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Marburg Krisenerprobt und verantwortungsvoll
Marburg Krisenerprobt und verantwortungsvoll
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16:00 03.05.2022
Professor Benno Hafeneger.
Professor Benno Hafeneger. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

In der Zeit der „alten Bundesrepublik“ belastete die Zukunftsaussichten der Jugendlichen fast ausschließlich das Menetekel eines drohenden Krieges zwischen den beiden Supermächten USA und UdSSR mit Atomwaffen. Heutzutage muss die Jugend nicht nur mit der Rückkehr eines kriegerischen Konfliktes auf europäischem Boden leben, sondern erlebt zurzeit auch die Auswirkungen einer Pandemie und des drohenden Klimawandels.

Wie die Jugendlichen mit diesen Bedrohungen umgehen, welche Auswirkungen auf ihr Erwachsenwerden diese äußeren Einflüsse haben, darüber sprach die OP mit Professor Benno Hafeneger.

Krisen und für die junge Generation unbekannte Gefahren folgen in schnellem Tempo. Sind die Jugendlichen mit Klima, Pandemie und Krieg überfordert?

Jede Jugendzeit hat ihre spezifischen politisch-gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens, und diese sind – mehr oder weniger – krisenhaft und problembeladen. Die jeweilige junge Generation wird in ihren Zeitkontext hineingeboren; kann ihn sich nicht aussuchen und zunächst auch nicht beeinflussen.

Gibt es dafür Belege?

Aus der Geschichte der Bundesrepublik lassen sich weltpolitische, europäische und nationale Konstellationen, Krisen und Herausforderungen rekonstruieren und deren Auswirkungen bilanzieren. Dabei zeigen die zeitbezogenen Jugendstudien die jeweiligen Probleme und Sorgen, Wahrnehmungen und Befindlichkeiten, die Interessen und das Engagement der jungen Generationen auf.

Welche Rückschlüsse lassen sich daraus für die jetzige junge Generation ziehen?

Die heutige Jugend lebt in einer umkämpften und von Unsicherheit geprägten Welt, die von historischen Krisen und Konstellationen bestimmt ist, mit denen keine Generation der Nachkriegsgeschichte konfrontiert war. Die Klimakrise, die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg sind keine vorübergehenden, sondern epochale Entwicklungen, die ebenso die Zukunft der jungen Generation als auch das Zusammenleben auf unserem Planeten betreffen.

Diese drei Krisen belegen mit ihren Begriffen, Bildern und Szenarien eine mediale Dauerpräsenz, der man nicht entgehen kann und die zu verarbeiten ist. Die Jugendzeit, die bisher mit einem zuweilen gar ungezügelten Zukunftsoptimismus verbunden war, ist vor diesem Hintergrund eher gedämpft und gebrochen. Und bisher gewohnte Lebenskonzepte und Fortschrittsdenken sind infrage gestellt.

Es herrscht also Weltuntergangsstimmung?

Erste Jugendstudien aus der ersten Hälfte dieses Jahres zeigen, dass ein unbekümmertes und sorgloses Leben im „Hier und Jetzt“ – so ein Merkmal der Jugendphase – kaum noch zu leben ist. Sie zeigen, in welch hohem Ausmaß nach den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie vor allem Kriegsangst und Klimakrise die junge Generation besorgt. Sie kommentieren und fühlen, dass die sich polarisierende Welt nicht sicher ist und sie in einer ungewissen und von Dauerkrisen dominierten Zeit leben.

Gleichzeitig ist die junge Generation, weil sie keine anderen Bedingungen kennt, krisenerprobt. Bei aller Unzufriedenheit mit der Politik resignieren sie nicht, werden nicht pessimistisch oder gar nihilistisch und fatalistisch. Im Gegenteil, es handelt sich um eine grundsätzlich politisch wache und aktive junge Generation, die sich ihrer wichtigen und gestalterischen Rolle bewusst ist.

Die Krisen bieten also auch den jungen Menschen Chancen?

Viele Jugendliche besitzen ein großes Verantwortungsgefühl, entwickeln Interesse an Politik und werden – wie „Fridays for Future“ zeigt – demokratiebewusst politisch aktiv. Diesen Umgang mit Krisen gilt es, in allen Lernumgebungen aufzunehmen und zu stärken. Jugendliche dürfen mit ihren Ängsten und Sorgen nicht alleine gelassen werden. Die Jugendzeit muss – so ihr Sinn – im Kern biografisch und gesellschaftlich gestaltbar und optimistisch bleiben, zu ihr gehört weiter Mut zu haben und Optionen zu erkennen.

Die Studien, auf die sich Professor Benno Hafeneger bezieht, sind unter anderem die Trendstudie „Jugend in Deutschland“, die „Jugendstudie“ der Vodafone-Stiftung und erste Ergebnisse der JuCo III-Studie mit dem Titel „Verpasst? Verschoben? Verunsichert?“

Von Gianfranco Fain