt zu halten, den Jugendlichen zu signalisieren, wir kümmern uns“, sagt Flohrschütz. Denn für die Jugendlichen brach in diesem Moment noch viel mehr weg – die Schule, Kontakte mit Gleichaltrigen, Treffpunkte wie Jugendzentren und Möglichkeiten zur beruflichen Orientierung.

Sozialer Trainingskurs trotz Corona

„Ich konnte nicht einmal Praktikumsangebote kriegen“, sagt der 21-Jährige. Aber: Sein Sozialer Trainingskurs begann trotz Corona im Juni. „Ich finde es gut, dass es trotzdem stattgefunden hat, mit Masken und Abstand“, sagt er. „Im Juni hatten wir schon eine gewisse Routine“, ergänzt Juko-Mitarbeiterin Lisann Ames, die ihn betreut hat, „wir mussten zum Glück nur wenige Termine absagen“. Für die Gespräche mit den Jugendlichen hat die Juko die Tische mit Plexiglasscheiben versehen.

Wer hinter der Scheibe sitzt, darf den Mund-Nasen-Schutz abnehmen – damit man im Gespräch die Mimik sieht. Alle 30 Minuten wird gelüftet, die Räume werden regelmäßig desinfiziert. Und die Corona-Situation der Jugendlichen ist jetzt Teil der Kurse und Einzelgespräche der Juko – ihre Befürchtungen, ihre noch größeren Schwierigkeiten in der Schule und bei der beruflichen Orientierung, aber auch die Corona-Regeln. „Wir wollen verhindern, dass diejenigen, die sowieso schon abgehängt sind, noch weiter abgehängt werden“, sagt Flohrschütz.

Froh über Arbeitsstunden

„Der eine oder andere Jugendliche war froh, dass er Arbeitsstunden ableisten und mit anderen Jugendlichen zusammen sein konnte“, meint Engler über die Situation in der Pandemie. „Für die meisten war das ein Geschenk.“ Arbeitsstunden müssen meist Jugendliche leisten, die mit kleinen Delikten erstmals straffällig werden, auch notorische Schulschwänzer sind dabei.

Sie arbeiten am Wochenende meist im Freien, schneiden zum Beispiel Büsche oder sammeln Müll ein, oft im Freizeitgelände Stadtwald und anderen Waldgebieten. Wegen der Hygiene-Regeln in der Pandemie musste die Juko nun an jeder Einsatzstelle dafür sorgen, dass Waschgelegenheiten vorhanden sind – was im Wald alles andere als selbstverständlich ist. „Die Kollegen haben tagelang rumtelefoniert“, berichtet Engler.

Ziel ist Wiedergutmachung

Maximal 15 Jugendliche können derzeit in einer Gruppe arbeiten – mit drei Betreuern. „Während der Arbeit kommt man viel mehr ins Gespräch, unterhält sich über die Straftat und andere Probleme“, erzählt Engler. „Das ist nicht nur Smalltalk, sondern wir fordern das ein und fragen: Warum bist du da?“

Das Ziel: Die Jugendlichen sollen Wiedergutmachung leisten, aber die Juko-Betreuer wollen auch herausfinden, was die Gründe für ihr Verhalten sind. Wenn zum Beispiel ein Jugendlicher nicht zur Schule geht, weil er gemobbt wird, lässt sich das Problem vielleicht durch einen Schulwechsel lösen.

Täter-Opfer-Ausgleich

Auch beim Täter-Opfer-Ausgleich seien die Betroffenen dankbar gewesen, dass sie trotz Corona persönlich zur Juko kommen konnten, berichtet Engler. „Wir konnten Gott sei Dank die Gespräche ’Face to Face’ durchführen – man muss die Leute einfach sehen“, sagt er. Der Grundgedanke dabei ist, dass die Jugendlichen lernen, mit Konflikten besser umzugehen. Das Opfer ist nicht nur Zeuge wie im Strafprozess, sondern es kann seine Sicht schildern, den Täter damit konfrontieren, Lösungen vorschlagen.

