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Marburg Jugendherberge in Marburg vor dem Aus
Marburg Jugendherberge in Marburg vor dem Aus
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17:58 12.05.2020
Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Der Abriss und Neubau der Jugendherberge in Weidenhausen ist gestoppt. Angesichts der Folgen der laufenden Corona-Bekämpfung, der damit verbundenen Absage von Klassenfahrten und Schulfreizeiten bis Herbst sowie den dauerhaft bestehenden Tourismus-Beschränkungen, fehlt es am für die Bauarbeiten am Trojedamm nötigen Geld. Das teilte der Hessische Jugendherbergsverband (DJH) auf OP-Anfrage mit.

Für die Zukunft des Hauses, das eigentlich ab Sommer hätte komplett abgerissen und neu gebaut werden sollen, sehe es aktuell „sehr schlecht aus, da liegt alles für unbestimmte Zeit auf Eis“, sagt Timo Neumann, DJH-Geschäftsführer. Angesichts der schon im Normalbetrieb angespannten Finanzsituation sei das eigentliche Vorhaben, hessenweit Häuser zu modernisieren und den Investitionsstau – auch in Sanitäranlagen – anzugehen, ein „nicht leistbarer Luxus“.

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Alleine das Marburg-Haus hätte mehr als sieben Millionen Euro kosten sollen. Die Herberge in Weidenhausen, in deren Inneren viele Teile wie die Heizungsanlage bereits abmontiert sind, könne mit Blick auf die Zahlen durchaus „dauerhaft als Bau-Ruine zurückbleiben“. Denn Richtung Jahresende drohe wegen der im Frühjahr und Sommer sowie eventuell gar 2021 ausbleibenden Buchungen die Insolvenz. Selbst wenn das Geschäft wieder anlaufe, sei eine Umsetzung der Pläne in Weidenhausen „auf lange Zeit nicht möglich“, sagt er.

Damit fällt die am „Grüner Wehr“ gelegene Übernachtungs-Möglichkeit, die vor allem von auswärtigen Schulklassen und Stadtbesuchern genutzt wurde, dauerhaft weg. Eigentlich hätte sie im Frühjahr 2022 wiedereröffnen sollen.

„Wir mussten, obwohl wir so viel Energie in das Projekt und eine Zukunft für Marburg gesteckt haben, eine plötzliche Vollbremsung hinlegen. Aber ein Großprojekt ist nicht mehr umsetzbar“, sagt Neumann. Der mehrfach geänderte Bauantrag, um den es im vergangenen Jahr im Gestaltungsbeirat der Stadt und dem Ortsbeirat Weidenhausen viel Wirbel gab, habe kurz vor der offiziellen Genehmigung gestanden.

Damals äußerten sowohl Architekten als auch Anwohner massive Kritik speziell an der optischen Gestaltung, der Fassade und Dimension der geplanten Neu-Herberge. Viele bezeichneten die Entwürfe seinerzeit als „Bunker“, „Trutzburg“ oder „Kaserne“ – Neumann verwies damals schon auf die knappen Finanzen, die einen Fokus auf Zweckmäßigkeit statt Schönheit erfordern würden.

Wegen der Blockade der Gremien überarbeiteten Neumann und Co. den Entwurf im Sinne der Kritiker, Magistrat und Herbergsverband bestätigten das zuletzt auf OP-Anfrage. Seit Januar dieses Jahres ist die Herberge geschlossen.

In den vergangenen Wochen griff der Landesverband nach Neumanns Aussage auf Geld für geplante Um- und Neubauten zurück, damit es kurzfristig weitergeht. „Alle geplanten Projekte sind eingefroren“, sagt er und nennt als über Marburg hinausgehendes Beispiel Wetzlar.

An Projekt-Stopp hängen in Marburg 20 Arbeitsplätze

Die Stadt Marburg, die eigentlich mit 300 000 Euro Fördermitteln an dem Projekt beteiligt ist, scheint von dem Projekt-Stopp überrascht: Man habe keine Kenntnis von einem aktuellen Zeitplan für den Neubau, heißt es auf OP-Anfrage. Die Stadtspitze verweist auf das Soforthilfe-Programm des Landes. Da gemeinnützige Einrichtungen wie Jugendherbergen nur in begrenztem Maße Gewinn oder Rücklagen erwirtschaften dürften, treffe sie die vergangenen wie kommenden Ausfälle „besonders hart“, daher seien die bereits gewährten Finanzhilfen in Höhe von einer Million Euro richtig, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU). „Wir gehen davon aus, dass das enge Zeitraster für die Zuschüsse verlängert wird und man sich von Landesseite hier großzügig zeigt“, so Stötzel. Soforthilfe hin oder her: „Die Insolvenz ist so nur um wenige Wochen aufgeschoben“, sagt Neumann mit Verweis auf die monatlich identisch hohen DJH-Fixkosten. Wenn man neben den Jobs auch den sozialpolitischen Auftrag erhalten wolle, müsse „viel mehr Geld nachkommen“. Und eine Perspektive, da ein Ausfall des Reisegeschäfts unter der Corona-Pandemie auch 2021 „realistisch“ ist. Im hessischen Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks sind 32 Jugendherbergen organisiert, Marburg ist eine davon. Alle sind seit Mitte März geschlossen.

Von Björn Wisker

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