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Marburg Landkreis sucht Pflegefamilien
Marburg Landkreis sucht Pflegefamilien
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07:58 13.08.2020
Der Landkreis Marburg-Biedenkopf sucht weitere Pflegeeltern und bietet Schulungen an. Quelle: Peter Kneffel/dpa/Archiv
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Landkreis

Wenn Kinder in prekären Verhältnissen, in schwierigen familiären Situationen leben, in denen das Wohl der Kinder gefährdet ist, dann ist die Inobhutnahme die stärkste Schutzmaßnahme der Jugendämter.

Im Zuge der Corona-Pandemie warnten Experten während des Shutdowns vor steigenden Fallzahlen häuslicher Gewalt, auch vor mehr Gewalt und Übergriffen gegen Kinder.

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Das ausgelöst in Familien, die durch Shutdown, Kurzarbeit und Krise plötzlich auf engem Raum unter verstärktem Stress stehen, während soziale Kontrollen von Außen, durch Kitas, Schulen oder Bekannte fehlten.

Statistiken und belastbare Zahlen für einen Anstieg fehlen bislang, laut Kinderschutzorganisationen liege das auch daran, dass Fälle von häuslicher Gewalt mitunter erst später öffentlich gemacht werden.

Wert im Vergleich zum Vorjahr nicht gestiegen

Zudem stammten laut des Deutschen Kinderschutzbundes vor dem Shutdown mehr als die Hälfte dieser Meldungen von Schulen, Kitas oder aus Kinderarztpraxen. Auch aus diesem Grund verzeichneten manche Jugendämter keine Zunahme oder auch einen Rückgang an Meldungen zur Kindeswohlgefährdung.

Wie das Jugendamt des Kreises auf Nachfrage mitteilt, wurden bisher in diesem Jahr – zwischen dem 1. Januar und dem 31. Juli – 49 Kinder und Jugendliche wegen akuter Gefährdung in Obhut genommen. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 88. 2018 wurden das gesamte Jahr über 71 Kinder aus Familien genommen.

Gründe für die behördliche Inobhutnahmen seien „überwiegend schwere Formen der Vernachlässigung und Verwahrlosung“, etwa bei der Hälfte der diesjährigen Fälle gab es zuvor Gefährdungsmeldungen, gefolgt von körperlichen und seelischen Misshandlungen, sowie wegen sexualisierter Gewalt.

Kreises erneuert Aufruf aus vorigem Jahr 

Der Landkreis sucht derzeit nach neuen Pflegeeltern, die Kinder aufnehmen und ein sicheres Umfeld und Zuhause bieten können. Dafür wendet sich der Kreis mit seinem Fachbereich Familie, Jugend und Soziales an Familien, Paare, Ehepaare und Einzelpersonen, die sich vorstellen können, ein fremdes Kind in ihren Haushalt aufzunehmen.

Alle Pflegeeltern werden durch eine Schulung für die Aufnahme eines fremden Kindes vorbereitet und im Rahmen einer regelmäßigen Fortbildung begleitet. Der Aufruf des Kreises an Pflegeeltern ist dabei nicht explizit durch die Pandemie entstanden, eine ähnliche Information gab es auch schon Anfang vergangenen Jahres.

Passt das Profil der Bewerber zum Kind?

Corona bleibt dennoch Thema: „Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen, auch sozialen Herausforderungen durch das Corona-Virus ist die Pflege oder Adoption von Kindern im Bedarfsfall eine wichtige Maßnahme für die Sicherstellung des Kindeswohls“, betonen sowohl Landrätin Kirsten Fründt wie Fachbereichsleiter Uwe Pöppler.

Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen aus Familien herausgenommen werden, passen dabei nicht zu jeder Pflegefamilie oder jeder Pflegestellenkombination. Deshalb werde in einer Schulung gemeinsam mit den Bewerbern das jeweilige Profil herausgearbeitet. Im Sinne der betroffenen Kinder brauche es künftig „auch weiterhin Personen oder Familien, die mit ihrer Bereitschaft und ihrem Engagement Kindern in Notsituationen helfen“.

Das zeige auch die Erfolgsgeschichte von Familie Schön (Name wurde geändert). Wie der Kreis berichtet, bewarb sich das kinderlose Ehepaar 2005 um die Adoption eines Kindes, drei Jahre später konnte dem Paar ein Baby zur Adoption vermittelt werden. Im Jahr 2009 bewarben sie sich dann beim Landkreis auch um ein Pflegekind, worauf ihnen 2012 ein kleines Mädchen vermittelt werden konnte. 

Große Pflegefamilie will mehr Kinder aufnehmen

Die Eltern berichten, dass die kleine Familie über die Jahre „sehr gut“ zusammen gewachsen sei. Schon früh hätten die Eheleute ihre Kinder offen darüber informiert, dass sie adoptiert beziehungsweise als Pflegekind in die Familie vermittelt wurden. Im großen Verwandten- und Bekanntenkreis der Eheleute würden beide wie leibliche Kinder der Eheleute anerkannt und behandelt.

Und auch in Zeiten der Pandemie wolle die Familie der Gesellschaft etwas zurückgeben – nach einer gemeinsamen Familienkonferenz seien alle Beteiligten zu dem Entschluss gekommen, dass gerade „in diesen schwierigen Zeiten“ noch ein weiteres Kind einen Platz in ihrer Familie finden solle.

Weitere Informationen bieten die spezialisierten Pflegedienstfachkräfte im Jugendamt des Kreises. Kontakt: Telefon 06421/405-1431, E-Mail Moenninger-SomogyiI@marburg-biedenkopf.de oder KloetzingA@marburg-biedenkopf.de.

Kindeswohlgefährdung in Hessen 2019

Wegen des Verdachts auf Kindeswohlgefährdung haben hessische Behörden im Jahr 2019 in 14.078 Fällen eine offizielle Einschätzung abgegeben. Bei einem Drittel habe sich der Verdacht bestätigt, teilte das Statistische Landesamt in Wiesbaden mit. Demnach ergab sich bei 19 Prozent eine „akute“ und in 15 Prozent eine „latente“ Kindeswohlgefährdung. „Vernachlässigung war mit einem Anteil von 49 Prozent die am häufigsten festgestellte Gefährdung“, so die Statistiker. Unter den betroffenen Kindern und Jugendlichen waren demnach 44 Prozent unter sieben Jahre alt.

Im vergangenen Jahr waren, der Statistik zufolge etwas weniger Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre nötig: Hessische Jugendämter nahmen demnach in rund 4.100 Fällen Minderjährige vorläufig in Obhut – zwei Prozent weniger als 2018. Die Hauptgründe für eine Inobhutnahme waren demnach Überforderung der Eltern oder eines Elternteils (39 Prozent) sowie unbegleitete Einreisen von Minderjährigen aus dem Ausland (21 Prozent). Etwas mehr als die Hälfte der Betroffenen waren 14 Jahre oder älter.

Im Jahr 2019 ordneten die hessischen Familiengerichte außerdem mehr als 1.000 Maßnahmen zum vollständigen oder teilweisen Entzug des elterlichen Sorgerechts an, gut ein Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Von Ina Tannert