Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Seit 1700 Jahren ist Judentum in Deutschland belegt
Marburg Seit 1700 Jahren ist Judentum in Deutschland belegt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:18 05.01.2022
Eine Fahne „Jüdisches Leben“ weht an der Kugelkirche.
Eine Fahne „Jüdisches Leben“ weht an der Kugelkirche. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Wie lange Juden schon in Deutschland siedelten, weiß man nicht. Aber im Jahre 321, am 11. Dezember, wird das Judentum zum ersten Mal urkundlich erwähnt: 11. Dezember 321, als ein Edikt Kaiser Konstantins die Berufung von Juden in Ämter der Stadtverwaltung von Köln gestattete. Dieser Anlass wurde und wird gefeiert, Corona-bedingt auch noch 2022. Denn einige wichtige Veranstaltungen im eigentlichen Jubiläumsjahr 2021 fielen der Pandemie zum Opfer, unter anderem ein Konzert mit der Komponistin und Violinistin Martina Eisenreich. Darauf weist Klaus Dorn, Co-Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und Pressesprecher der jüdischen Gemeinde, hin.

Das Konzert mit Eisenreich soll so schnell wie möglich nachgeholt werden. „Eigentlich hätte man aber auch ein Gedenkjahr anberaumen können oder müssen“, sagt Dorn: Die Anlässe zur Verfolgung und die Pogrome selbst scheinen endlos. Die Juden wurden in den Kreuzzügen verfolgt. Weitere schwere Verfolgungen ereigneten sich in Kriegs- und Pestzeiten wie auch in Zeiten der Aufklärung. Juden wurden verfolgt, gedemütigt, mussten Sondersteuern zahlen. Im Ersten Weltkrieg meldeten sich Juden in großer Zahl zu den Waffen und nahmen zugunsten des Kaiserreiches am Ersten Weltkrieg teil. Selbstverständlich war dies nicht, denn es konnte sein, dass ein deutscher Jude seinen Glaubensbruder in der französischen, englischen oder amerikanischen Armee tötete.

Jahrhunderte lang gab es „nur“ den Antijudaismus, die Verfolgung von Juden aus religiösen Gründen, die Verfolgung als Gottesmörder, berichtet Dorn. Mit der Kolonialisierung, dem Beginn eines weltweiten Handels und der daraus resultierenden Begegnung mit Menschen aus „fernen Ländern“ entstand der Rassegedanke, aus dem im Zuge der Versklavung von Menschen aus Afrika und indigener Völkern v.a. in Mittel- und Südamerika, der Gedanke der Überlegenheit der weißen Rasse geboren wurde. „Diese Gedanken machten vor dem Judentum nicht halt und führten zu einer Haltung, die man als Antisemitismus bezeichnet.“

Unterschwellig war dieser schon lange vor den Nationalsozialisten bekannt. Die Nationalsozialisten stempelten sämtliche Juden, denen sie habhaft werden konnten, zu Schmarotzern und Volksfeinden ab, mit den allen hinlänglich bekannten Folgen des Völkermordes.

Dabei vergisst man jedoch Blütezeiten des Judentums in Europa, wie auch in Deutschland. Man vergisst große Denker und Philosophen, berühmte Ärzte, großartige Maler und Musiker, angesehene Lehrer an deutschen Universitäten und nicht zuletzt weltbekannte Gelehrte, die Deutsche waren, als Juden verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden oder von sich aus fliehen konnten. Es gibt eine seit dem frühen Mittelalter kaum unterbrochene Kette von bedeutenden jüdischen Ärzten, viele von ihnen als Leibärzte großer Herrscher, Psychologen wie Sigmund Freud, Künstler wie Max Liebermann, Politiker wie Karl Marx und nicht zuletzt Naturwissenschaftler, deren berühmtester bis heute Albert Einstein ist. Ihrer will das Jubiläumsjahr nicht nur gedenken, sondern diese Menschen auch feiern.

Von Till Conrad