Im Idealfall kommt es zu einer Entschuldigung und zu einer Aussöhnung. Ziel ist es, dass es nicht gleich zum nächsten Konflikt kommt, wenn Opfer und Täter sich beispielsweise im Dorf erneut begegnen. „Das Projekt ist immer noch innovativ“, hebt Flohrschütz hervor, „obwohl es das in Marburg schon lange gibt. Und jeder Täter, der so etwas nicht wieder tut, ist gut für den Opferschutz.“

Opferschutz durch Prävention

Opferschutz durch Prävention – dieses Ziel steckt auch hinter den Sozialen Trainingskursen und den Arbeitsstunden-Projekten. Deshalb geht es für die Juko auch darum, die straffällig gewordenen Jugendlichen so zu stärken, dass sie nicht wieder straffällig werden. Die Juko-Mitarbeiter unterstützen sie zum Beispiel beim Erreichen eines Schulabschlusses oder beim Übergang in den Beruf.

So wie dem 21-Jährigen, der derzeit eine Berufsvorbereitende Schule besucht. „Ich will Rettungssanitäter werden, habe aber keinen Schulabschluss“, sagt er. „Die Juko hat mir geholfen, dass ich wieder eine Schule besuche. Ich hoffe, dass ich Ende des Jahres eine Ausbildung anfangen kann.“

Jahresbilanz der Juko

Der Verein Juko Marburg wurde 1986 gegründet und hat zwei Abteilungen: Jugendkonflikthilfe und Jugendkompetenznetzwerk. Eine Bilanz der Projekte in der Jugendstraffälligenhilfe im vergangenen Jahr laut Tätigkeitsbericht der Juko:

249 Jugendliche und Heranwachsende wurden der Juko vom Jugendamt zur Ableistung gerichtlich auferlegter Arbeitsstunden zugewiesen – davon 63 junge Frauen und 186 junge Männer. Insgesamt 49 von ihnen kamen aus der Stadt Marburg, 194 aus dem Landkreis, sechs wurden von anderen Jugendämtern zugewiesen. 138 Jugendliche und Heranwachsende haben ihre Arbeitsstunden erfolgreich beendet, sechs haben sie andernorts abgeleistet, neun haben sie abgebrochen. Die häufigsten Gründe für die Arbeitsstunden waren die Verletzung der Schulpflicht, Körperverletzung und Diebstahl mit jeweils mehr als 30 Fällen.

Die Jugendlichen pflegten unter anderem das Freizeitgelände der Stadt Marburg (Stadtwald) und mehrere hundert junge Bäume des Birnenhaines bei Cyriaxweimar, entfernten Büsche im „Heiligen Grund“ und bei Kehna, schnitten einen Waldrand bei Kirchhain zurück, säuberten die Zuschauertribüne für den FSV Cappel und das Gelände um die Waggonhalle. In Amöneburg entfernten sie bereits geschnittene Büsche, auf der Ruine Frauenberg sammelten sie Müll. Auch in den Juko-eigenen Betrieben, der Probier-Werkstatt und dem Bistro A Capella, können Jugendliche Arbeitsstunden ableisten.

An den Sozialen Trainingskursen, die aus Gruppensitzungen und Einzelbetreuung bestehen, wurden 37 Jugendliche und Heranwachsende betreut – davon fünf Teilnehmerinnen. Die Module behandeln die Themen Gewalt, Konflikte, Gruppen, Drogen, Straftaten, Regeln und Selbstkompetenz. Zu den häufigsten Delikten gehört Körperverletzung. Da die Kurse mehrere Monate dauern, hatte ein Teil den Kurs schon im Jahr 2019 begonnen, ein Teil beendet ihn erst 2021. Neun Jugendliche traten den Kurs nicht an oder mussten aufgrund zu häufiger Fehlzeiten gemeldet werden.

Im Bereich Täter-Opfer-Ausgleich wurden insgesamt 54 Fälle mit 122 beteiligten Personen abschließend bearbeitet. In 62 Prozent der Fälle war eine erfolgreiche Vermittlung möglich, in 17 Prozent ein Teilerfolg.

Von Stefan Dietrich