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Marburg 100 Jahre Studentenfutter und Wohnheime
Marburg 100 Jahre Studentenfutter und Wohnheime
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14:00 22.02.2021
Das Küchenteam der Alten Mensa aus dem Jahr 1934.
Das Küchenteam der Alten Mensa aus dem Jahr 1934. Quelle: Studentenwerk
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Marburg

„Die Anfänge des Marburger Studentenwerks waren gekennzeichnet von den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, es ging schlicht auch um die Sicherung des Überlebens“, so beschreibt Geschäftsführer Dr. Uwe Grebe die Gründungsphase. Bereits 1920 wurde in Marburg die sogenannte „mensa academica“ unter der Bezeichnung „Studentenheim“ eröffnet und verköstigte täglich etwa 150 Studierende. Doch erst ein Jahr später erfolgte der offizielle Schritt: Am 22. Februar 1921 wurde mit der Satzung für den Verein „Studentenheim Marburg e.V.“ offiziell das heutige Studentenwerk Marburg gegründet. Ein Jahr später erwarb der Verein das Haus in der Reitgasse 11, das heute noch als „Alte Mensa“ in Marburg bekannt ist. Es wurde bis zum Bau der Mensa am Erlenring im Jahr 1962 als Studentenheim mit Mensa, Lese-, Schreib- und Aufenthaltsräumen genutzt.

Dann ging es Schlag auf Schlag. So wurde das Bettinahaus in der Sybelstraße schon 1924 für den Verein erworben, und zur 400-Jahrfeier der Universität 1927 wurde das Studentenwohnheim Carl-Duisberg-Haus unweit des Landgrafenschlosses gestiftet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Studentenwerk 1947 eine zweite Mensa in der Gutenbergstraße. Und im Hungerjahr 1946/47 war mit der Schriftstellerin Christine Brückner eine spätere Berühmtheit für zwei Semester Mensa-Leiterin in Marburg, die in einem Erinnerungsartikel unter anderem auf ihr gutes Verhältnis zum Pferdemetzger in Marburg verwies. Zudem verwertete sie die Küchenabfälle der amerikanischen Offiziere für das Mensaessen.

Grundstein für Studentendorf wurde 1961 gelegt

Für das Studentendorf im Waldtal wurde 1961 der Grundstein gelegt. Schon damals gab es 820 Wohnheimplätze, die Zahl hat sich noch erhöht. Weitere Besonderheiten nahmen ebenfalls in den 60er Jahren Gestalt an. So wurde die Uni-Kindertagesstätte 1965 in die Trägerschaft des Studentenwerks übernommen und sie ist somit die älteste Einrichtung dieser Art in einem westdeutschen Studentenwerk. Auch das 1969 eingeweihte Konrad-Biesalski-Haus, ein Wohnheim für behinderte Studenten, war deutschlandweit zunächst einmalig. Zur Jahrtausendwende verfügte das Studentenwerk über 2155 Wohnheimplätze. Tendenz danach: leicht steigend.

Geschäftsführer Grebe fasst die vergangenen 100 Jahre so zusammen: „Welch ein Wandel von der Großbuchbinderei, der akademischen Waschanstalt, der Schuhreparaturwerkstatt, der Schreibmaschinenstube, 6-Bett-Zimmern und Suppenküche hin zu Sozialberatung, Kinderbetreuung, Ausbildungsförderung, Apartments mit schnellem Internet und eigenen Bädern, Betreuung Studierender mit Behinderung und einer Ernährungsvielfalt mit regionalen Produkten und täglich veganen Menüs. Unser Spektrum hat sich gewandelt, aber die Bereitstellung der sozialen Infrastruktur bestimmt nach wie vor den Erfolg eines Studiums.“

Geplant waren eigentlich in diesem Jahr größere Feierlichkeiten. Übrig blieb eine Woche mit Geburtstagsessen auf dem Speiseplan für die Speisen to go. Weil die große Feier zum großen Jubiläum aufgrund der noch anhaltenden Corona-Pandemie ausfallen muss, stellt sich das Studentenwerk Marburg in einem Video-Clip und einer ausführlichen Chronik vor. Beides findet sich auf der Homepage www.studentenwerk-marburg.de

Von Kartoffelpuffern zum Lahnberg-Burger

Um die vergangenen Jahrzehnte auch ganz plastisch Revue passieren zu lassen, laden die Küchenteams der beiden Mensen die Studierenden und Gäste in dieser Woche auf eine kleine Zeitreise ein: Eine Woche lang werden täglich Menüs aus verschiedenen Jahrzehnten angeboten. Alles allerdings wegen der Corona-Vorgaben nur zum Mitnehmen.

