Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Seine Mission: Airlines die Flügel stutzen
Marburg Seine Mission: Airlines die Flügel stutzen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:00 12.08.2019
Stellt eine Flugverbots-Petition an die EU: Der Marburger Verkehrsaktivist Dr. Johannes M. Becker. Quelle: Björn Wisker
Marburg

Johannes M. Becker hat viele Rollen. Wissenschaftler, Musiker, Vater, vor allem aber ist er Kämpfer. Ein Kämpfer für die Verkehrswende, für einen Umstieg von ­Auto und Co. auf umweltschonendere Transportmittel. Jetzt hat er es von Marburg aus auf den Flugverkehr abgesehen. Mit einer Online-Petition wendet er sich an das Europäische Parlament.

Angesichts der Klimakrise sollen künftig Flugreisen in Länder, die auf andere Art und Weise – vor allem per Bahn – ebenso gut zu erreichen wären, verboten werden. Konkret: Innerdeutsche Flüge, Reisen nach Frankreich, eigentlich nach ganz Mittel- und in Teile Südeuropas. „Klar können wir weiterhin fliegen, aber dann gibt es dort, wo wir hinwollen, eben keine Strände mehr“, sagt Becker mit Verweis auf den ansteigenden Meeresspiegel.

Klimaretter-Tipps

  • Experten-Anregungen: Der Umweltverbands-Zusammenschluss „Muttererde“ hat viele Ratschläge für Klimaschutz im Alltag parat.
  • Autos leihen: Carsharing ist eine hervorragende Alternative für alle, die nur gelegentlich ein Fahrzeug nutzen. Das ist praktisch, soll aber nicht dazu einladen nun einfach ins Auto zu hüpfen, anstatt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder Fahrrad zu fahren.
  • Lastenfahrrad nutzen: Mit Lastenrädern, die es auch in Marburg zum Ausleihen gibt, bringen Sie Ihren Großeinkauf umweltbewusst nach Hause. Und das abendliche Fitnessprogramm sparen Sie sich auch.
  • Fahrgemeinschaften: Fragen Sie doch bei Ihren­ Nachbarn oder Kollegen nach, ob sie nicht manchmal den gleichen Weg haben. Dann können Sie sich absprechen und zumindest ein Auto stehen lassen.
  • Umsichtig fahren: Konstant bei 2.000 Umdrehungen pro Minute fahren, rechtzeitig schalten – das spart Kraftstoff. Nerven schont zudem, wer genügend Abstand hält und den Verkehr um sich herum beobachtet.

Der jährliche Ausstoß von CO2 pro Kopf in Deutschland beträgt laut Umweltbundesamt – wenn man alle Treibhausgase einrechnet – rund zwölf Tonnen. Ein Flug von Frankfurt nach New York schlägt laut der Behörde mit fast vier Tonnen CO2 zu Buche, für Hin- und Rückweg Frankfurt-München sind es 140 Kilogramm.

Jedoch ist der Anteil des Luftverkehrs am weltweiten CO2-Ausstoß gering. Nur etwas mehr als zwei Prozent des Treibhausgases stammen aus den Turbinen von Urlaubsfliegern und Frachtflugzeugen. Doch im Gegensatz zu anderen Bereichen, wie etwa der Stromproduktion oder dem Wärme­bedarf von Wohngebäuden, mangelt es dem Flugverkehr derzeit an Möglichkeiten, den CO2-Ausstoß wirksam zu reduzieren.

Und damit droht sein Anteil in Zukunft dramatisch zu steigen. Denn die Luftfahrtbranche rechnet derzeit mit ­einem Wachstum des Flugverkehrs von im Schnitt fünf Prozent pro Jahr – bis zum Jahr 2037, glaubt der Weltluftfahrtverband Iata, könnte sich die Zahl der jährlich transportierten Passagiere auf rund acht Milliarden verdoppelt haben.

Reisedauer mit Bahn oft nicht länger als mit Flieger

„Klar gibt es noch größere­ CO2-Lieferanten, aber jede­ Reduzierung ist doch etwas wert. Vor allem, weil an der Stellschraube leicht zu drehen ist und es innerdeutsche Flüge grundsätzlich gar nicht braucht“, sagt der 67-Jährige. „Anfahrt, Check-In, Warte­zeiten am Flughafen, Gepäck-Aufgabe und Abholung samt Weiterfahrt zum Zielort: Ein Flug ist schon jetzt oftmals nicht oder nur wenige Minuten schneller als die Bahn“, sagt Becker in Bezug auf innereuropäische Reisen.

Und in wenigen Jahren gebe es 800 Kilometer lange Strecken, die mit der Bahn in drei bis vier Stunden zurückzulegen sein werden. „Entspannt, schnell und direkt am Ziel, nicht erst weit außerhalb ankommen – das bedeutet Zugfahren.“
Und: Beim Flugverkehr ist ohnehin nicht CO2, sondern sind andere Schadstoffe das Problem. Stickoxide und Wasserdampf, der in hohen Luftschichten ausgestoßen wird, tragen zum Klimawandel bei.

