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Marburg Bismarckstraße soll umbenannt werden
Marburg Bismarckstraße soll umbenannt werden
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08:00 20.07.2020
Geht es nach einer Jugend-Initiative sollte die Bismarckstraße in Marburg umbenannt werden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Wir wollen die Umbenennung der Bismarckstraße im Südviertel“: Das ist die Forderung einer Marburger Initiative. Verbunden mit dem Verlangen nach einem Mahnmal für alle Opfer rechter Gewalt, steht der „Jugendverband der Föderation demokratischer Arbeitervereine“ (Didf) hinter diesem Satz. Nach dem wegen Polizeigewalt in den USA gestorbenen George Floyd, den vorangegangenen Mordanschlägen etwa in Hanau oder dem NSU in Deutschland, will die Gruppe – von türkischen und kurdischen Jugendlichen speziell für die Belange von Arbeiterkindern gegründet – nun aktiv werden.

„Das Thema Rassismus ist gerade präsent wie selten. Doch immer wenn etwas Schlimmes passiert, es Tote oder Verletzte gibt, wird eine Demo gemacht, Kundgebungen abgehalten, aber daraus resultiert nichts. Uns genügt das nicht mehr, wir wollen Taten sehen, nicht nur Zeichen setzen“, sagt Eren Gültekin, Didf-Jugend-Vorstandsmitglied im OP-Gespräch.

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Gruppe sammelt derzeit Namensvorschläge

Es sei an der Zeit, konkret zu werden – und die Umbenennung der Bismarckstraße in Verbindung mit einem nahen Mahnmal für Opfer rechter Gewalt sei der Schritt dahin. Aktuell sammelt die Gruppe Namensvorschläge, also welcher Name statt Bismarck im Südviertel Einzug halten soll. „Klar ist: Es muss um die aktuelle Zeit gehen, um aktuelle Fälle und Opfergedenken“, sagt Gültekin.

Man denke da in die Richtung der Opfer des Hanau-Attentats oder der NSU-Opfer. So, wie es in Kassel einen Halit-Yozgat-Platz gebe, solle auch in der Universitätsstadt ermordeter Migranten gedacht werden – diesmal aber eben mit einer Straße, keinem Platz.

Trotz der Kontroverse um die Person, spielt der Bismarckturm im Hasenhausviertel, der 1903 errichtete Sandsein-Bau bei der aktuellen Didf-Forderung keine Rolle – noch nicht. „Wir konzentrieren uns erst mal auf das Südviertel, weil es geografisch mehr Sinn ergibt: Die Mahnmal-Idee ist älter und soll an einem zentralen Ort umgesetzt werden“, sagt Gültekin. Da sei die Bismarckstraße näherliegender als das Denkmal im Hansenhausviertel. Aber: „Auch den Turm, die Anlage wird man diskutieren müssen.“ In Hamburg ist die dortige Bismarck-Statue bereits in den Fokus geraten: Die laufende Sanierung soll eventuell gestoppt werden, eben weil Bismarck historisch zu belastet sei.

OB Spies zeigt sich offen für Umbenennung

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) zeigt sich auf OP-Anfrage offen für den Didf-Vorschlag, die Bismarckstraße umzubenennen. „In einer geschichtsbewussten Stadt gehört dazu auch, die eigene Geschichte kritisch zu hinterfragen und im gemeinschaftlichen Austausch immer wieder einen gesellschaftlichen Konsens zu finden.“ Dass sich Marburger kritisch mit der deutschen und auch der Marburger Geschichte auseinandersetzen, sei „ein Gewinn für unser demokratisches Gemeinwohl“.

Klar sei: Die Stadt werde „Diskriminierungserfahrungen ernst nehmen“. Man werde einen Schritt wie die mögliche Umbenennung der Bismarckstraße seitens des Magistrats zwar „nicht im Alleingang entscheiden“, aber auf eine gesellschaftliche Diskussion setzen.

Aber wie schon beim Jägerdenkmal im Schüler-Park – das mit einem Kunstprojekt umstellt wird – solle das weitere Vorgehen mit Historikern, zivilgesellschaftlichen Interessengruppen und den parlamentarischen Gremien ausgemacht werden. Man könne Wege finden, wie man „Geschichte nicht ausblendet und in Vergessenheit geraten lässt, sondern kritisch betrachtet und kommentiert“.

In Marburg gibt es neben den Bismarck-Erinnerungen auch eine „Rassenschädelsammlung“ aus der Kolonialzeit, die Stücke aus dem 19. Jahrhundert lagern im Medizinhistorischen Museum der Philipps-Universität.

Ein aktuelles Forschungsprojekt unter anderem der Marburger Ethnologen soll – in der Universitätsstadt wie in Gießen – koloniale Verflechtungen in Mittelhessen aufzeigen.

von Björn Wisker

19.07.2020
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