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Marburg Jetzt spricht das Orga-Team der Corona-Demos in Marburg
Marburg Jetzt spricht das Orga-Team der Corona-Demos in Marburg
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08:58 14.06.2020
An den Demos gegen die Corona-Maßnahmen – wie hier am 30. Mai vor dem Erwin-Piscator-Haus in Marburg –nahmen zeitweise rund 250 Menschen teil.
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Marburg

Im schummrigen Licht eines Hinterzimmers einer Oberstadt-Bar wirkt das Treffen, das die neun Personen gerade abhalten, regelrecht konspirativ. Und von vielen werden sie, wird das was sie tun, auch genau so wahrgenommen: Verschwörer, Verschwörungs-Theoretiker, die wahlweise wirres Zeug erzählen oder gar einen Umsturz vorbereiten.

Was die Frauen und Männer um Dr. Frank Michler, das Organisatoren-Team der Marburger Corona-Proteste, an diesem Abend tatsächlich tun, ist Studien und Statistiken wälzen, während sie an Getränken nippen.

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„Ich kann diesen Daten, besser: den Folgerungen so nicht glauben“, sagt Michler, Biologe mit Bezug auf die Zahlen des Robert-Koch-Instituts, den Schlüssen speziell des Berliner Virologen Christian Drosten und der Behörden. Es gebe „unsaubere Studien, mit denen Politik gemacht wird“, was er etwa auf den Virologen-Streit zur Ansteckungsgefahr durch Kinder bezieht.

Während Michler stark auf die Forschung schaut, treibt andere eher die gesellschaftspolitische Dimension der Corona-Bekämpfung um. „Vor dem Virus habe ich keine Angst. Davor, dass die Situation genutzt wird um Überwachung auszubauen aber schon“, sagt Michael Thiel, der als Arzt arbeitet und dabei auch die kommende Corona-App im Blick hat.

„Die Einschränkungen sind maßlos, völlig übertrieben geworden“, sagt er. Dass die freiheitlich-demokratische Praxis „ausgehölt“ werde, beschäftigt auch Claudia Wittmann, Therapeutin aus Rauschenberg. „Mich besorgt, dass wir zurückgehen zu einem bequemen, angenehmen Zustand, in der eine Führung sagt, was man darf und was nicht.“ Björn Zimmermann sieht das ähnlich, fürchtet wegen der breit akzeptierten Mundschutz-, Abstands- und Kontaktregeln ein „schleichendes Abgleiten in ein totalitäres System“.

„Rechtsoffen“? Gruppe weist Antifa-Vorwürfe zurück

Vor allem Zimmermann wird aktuell von der Antifa in die Nähe von Nazis und Reichsbürgern gerückt. Als Beleg dafür dient den Kritikern die Tatsache, dass er Demo-Infos in eine Corona-kritische Lahn-Dill-Marburg-Biedenkopf-Gruppe des Nachrichtendienstes Telegram stellt und dort chattete; einige der 180 Mitglieder zeigen in ihren Profilbildern etwa Reichsfahnen oder NS-Symbole, teilen Beiträge unter anderen von Pegida-Chef Lutz Bachmann und Eva Herman. Die Abgrenzungen der Marburger Gruppe, so die Antifa, seien nur „Lippenbekenntnisse, um den demokratischen Schein zu wahren“. Vielmehr würden Teile der Orga-Gruppe die Unterstützung in rechtsextremen Kreisen „bewusst forcieren“, seien „rechtsoffen“ und wollten eine „anti-demokratische Querfront“ bilden. Fakt ist: In besagter Social-Media-Gruppe gibt es immer wieder antisemitische, rechtsradikale, demokratie-feindliche Inhalte, Medienkritik und Verlinkungen auf dubiose Internetseiten. Am Rand einer der ersten Demos wurden zudem bekannte Gesichter der nordhessischen Nazi-Szene gesehen.