Den Anfang macht direkt der Geburtstags-Montag mit herzhaften Gerichten aus den 20er- und 30er-Jahren. Auf dem Speiseplan stehen Mett-Kartoffelfrikadellen mit Wirsing und vegane Kohlrouladen mit Steckrübengemüse. „Aufgrund der Mangelwirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg war zu Beginn der 20er-Jahre die Bevölkerung auf die Zutaten angewiesen, die verfügbar waren. Kohlgemüse und Kartoffeln sowie alle Arten von Fleischresten wurden verwertet, wo immer es möglich war“, erläutert Stefan Heinisch vom Team Hochschulgastronomie, der zu den zeitgeschichtlichen Rezepten recherchiert hat. Mitte der 1920er-Jahre habe sich das Ernährungsverhalten verändert. Hochwertigeres Fleisch wurde mehr und mehr wieder Teil der alltäglichen Ernährung. Der kriegsbedingte Mangel an Lebensmitteln verschob im Laufe der 30er-Jahre wieder den Fokus auf Kartoffeln, Kohl und Rüben als Hauptnahrungsmittel.

Am Dienstag stehen die 40er- und 50er-Jahre im Fokus: Auf dem Speiseplan stehen Falscher Hase mit Erbsen-Möhrengemüse und Kartoffelstampf sowie als veganes Gericht Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Das Gericht „falscher Hase“ stammte aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Hasenbraten war zu der Zeit ein sehr beliebter Sonntagsbraten, aufgrund der mangelnden Verfügbarkeit aber kaum zu bekommen. Also improvisierte man und vermischte Hackbraten mit einem Ei, nannte das Gericht „falscher Hase“ und schon hatte man einen günstigen Sonntagsbraten.

Der Kartoffelpuffer (oder Reibekuchen) passte während und zum Ende des 2. Weltkrieges perfekt in das Bild der „deutschen Küche“, waren doch Kartoffeln noch verfügbar. Sehr beliebt war Apfelmus als Beilage, da auch Äpfel vergleichsweise leicht zu bekommen waren, auch aus dem eigenen Garten.

Am Mittwoch steht alles im Zeichen der 60er- und 70er-Jahre. Es gibt Wiener Backhendl mit Kartoffelsalat sowie Spaghetti mit Tomatensoße, dazu Salat (vegan).

„In Österreich lange einer wohlhabenderen Schicht vorbehalten, spiegelt das Wiener Backhendl den Zeitgeist der 60er Jahre wieder“, berichtet Stefan Heinisch. Nach langen Jahren des Hungers sollte das Essen möglichst opulent und fleischhaltig ausfallen.Spaghetti mit Tomatensauce sei lange vor allem ein „Arme-Leute-Essen“ gewesen, da die Zutaten meistens nicht sehr teuer waren und die Zubereitung dieses Gerichts nicht sonderlich aufwendig war. In Deutschland wurde die Speise vor allem durch den Zuzug zahlreicher italienischer Einwanderer in den 1960ern verbreitet.

Am Donnerstag heißt es Essen wie in den 80er- und 90er-Jahren: Es gibt Rippchen mit Kraut und Püree sowie (ein wenig abgewandelt) eine „vegane Mantaplatte“ – also eine vegane Currywurst mit Pommes.

„Frankfurter Rippchen waren ein Ausdruck der Essensentwicklung zwischen Rückbesinnung auf klassische Gerichte und dem Versuch, sich „light“ zu ernähren“, erläutert Heinisch.Die Mantaplatte wiederum ist ein klassisches Schnellimbissgericht aus dem Ruhrgebiet, berühmt geworden durch den Film „Manta Manta“ (1991) - zusammen mit dem Fuchsschwanz am Auto. Die Currywurst mit Pommes, Ketchup und Mayonnaise war und ist ein beliebtes Gericht an allen Schnellimbissbuden. Passend zum einsetzenden Trend der stärker gesundheitsbewussten Ernährung gibt es in der Mensa das Gericht als vegane Variante.

Den Abschluss macht der Freitag mit Essen der 2000er- und 2010er-Jahre. Es gibt Lahnberg-Burger mit Pommes sowie die veganen Chinanudeln to go. Dazu schreibt Heinisch: „War der Burger lange Zeit ein Produkt der großen Fast-Food-Ketten, ist seit den frühen 2010er-Jahren zu beobachten, dass auch dabei immer größerer Wert auf Individualität gelegt wird. Burger sollen nicht mehr von der Stange kommen, sondern etwas Besonderes, Individuelles bieten“.

Von Manfred Hitzeroth