Zusammengenommen gehen Forscher davon aus, dass Flugzeuge zwar aktuell nur für etwas mehr als zwei Prozent des CO2-Ausstoßes in die Atmosphäre verantwortlich sind, insgesamt aber für fünf Prozent der Klimawirkungen – durch Wechselwirkungen der einzelnen Schadstoffe. „In manche Länder kommt man nur mit dem Flieger. Aber wenigstens die unnötigen Wege zu vermeiden, zu verringern, zu verbieten, wäre ein effektiver Klima-Beitrag“, sagt Becker.

"Es braucht eine wesentlich leistungsfähigere Bahn"

In Anlehnung an wissenschaftliche Berechnungen fordert der Marburger über die Petition etwa eine Kerosinsteuer für die Airlines im Centbereich. Auch eine Pauschal-Steuer auf Flugtickets zwischen zehn und 20 Euro für innereuropäische beziehungsweise transatlantische Reisen, solle es geben. Bis zu 20 Milliarden kämen so jährlich Experten-Berechnungen zufolge zusammen.

Dieses Geld müsse dann ausnahmslos in die Verkehrsinfrastruktur, speziell im Bahnbereich – wo allerdings alleine der Investitionsstau 57 Milliarden beträgt – investiert werden. Denn im massiven Nah- und Fernverkehrsausbau liegt für Becker der Schlüssel: „Es braucht eine wesentlich leistungsfähigere Bahn.“ Das Streckennetz, die Städte und Regionen müssen gut, schnell, komfortabel erreichbar sein, national wie international.

Dass stattdessen weiter, wie nun beim Stadtallendorfer IC-Halt Stopps gestrichen werden, sei „als gesendetes Signal fatal und als inhaltliche Entscheidung falsch“. Vielmehr brauche es Reaktivierung im Regionalverkehr – etwa die Salzböde-Bahn – und Neubau von Anschlüssen, die auch aus ländlichen Gegenden Fernreisen ermöglichten.

So machen Sie mit

Wollen Sie auch dazu beitragen, die Umwelt zu verbessern, das Klima zu retten und ­unsere Erde für die Zukunft lebenswert zu halten? Dann beteiligen Sie sich an unserer Serie und werden Sie Klimaretter! Schicken Sie uns Ihre­ Ideen und Vorschläge oder erzählen Sie uns, was Sie bereits umsetzen.­ Per Post an die Oberhessische Presse,­ Stichwort: Klimaretter,­ Franz-Tuczek-Weg 1 in 35039 Marburg oder schicken Sie eine E-Mail an die Adresse feedback@op-marburg.de

„Ich sage­ nicht: Leute, bleibt daheim. Ich sage: Leute, nutzt die Infrastruktur!“ Mit seinem Enga­gement, der bisher rund 600 ­Unterzeichner zählenden Petition wolle er „das machen, was ich leisten kann: Wachrütteln, zum Nachdenken anregen und dazu beitragen, dass mancher Mensch tatsächlich umsteigt.“ Das gelinge aber nicht über ­einen „Verbots- oder ­Verzichtsansatz sondern über Motivation, Animation“.

Zahlen, Daten, Fakten zum Reiseverkehr am Flughafen Frankfurt: 69,5 Millionen Fluggäste passierten im Jahr 2018 den Airport – so viele wie nie zuvor und 20 Millionen Menschen mehr als im Jahr 2000. Wie der Betreiber Fraport auf OP-Anfrage mitteilt, ist auch die Zahl der Flugbewegungen gestiegen – um 7,7 Prozent auf insgesamt 512.115 Starts und Landungen, was rund 1.400 pro Tag sind.

Frankfurt: Zu drei Top-Zielen fliegen 1,9 Millionen Menschen

Rund 63 Prozent aller Passagiere am Frankfurter Flughafen im ersten Halbjahr 2019 flogen zu europäischen Zielen. London, Wien und Madrid sind dabei die Routen, auf denen am meisten­ Menschen per Flugzeug von Frankfurt aus unterwegs sind (770.000 bis 540.000). Es sind vor allem Finanz-, Börsen- und Handelsplätze, also vor allem Ziele beruflich Reisender. Als Touristen-Destination liegt einzig Palma mit 500.000 unter den Top-20-Flugrouten ab Frankfurt.

Für den globalen, auch auf CO2-Ausstoß bezogenen Vergleich: Atlanta verzeichnet 104 Millionen Passagiere, Peking 95 Millionen, Dubai 88 Millionen. Frankfurt liegt im Welt-Flughafen-Ranking auf Rang zehn, auf Augenhöhe mit Paris und Shanghai. Nimmt man alle Fluggäste der drei anderen großen deutschen Airports (München, Düsseldorf und Berlin) zusammen, liegt das auf dem Niveau von Dubai.

Eine weltweite Klimaschutzstrategie – vor allem durch technische Lösungen samt Senkung des Energiebedarfs – verfolgt die Branche bereits seit 2009: Ab nächstem Jahr soll der Luftverkehr laut UN-Luftfahrtorganisation CO2-neutral wachsen, heißt: Das Luftverkehrswachstum darf nicht mehr zum Mehr an CO2-Emissionen führen.

von Björn Wisker