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Marburg „Gemeinsam“ in die Zukunft
Marburg „Gemeinsam“ in die Zukunft
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10:00 01.09.2020
„Gemeinsam e.V.“ nennt sich die Marburger Gemeinschaft für Jüdisch-Muslimischen Dialog. Das Foto zeigt Mitglieder vor dem Landgrafenschloss.
„Gemeinsam e.V.“ nennt sich die Marburger Gemeinschaft für Jüdisch-Muslimischen Dialog. Das Foto zeigt Mitglieder vor dem Landgrafenschloss. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

Gründungsmitglieder des Vereins „Gemeinsam – Marburger Gemeinschaft für Jüdisch-Muslimischen Dialog“ begrüßen sich im Bückingsgarten herzlich bei der Präsentation ihres bereits im Februar gegründeten Vereins. Man kennt sich, man respektiert sich, in den vergangenen Jahren des Dialogs zwischen Vertreten der beiden Weltreligionen sind längst Freundschaften zwischen Marburger Juden und Marburger Muslimen entstanden. Dies ist ungewöhnlich, stehen sich Juden und Muslime im Nahen Osten doch nach wie vor unversöhnlich gegenüber. Und dieser oft kriegerisch ausgetragene Gegensatz prägt oft auch das Verhältnis zwischen beiden Seiten in anderen Regionen der Welt.

In Marburg ist dies anders und soll dies anders bleiben. „Wir können das Palästina-Problem nicht in Marburg lösen. Beide Völker haben das Recht auf einen eigenen Staat, auf Frieden“, sagt pragmatisch etwa der Herzchirurg Dr. Hamdi Elfarra von der Islamischen Gemeinde Marburg.

Der Marburger Arzt, Professor Bilal El-Zayat, Vorsitzender der islamischen Gemeinde, und Monika Bunk, bis zu ihrer überraschenden Abwahl viele Jahre lang Vize-Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Marburg, haben bereits im vergangenen Jahr Nägel mit Köpfen gemacht und einen Kooperationsvertrag zwischen beiden Gemeinden geschlossen. Das Projekt, das Vorurteile abbauen sollte, wurde 2019 mit einem Hessischen Integrationspreis ausgezeichnet.

Verein im Februar gegründet

„Warum nicht weitermachen?“, fragten sich Bilal El-Zayat und Monika Bunk. Am 25. Februar gründeten sie „Gemeinsam e. V.“ Zu den Gründungsmitgliedern der „Marburger Gemeinschaft für Jüdisch-Muslimischen Dialog“ gehören unter anderem Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, sein Vorgänger Egon Vaupel und die Marburger Ehrenbürgerin Schwester Edith Ludwig an. „Dies zeigt auch den starken Rückhalt, den der muslimisch-jüdische Dialog in der Stadtgesellschaft hat“, betonen Bunk und El-Zayat. Monika Bunk ergänzt: „Marburg ist bunt, Marburg ist weltoffen, in Marburg will man miteinander reden.“

Marburger Motoren des Dialogs waren schon in den 1980er Jahren Faruk El-Zayat und Amnon Orbach, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Orbach, heute 91 Jahre alt, begrüßt den jungen Verein: „Er ist eine Verbindung zwischen Völkern und Religionen. Wir haben das Verständnis und den Willen, zusammenzuarbeiten und zusammenzusein.“

Der neue Verein will „den bestehenden Dialog auf ein noch breiteres Fundament stellen und mit Unterstützung von Marburger Bürgern aus den unterschiedlichsten Bereichen der Zivilgesellschaft noch viel mehr Menschen erreichen“, heißt es in einem Papier vom Verein Gemeinsam.

Religionsgespräch als Vorbild

Das Ziel der 17 Gründungsmitglieder: „Unsere Gesellschaft der Zukunft wird eine vielfältige, diverse sein, in der gute nachbarschaftliche Beziehungen zwischen Menschen aller Kulturen und Religionen der Schlüssel für ein gelingendes Zusammenleben und erfolgreiches Voranbringen unserer Gesellschaft sind“.

Bilal El-Zayat findet in der Marburger Geschichte ein Vorbild für den Dialog der rund 300 Juden und rund 5000 Muslime in Marburg und verweist auf das Religionsgespräch vor fast 500 Jahren. Damals rückten die Reformatoren Martin Luther, Ulrich Zwingli, Philipp Melanchthon und Johannes Oekolampad Marburg für einen Moment ins Zentrum der Weltpolitik. El-Zayat betont: „In Marburg herrscht ein akademischer Zug. Streitgespräche, Austausch, Diskussionen und auch Kritik sind hier Teil des Alltags.“

Mit Blick auf andernorts bisweilen feindselige Differenzen zwischen Juden und Muslimen meint er: „In Marburg pflegen wir einen ganz anderen Umgang. Es gibt auch bei den Stadtvätern einen politischen Willen zum Austausch.“ So hofft auch Monika Bunk von der jüdischen Gemeinde: „,Gemeinsam’ kann ein Leuchtturmprojekt über Marburg hinaus sein.“

von Uwe Badouin

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