Das Statement des Orga-Teams zu den aktuellen Antifa-Anschuldigungen: „In einigen Gruppen werden Inhalte geteilt und Meinungen vertreten, die in unserer Bewegung klar abgelehnt werden.“ Die Querfront- und Antisemitismus-Vorwürfe seien „herbeifantasiert“, es gebe in der Gruppe einen „demokratischen Minimalkonsens“ und die Antifa versuche die Kritik am Regierungshandeln „mundtot“ zu machen. Zimmermann selbst sagt, er habe „Schubladendenken satt“, sei aber seit Wochen eben wegen der Verschwörer nicht mehr in der öffentlichen Chatgruppe. Mit Atilla Hildmann, Nazis oder Reichsbürgern will keiner gleichgesetzt werden.

Aber einige Teile dessen, was etwa der umstrittene Aktivist Ken Jebsen von sich gibt, halten sie für „nachdenkenswert“ – etwa die Entstehung einer universellen Gesundheits-ID, vorangetrieben durch US-Milliardär Bill Gates und dessen Impfkampagne. Denn vor allem das verbindet die Gruppe: Die Ablehnung einer möglichen Corona-Impfpflicht – eventuell über den Umweg eines Immunitätsausweises in Verbindung mit Grundrechts-Privilegien.

Fakt ist: Das Gesundheitsministerium hatte das in einem Gesetzesentwurf geplant, nach Kritik den Passus gestrichen. Ein Impfstoff, so Michler müsse „wenn im selben Umfang und selber Intensität getestet sein wie andere Mittel auch“; nicht im Eiltempo und „als Experiment durchgedrückt werden“, wie Wittmann sagt. „So ein Stoff soll ja ruhig entwickelt werden, aber was in den eigenen Körper kommt, muss jeder selbst entscheiden“, sagt Emilia Sophie Rahim. Ist der Rechts-Kurs, den die Antifa kritisiert, so tatsächlich zu sehen? Es scheint viel komplizierter zu sein. So fiel zwar Michler bei einer Störaktion der vergangenen Black-Lives-Matter-Demo auf. Allerdings sind viele Redner und Teilnehmer der Marburger Corona-Proteste eher dem linken Lager zuzurechnen; von Johannes Linn über Gabriel Schnizler und Rüdiger Draheim bis zu Rahim.

„Ich weiß als Mensch nicht mehr wo ich stehe“

Gerade die junge Frau könnte dabei das Corona-Demonstrant-gewordende Beispiel sein, dass Covid-19 politische Lager verschmelzen, Ängste und Unsicherheit sie überlagern lassen. Rahim bezeichnet sich selbst der Antifa nahe stehend. Sie liebt einen Mann, der kurz nach ihrer Schwangerschaft, kurz vor der Eheschließung von den Behörden 2016 nach Afrika abgeschoben wurde.

Die Erlebnisse, der Umgang mit ihrer Familie hätten etwas in ihr kaputt gemacht – und zwar „das Grundvertrauen in ein gutes, humanitäres, beschützendes System“. Und genau diese Erschütterung spüre sie seit dem Corona-Lockdown erneut.„Es wird alles auseinander gerissen, ich weiß als Mensch nicht mehr wo ich stehe. Es fühlt sich an wie ein freier Fall.“ In ihr sei ein „gigantisches Ohnmachtsgefühl.“ Der Mund-Nasen-Schutz ist für viele ein Symbol für die Hilflosigkeit – sie sehen einen Wirtschaftskollaps, ein unverschuldetes Abrutschen vieler ins Sozialsystem kommen. „Die Angst vor dem Ende der wirtschaftlichen Existenz macht krank“, sagt Zimmermann. Fakt ist: Es gibt bis jetzt 500 000 Arbeitslose und rund 6 Millionen Kurzarbeiter mehr als vor dem Lockdown.

Im Kern fordert die heterogene Gruppe etwas, das zuletzt schon mehrere Professoren der Philipps-Universität anmahnten: Es müssten gerade wegen der Tragweite der Entscheidungen mehr Wissenschaftler – quer durch die Disziplinen – zu Wort kommen, deren Expertise einfließen, Raum bekommen. Nicht nur jene von ein paar ausgesuchten Spezialisten. Linn nennt Namen, etwa von Dr. Wolfgang Wodarg und Professor Sucharit Bhakdi. „Wenn wir nicht mehr mit- statt übereinander reden, geht’s immer weiter auseinander“, sagt Rahim während der Kronleuchter im Zimmer schwach flimmert.

Von Björn Wisker

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