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Marburg Jugendhilfe hofft auf Öffnung
Marburg Jugendhilfe hofft auf Öffnung
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07:58 23.03.2021
Kindern und Jugendlichen fehlen im Lockdown die Kontakte mit Gleichaltrigen. Die Jugendhilfe wünscht sich eine Öffnungsperspektive.
Kindern und Jugendlichen fehlen im Lockdown die Kontakte mit Gleichaltrigen. Die Jugendhilfe wünscht sich eine Öffnungsperspektive. Quelle: dpa
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Marburg

Der Lockdown bremst in vielen Bereichen, stellt gerade für Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Schule eine Belastung dar. Die würde die Jugendhilfe gerne entschärfen, kann es aber nur begrenzt.

Der Wunsch, die Kinder- und Jugendarbeit wieder voll aufnehmen zu können, ist groß –das wurde deutlich beim Austausch zwischen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Vertretern von Jugendhilfeeinrichtungen in Marburg-Biedenkopf.

Austausch per Videokonferenz

Per Videokonferenz zwischen Landkreis und Berlin kamen die Sorgen der Vereine und Organisationen der außerschulischen Jugendhilfe auf den Tisch, die vor wachsenden Lücken bei Betreuung und Bildung warnen, sich Perspektiven wünschen. Auch die Ministerin hob hervor, wie wichtig es sei, „dass die Kinder und Jugendliche nicht aus dem Blick geraten“.

Auch wenn mit der Schließung von Schulen und Kitas zum „letzten Mittel in der Krise“ gegriffen werden musste, stehe nun die schrittweise Öffnung an. Und dabei habe das Ministerium nicht nur Schulen und Kitas im Blick, sondern auch die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe.

Einschränkung der persönlichen Entwicklung

Die Pandemie schränkt junge Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung ein, besonders prekär für Kinder und Jugendliche, die schon vor Corona – und nun erst recht – zurückstecken mussten. Etwa jene, die Gewalt in der Familie erleben, „die unsichtbaren Kinder und Jugendliche, die schon ohne Pandemie allzu oft unsichtbar sind und nun noch mehr“, berichtete etwa Sabine Schlegel von der JUKO Marburg.

Wenn das Umfeld im Lockdown die Situation der Kinder nicht mehr wahrnimmt –bislang ein wichtiger Präventionsansatz – drohen Lücken im Hilfesystem, fehlen die Kontakte und Unterstützungsangebote.

Anspruch auf Notbetreuung

Präventiv per Chat oder Telefon mit betroffenen Kindern in glaubhaftem Kontakt zu bleiben sei mehr als schwierig, wenn beim Gespräch die Eltern dahinterstehen, das Kind abschirmen. Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, brauche es eine Öffnung.

Betroffene Kinder, wo das Jugendamt ein Eingreifen als notwendig ansieht, haben generell Anspruch auf eine Notbetreuung, betonte die Ministerin. Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, etwa bei einem Arztbesuch, gibt es entsprechende Stellen, an die man sich wenden kann, beispielsweise die medizinische Kindeshotline.

Kranke Kinder erleben „Extremsituation“

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Unterstützung kranker Kinder, etwa mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen, die derzeit eine „Extremsituation“, eine „vollkommene Verstummung“ erleben müssen, berichtete Bernd Gökeler vom Verein Netzwerk für Teilhabe und Beratung (NTB). Behinderte Jugendliche oder jene, deren Eltern eine Behinderung haben, müssten stärker beteiligt und gestärkt werden.

Ein Problem sei unter anderem, dass die Schulassistenz nur geleistet werde, wenn Kinder tatsächlich in die Schule gehen. Die ambulante Versorgung habe die Regierung „nicht im Blick, ich halte das für ein großes Problem“, so Gökeler.

Teil des neuen Kinderjugendstärkungsgesetz

Giffey stimmte zu, dass Eltern oder Kinder mit einer Behinderung eine Gruppe sei, die „nicht so stark in der Öffentlichkeit steht“. Dies sei auch ein Grund, in Zukunft eine inklusive Kinder- und Jugendhilfe einzurichten, als Teil des neuen Kinderjugendstärkungsgesetz, das den Kinder- und Jugendschutz verbessern soll, zudem Heimkinder wie Kinder mit oder ohne Behinderung stärken soll.

Generell dürfe die Jugend nicht nur als Teil von Schule und Ausbildung wahrgenommen werden, sondern als eigenständige Persönlichkeiten, betonte Mirco Niebuhr vom BSF Marburg, der die Bedeutung von Coronatests im Bereich der offenen Jugendarbeit hervorhob, um vielleicht wieder spontane Treffen zu ermöglichen.

Niebuhr: Jugendliche brauchen Perspektive

Auch wenn Kitas und teils Schulen wieder geöffnet sind, es fehle die Freizeitgestaltung und der Jugendhilfe die klare Strategie: „Ich finde es wichtig, dass wir da den Jugendlichen eine Perspektive ermöglichen“, betonte Niebuhr.

Covid-19-Schnelltests stellen in vielen Bereichen Hoffnungsträger dar, von Familienpatenprojekten und Müttergruppen, die auf wieder analoge Treffen setzen, bis zu Hilfsvereinen für kranke Kinder, die sich wieder direkten Kontakt zu Familien und Kliniken wünschen.

Schnelltest maßgeblich für weitere Öffnungsschritte

Auch Giffey sieht in der flächendeckenden Anwendung von Schnelltests für den privaten Gebrauch eine maßgebliche Grundlage für weitere Öffnungsschritte, für mehr Austausch und Begegnung.

Nur wann und wie das passieren kann, das bleibt weiter ungewiss. Neben Tests seien die Impfungen wichtige Schritte für „eine Perspektive, die sich deutlich verbessern wird – wir müssen nur noch etwas Geduld haben“, versprach Giffey.

Von Ina Tannert

22.03.2021
22.03.2021