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Marburg Ein Blick zurück in Dankbarkeit
Marburg Ein Blick zurück in Dankbarkeit
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14:59 23.03.2022
Jürgen Hertlein feiert heute seinen 80. Geburtstag.
Jürgen Hertlein feiert heute seinen 80. Geburtstag. Quelle: Foto: Thorsten Richter
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Marburg

Als Käthe Hertlein 1942 ihren Sohn Jürgen zur Welt bringt, stehen die politischen Zeichen denkbar schlecht. Der Zweite Weltkrieg ist in vollem Gange, ein größenwahnsinniger Massenmörder namens Adolf Hitler hat ein diktatorisches, vom Rassenwahn befallenes Regime etabliert, das die Menschheit mit Mord und Totschlag überzieht.

Hertleins Erinnerungen an damals sind nur schemenhaft und eben die eines Kleinkindes. „Meine Mutter hat mich bei Alarm mit in den Keller genommen“, sagt er, „und dort habe ich eine Katze gesehen. An mehr erinnere ich mich nicht.“

Seine bayerische Heimatstadt Eichstätt bei Ingolstadt bleibt allerdings weitgehend verschont von Bombenangriffen. Der evangelische Hertlein wächst dort in katholisch geprägter Umgebung auf, macht das Abitur, studiert an der katholischen Universität drei Semester Pädagogik, lässt weitere drei in Nürnberg folgen, macht den Abschluss und steigt als Junglehrer in Eichstätt ins Berufsleben ein. Als ihn in den 60er-Jahren sein Nachbar, ein in München tätiger Blindenlehrer, fragt, ob er nicht auch diesen Beruf ergreifen wolle, ist seine Neugier geweckt: „Ich habe mich in vier Semestern zum Blinden- und Sehbehindertenlehrer ausbilden lassen und sollte zunächst in München tätig werden.

Nach Würzburg kam Marburg

Doch es ergab sich, dass eine Stelle in Würzburg frei wurde, und ich bin dorthin gezogen.“ Die ersten fünf Jahre ist er als Lehrer tätig. Dann übernimmt er für weitere fünf Jahre die Leitung der Blindeninstitutsstiftung, für die ein Neubau geplant ist. Die Grundsteinlegung hat Hertlein noch mit initiiert, als sich aus einem traurigen Anlass sein beruflicher Weg in Richtung Marburg wendet. „Der dortige Chef der Blindenstudienanstalt war gestorben, und ich habe mich auf Anraten des damaligen Vorstandsvorsitzenden auf diese Stelle beworben“, erinnert sich Hertlein. Er habe lange überlegt, diesen Schritt zu tun, und erst am letzten Tag der Bewerbungsfrist seine Unterlagen mit einem dezidierten Konzept eingereicht. Das muss überzeugend gewesen sein, denn er erhält unter 50 Bewerbern den Zuschlag. Es folgen „30 wunderschöne Jahre“ bis zum Eintritt in den Ruhestand an der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) Marburg, einer internationalen Einrichtung mit etwa 400 Mitarbeitern und etwa 200 bis 250 Schülerinnen und Schülern, die das Abitur als Abschluss anstreben.

Unter Hertleins Regie, der vor allem für die Organisation und Finanzierung zuständig ist, entsteht ein neues Wohnkonzept, das von der Grundidee getragen wird, dass die Schüler der Blista innerhalb der Kommune wohnen und nicht zentralisiert. „Dieses Konzept funktioniert noch heute“, sagt Hertlein, in dessen Zeit überdies eine neue Werkstatt für Blindenschrift entsteht und entsprechende Druckmaschinen hergestellt werden, die in alle Welt verschickt werden. „Ich war sehr viel in Europa, Afrika, Asien und den Vereinigten Staaten sowie einige tausend Kilometer in Deutschland unterwegs, um unser Haus und unsere Produkte zu repräsentieren“, betont er.

„Ich habe immer gerne Platz für Jüngere gemacht“

Gerne blickt er auf die Zeit zurück, in der er unter anderem zehn Jahre lang der stellvertretende Landesvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist und weitere zehn Jahre das Amt des Vorsitzenden des Paritätischen Bildungswerkes Hessen versieht. In bester Erinnerung bleiben ihm die Besuche der Bundespräsidenten Roman Herzog und Horst Köhler, dessen Tochter an der Blista ihr Abitur gemacht habe: „Der Umgang dieser Repräsentanten unseres Staates mit den Schülern war von Natürlichkeit und höchster Anerkennung geprägt.“ Allerdings seien die Personenschützer von Herzog vorübergehend ein wenig nervös gewesen, als der Präsident in einem völlig dunklen Blinden-Café etwas länger verweilte, sich jedoch nicht verirrt hatte, sondern sich ausführlich habe informieren lassen.

Die Rückschau auf sein Berufsleben erfülle ihn mit Dankbarkeit. Die ist auch ihm gegenüber vermittelt worden. Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen werden ihm zuteil. Hertlein erhält unter anderem das Bundesverdienstkreuz, den Ehrenbrief des Landes Hessen, die Goldene Ehrennadel des Behindertensportverbandes und die Goldene Ehrennadel des Landessportbundes. Aktuell ist er im Ehrenamt Vorsitzender der Seeber’schen Stiftung, die zugunsten der Blista tätig ist. Niedergelegt hat er 2021 seinen Vorsitz im Sportkreis Marburg-Biedenkopf, den er zehn Jahre lang geführt hat. Die Spiele der Bundesliga-Basketballerinnen des BC Marburg, dessen Präsident er bis 2018 ist, verfolgt er nun als Ehrenpräsident – nicht mit weniger Eifer als zuvor. Auch sein spätes parteipolitisches Engagement als Mitglied des Magistrates der Stadt Marburg hat der Sozialdemokrat inzwischen beendet. „Ich bin nie abgewählt worden“, sagt Hertlein mit ein wenig Stolz, „ich habe immer gerne Platz für Jüngere gemacht.“

Jetzt genießt er den Ruhestand und bereist mit seiner Ehefrau Christa Deutschlands Berge und Seen. Doch sein Interesse am Geschehen im Landkreis und in der aktuellen Politik bleibt erhalten. Auch Hertlein sieht mit Sorge, was sich in der Ukraine abspielt, wo sich einmal mehr ein geltungssüchtiger Diktator namens Putin mit Mord und Totschlag an den Menschen vergeht.

Von Bodo Ganswindt

23.03.2022
23.03.2022